"Das Ersparte von Jahren ist weg"

<strong>Hat der Volkssolidarität vertraut und 20 000 Euro verloren:</strong> Adam Buch   aus Langhagen <foto>roth</foto>
Hat der Volkssolidarität vertraut und 20 000 Euro verloren: Adam Buch aus Langhagen roth

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31. Januar 2013, 10:35 Uhr

Krakow | So richtig fassen kann er es immer noch nicht: Jahrzehnte hat Adam Buch hart gearbeitet, "im Schacht, später als Traktorist auf der LPG", erzählt der 77-Jährige aus Langhagen im Landkreis Rostock. Jeden Morgen um 5 raus - "die Viehzucht zu Hause war ja auch noch zu versorgen", meint Buch, "alles für die Familie, für unsere drei Kinder und, damit wir es uns im Alter mal gut gehen lassen können." Daraus wird erstmal nichts, Buch muss längst Abstriche machen: Denn ausgerechnet ein Fonds der Volkssolidarität hat die Buchs um das, was sie all die Jahre zur Seite gelegt hatten, gebracht. "Das Geld ist weg", meint der Rentner. Buch ist einer von 1600 Geschädigten, die in dem größten Anlegerskandal in MV von zwei Immobilienfonds der Kreisverbände Mecklenburg-Mitte und Bad Doberan/Rostock-Land der Volkssolidarität um fast zehn Millionen Euro geprellt wurden.

Adam Buch schüttelt noch immer den Kopf: Dabei habe alles so verheißungsvoll begonnen, erzählt er. Seit den 60er-Jahren habe er die Volkssolidarität unterstützt - mit Beiträgen, mit Spenden. Solidarität, Hilfe - Buch war immer dabei. Volkssolidarität - "das stand für Vertrauen", sagt der 77-Jährige. Da war es keine Frage, das Angebot für eine lukrative Geldanlage bei der Volkssolidarität zu nutzen - zunächst 5000 Euro. "Fünf Prozent Zinsen haben sie uns versprochen - und auch gezahlt", sagt Buch. Bei organisierten Ausflügen u. a. ins benachbarte Dobbertin sei über die Vorzüge der Anlage informiert worden, über die späteren Vorteile, im Alter in einer Immobilie der Volkssolidarität dann auch preiswerter wohnen zu können, erinnert sich der Rentner. Keine Frage, als vier Jahre später Anlageberater der Volkssolidarität sogar mit einer Rendite von 5,5 Prozent bei den Buchs warben und sie 2009 weitere 13 000 Euro im Vertrauen auf die Seriösität des Wohlfahrtsverbandes anlegten - zunächst tatsächlich mit der versprochenen Rendite, später vergebens. Das Geld ist weg, die Fonds pleite - "samt Zinsen mehr als 20 000 Euro", rechnet Buch vor: "Wir sind um das Ersparte einiger Jahre gebracht worden."

Noch gibt Buch aber nicht alles verloren. Er ist einer von weniger als 100 Menschen, wie die Verbraucherzentrale schätzt, die noch eine Chance auf eine Entschädigung haben. Voll banger Hoffnung schaut er auf ein heute beginnendes Verfahren am Landgericht Rostock, mit dem vier Kläger einen Anspruch auf Entschädigung durch verloren gegangene Einlagen erreichen wollen. Auch Buch hatte seinerzeit Anzeige erstattet und sich an einem Schlichtungsverfahren beteiligt. Buch: "Ich hoffe, dass ich doch noch etwas zurückerhalte." Das wird auch Zeit: Jahrelang seien die geprellten Anleger leer ausgegangen. Zwar handele es sich um zwei rechtlich selbstständige Kreisverbände in MV, die die windigen Geschäfte zuließen. Am meisten ärgere es ihn aber, dass ausgerechnet der Sozialverband, der in Ostdeutschland bei Senioren das größte Vertrauen genoss, seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Volkssolidarität - "Solidarität bedeutet Hilfe und nicht Betrügereien", ärgert sich Buch über die Untätigkeit des Landes- und Bundesverbandes. Schnell bekomme man den Eindruck, "die spielen auf Zeit und hoffen auf eine biologische Lösung", sagt Buch. Für viele Anleger käme sowieso jede Entschädigung schon zu spät. Wie im Fall eines Nachbarn von Buch in Langhagen. Elise und Manfred Kapust hatten 2009 den Fall ins Rollen gebracht. Über Jahre war das Rentnerehepaar nicht an ihr Erspartes gekommen. Der Immobilienfonds verweigerte die Auszahlung, die Rendite blieb aus, protestierten die beiden Senioren - vergebens. Ihr Geld ist längst weg, und die Frau inzwischen gestorben. Buchs Nachbar hat längst resigniert: "Ich will damit nichts mehr zu tun haben", meint Kapust heute. Adam Buch kämpft indes weiter: "Die Wut lässt einen nicht los", meint er. Buch hat die Konsequenzen gezogen. Solidarität - dafür stehe er nach wie vor. Nur, die Idee, der Ruf des Verbandes sei durch den Anlegerskandal der Volkssolidarität-Kreisverbände beschädigt worden. Dem Sozialverband habe er längst den Rücken gekehrt und sei ausgetreten. Keine Beiträge mehr, keine Spenden: Volkssolidarität - "da muss ich derzeit immer gleich an Abzocke denken".

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