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Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 11:25 Uhr

Rostock : Das etwas andere Hotel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Rostocker Sportforum ist die Hälfte der Beschäftigten behindert – dennoch oder gerade deshalb sind die Gäste in Europas größtem Integrationshotel des Lobes voll.

von
erstellt am 02.Sep.2014 | 11:53 Uhr

Richard von Weizsäckers Zitat „Es ist normal, verschieden zu sein“ steht am Eingang zum Hotelrestaurant. Der Gast aus Österreich sucht dennoch erst nach einer besonders höflichen Formulierung: „Es ist uns schon aufgefallen, dass es hier, äh, etwas ungewöhnlich ist.“ Der Zufall hatte das Ehepaar Hirtl aus Wien ins Hotel Sportforum geführt, als es auf seiner Norddeutschland-Rundreise für eine Nacht ein Quartier in Rostock suchte. Dass sie dabei in Europas größtem Integrationshotel gelandet waren, ahnten die Hirtls nicht. „Aber das ist eine wirklich gute Sache, dass man Menschen mit einer Behinderung hier eine Perspektive gibt.“

Ines Riedel aus Sitzenrode in Sachsen dagegen wusste von vornherein, wo sie mit ihrer Familie für einen fünftägigen Aufenthalt eingecheckt hatte. „Ich habe beruflich selbst mit Behinderten zu tun und finde es sehr interessant, wie sie sich hier in den Hotelbetrieb einbringen.“ Dass auch mal Geschirr zu Bruch ginge oder ein Servicemitarbeiter ein zweites Mal an den Tisch käme, um sich zu vergewissern, dass er die Bestellung noch richtig in Erinnerung hat, sei doch nur menschlich – und würde ja auch Menschen ohne Handicap passieren. Sie könne das Sportforum jedenfalls nur weiterempfehlen, betont Ines Riedel.

Ein Satz, der Mathias Freiheit freuen dürfte. Seit der Eröffnung im August 2013 führt er die Geschäfte des Hauses. Der Verein „Ohne Barrieren“ betreibt das Hotel mit 92 Zimmern, acht Tagungsräumen, Restaurant und Bar als Integrationsbetrieb – von den 48 Beschäftigten hat die Hälfte ein Behinderung.

Das Sportforum sei einmal gebaut worden, um Sieger hervorzubringen, erzählt Freiheit. Seit seiner Errichtung 1962 bis zur Wende war das heutige Hotelgebäude das Internat der Kinder- und Jugendsportschule. Danach stand das Haus lange leer und verfiel zusehends, bis es vor einigen Jahren von einem Rostocker Ehepaar aufgekauft wurde, das es zu einem Hotel mit angeschlossenem Bürotrakt umbauen ließ.

Die Idee für den Betrieb als Integrationshotel sei, die Welt nicht in Gewinner und Verlierer zu teilen, erzählt Mathias Freiheit. Dennoch sind viele Sieger, die hier ihre sportliche Karriere starteten, noch immer präsent: Spätere Weltmeister und Olympiasieger wie die Läuferin Marita Koch oder der Zehnkämpfer Christian Schenk hätten hier ebenso gewohnt und trainiert wie die Weltklasse-Sprinterin Silke Gladisch. Letztere, die seit ihrer Heirat Möller heißt, hat dem Hotel eine ganze Vitrine voller persönlicher Erinnerungen zur Verfügung gestellt, darunter die 1988 bei Olympia in Seoul gewonnene Bronzemedaille.

Auch sonst klingt die sportliche Vergangenheit überall im Hotel an: Die Tagungsräume heißen nach großen Stadien, die Wände schmücken Fotos von sportlichen Großereignissen oder bekannten Athleten. Immer wieder bleiben Gäste davor stehen und schwelgen in Erinnerungen.

Am Empfangstresen sitzt ein Sportler, der bereits an deutschen Meisterschaften und sogar am Weltcup teilgenommen hat. Doch ihn kennen die wenigsten Gäste: Sebastian Gadow gehört zu den Rollstuhlfechtern von TuS Makkabi Rostock. Seit Februar arbeitet der seh- und gehbehinderte junge Mann im Hotel Sportforum. Er habe Bürofachkraft gelernt und sei zwei Jahre lang ohne Arbeit gewesen, erzählt der Rostocker, bevor er über ein Integrations-Projekt zu einem Praktikum ins Hotel vermittelt wurde. Anschließend habe er in Österreich noch ein zweites Praktikum gemacht. „Und dann stand fest, dass eine Rezeption der Ort ist, wo ich arbeiten möchte.“

Empfangschefin Wenke Wollenberg ist sehr zufrieden mit ihm. Und auch Operations-Managerin Nancy Sommer lobt das Team, in dem alle ohne Unterschied ihr Bestes geben würden.

