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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 04:06 Uhr

"Das Erhaltene wiegt das Erlebte nicht auf"

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erstellt am 06.Jun.2013 | 10:57 Uhr

Furtwangen / Schwerin | "Die Tafeln sind zum Sinnbild für das wirkliche Unten in der Gesellschaft geworden", sagt der Soziologie-Professor Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen. Zum 20-jährigen Jubiläum der Tafeln wird auch die Kritik laut: Sie seien ein Ausdruck der sich verfestigenden Armut in Deutschland und ein symbolischer Ort dafür geworden, wohin die Betroffenen nie kommen wollten.

Selke und seine Mitstreiter vom "Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" sehen den Tafel-Boom der vergangenen Jahre als das Ergebnis eines kontinuierlichen Abbaus des Sozialstaates. Die Balance zwischen staatlicher Wohlfahrt und privater Wohltätigkeit gehe mehr und mehr verloren. "Deshalb wollen wir 20 Jahre Tafel nicht bejubeln", macht der Soziologe deutlich.

Dabei hätte die Institution an sich durchaus eine Nischenberechtigung, so Selke. Doch derzeit würde sie die Probleme einer unzureichende Sozialpolitik abfangen müssen, und das in großem Stil: "Die Tafeln sind der Pannendienst der Gesellschaft", bemängelt der Forscher.

Deshalb kämpfen die Kritiker unter dem Motto: "Armgespeist! - 20 Jahre Tafeln sind genug!" für mehr soziale Gerechtigkeit: "Anstatt Armut nachhaltig durch politisches Handeln zu bekämpfen, wird die private Wohltätigkeit als kostengünstiger Ersatz instrumentalisiert und gefeiert", so Selke. Im Wahlkampf würde nur noch über alternative Tafeln, aber nicht über Alternativen zu den Tafeln gesprochen", kritisiert er. "Da stehen die 20 Jahre Tafel einfach im Raum." Als System hätten sie sich jedoch nicht bewährt.

Hinzu käme die Diskriminierung der Betroffenen: "Das Erhaltene wiegt das Erlebte dort bei Weitem nicht auf", stellt Selke, der im Rahmen seiner Forschungen mehr als 150 Tafelnutzer interviewt hat, fest. Die Betroffenen müssten durch die Beweispflicht ihrer Ansprüche und das Anstellen in den oft langen Schlangen eine Beschämung und gesellschaftliche Aberkennung erfahren, die nicht menschenwürdig seien. Die Forschungen hätten klar ergeben, dass die Tafeln zu einer massiven Ausgrenzung der betroffenen Nutzer führen würden, sagt der Soziolgie-Professor.

Das Aktionsbündnis will deshalb auf die Problme des Themas aufmerksam machen: "Wir wollen mit unserer Arbeit eine kompetente und informierte Gegenöffentlichkeit aufbauen", sagt Stefan Selke. Buchtipp zum Thema: "Schamland: Die Armut mitten unter uns" von Stefan Selke, erschienen im Econ Verlag unter der ISBN: 9783430201520 zum Preis von 18 Euro.

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