Wobei es natürlich Unterschiede gibt: Eine Taubstumme, eine Autistin, zwei Mitarbeiter mit dem Down Syndrom, Menschen, die nach einem Schlaganfall oder einer anderen schweren Krankheit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind – „keiner unserer Mitarbeiter mit Behinderung ist wie der andere“, betont Nancy Sommer. Sie koordiniert die Anläufe im Hotel, und muss sich dabei auf jeden Kollegen neu einstellen. „Das heißt in erster Linie, seine Stärken zu erkennen und ihn nicht gerade da einzusetzen, wo er Defizite hat“, erläutert Sommer. In anderen Hotels, in denen sie gearbeitet hat, konnte sie genau sagen, wie viele Mitarbeiter sie bei einer bestimmten Belegung oder für eine Veranstaltung in einer bestimmten Größenordnung einplanen muss. „Hier ist das anders, denn unseren Mitarbeitern mit einer Behinderung werden zum Beispiel immer gesunde Kollegen zur Seite gestellt.“

Auch im Service sei manches anders als in anderen Hotels: Die Restauranttische sind nicht eingedeckt, Gäste nehmen sich statt dessen das Besteck selbst von Ständern, die auf jedem der Tische stehen. „Sie nachzufüllen fällt den Kollegen leichter, als für jeden Gast das Besteck aufzulegen“, erläutert Nancy Sommer. Schwere Biergläser würden auch mal mit der Hand statt vom Tablett serviert. „Wir haben auch keine Glas-, sondern nur PET-Flaschen – die gehen nicht kaputt, wenn sie mal runterfallen sollten.“

Auch in anderen Bereichen gibt es Hilfsmittel. Das taubstumme Zimmermädchen zum Beispiel wird nicht per Anruf, sondern über einen Vibrationsalarm und eine schriftliche Mitteilung informiert, wenn z. B. in einem Zimmer neue Duschtücher gebraucht werden.

Auch für Desiree Berteit wurden im Hotel spezielle Arbeitsbedingungen geschaffen. Probleme bei der Verarbeitung von Reizen, eine sensorische Überempfindlichkeit und Schwierigkeiten, soziale Beziehungen zu unterhalten – das alles sind Symptome der Krankheit, an der die 24-Jährige leidet. Dennoch leistet sie im Empfangsteam des Hotels einen wichtigen Beitrag: In einem separaten Raum verwaltet sie am Computer die Reservierungen. Außerdem erstellt sie täglich die Wetterlisten, die an der Rezeption ausgelegt werden. Und besonderen Spaß macht ihr das Übersetzen der Speisekarten für die auswärtigen Esser, die aus der Hotelküche mit versorgt werden. Sebastian Gadow ist dafür verantwortlich, deren Bestellungen anzunehmen und an die Küche weiterzuleiten.

Sein Arbeitsplatz an der Rezeption ist abgesenkt, so dass sich ein Gast im Rollstuhl und der Empfangsmitarbeiter von Anfang an auf Augenhöhe begegnen. Auch sonst sei baulich darauf geachtet worden, keine Barrieren zu schaffen, betont der Hotelgeschäftsführer: Alle Etagen können mit einem Fahrstuhl erreicht werden. Neun der Zimmer sind extra auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern zugeschnitten worden.

Gäste des Hauses sind aber längst nicht nur Menschen, die selbst ein gesundheitliches Handycap haben. „Bei uns steigen viele Geschäftsreisende ab, jetzt im Sommer besonders viele Familien – und natürlich Sportler, die hier bei Wettkämpfen starten“, zählt Mathias Freiheit auf. Dazu kämen Gäste der Sportvereine, die wie der Landesfußballverband ihren Sitz im angrenzenden Bürotrakt haben. Und für Hansa-Fans, die von außerhalb zu den Heimspielen ihres Vereins anreisen, gibt es spezielle Wochenend-Angebote. „Wir haben eine Dame aus Berlin, die schon seit unserer Eröffnung immer, wenn Hansa zu Hause spielt, bei uns eincheckt“, verrät MathiasFreiheit. Auch viele prominente Sportler seien schon im Hotel Sportforum abgestiegen. Fragt man allerdings den Rezeptionisten Sebastian Gadow, über wen er sich beim Einchecken besonders gefreut hat, nennt er keinen von ihnen. „Das war mein eigener Rollstuhl-Fecht-Verein.“

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