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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 15:12 Uhr

Das Ende kam per Fax

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2012 | 08:36 Uhr

Schwerin. | "Ich hatte schon so ein ganz komisches Gefühl und hab gesagt, pass auf, wir sind dabei", erinnert sich eine Schlecker-Verkäuferin an die vergangene Woche. Trotzdem hat es ihr am Dienstag den Boden unter den Füßen weggezogen. Am späten Nachmittag, als die Kollegin schon gegangen war und sie ganz allein im Laden war, lag das Schreiben plötzlich im Fax. Die Filiale soll dichtmachen. Am 24. März.

Als sie das erzählt, stockt ihre Stimme, stehen ihr wieder Tränen in den Augen. Trauer und Schock. Wie sie überhaupt mit dem Auto heil nach Hause gekommen ist, weiß sie heute nicht mehr.

So sieht es an diesem Mittwochnachmittag in einer der fünf Filialen aus, die in Schwerin und Umland geschlossen werden sollen. Die Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden will, weil sie Angst vor der Kündigung hat - "Man muss ja auch gucken, wie es mit einem weitergeht" - hat die Nachricht noch nicht verdaut. Und sie versucht doch, die Entscheidung des Konzerns nachzuvollziehen. Natürlich, die Umsätze seien immer weiter in den Keller gegangen. Der Wettbewerber um die Ecke. Die vielen Pendler, die auf dem Weg zur Arbeit anderswo einkauften. Keine Waren in den Regalen, als Schlecker nicht liefern konnte. "Da kommt der Kunde einmal, zweimal, und nicht wieder. So ist das einfach", sagt die Angestellte.

"Es ist immer alles schön gewesen", erinnert sie sich an früher. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, die tariflichen Erhöhungen, bezahlte Überstunden - sie hätten alles bekommen. Angefangen habe die Talfahrt 2008. "Mit der negativen Publicity wegen Leiharbeitern", sagt sie. Heute sei es deprimierend, den ganzen Tag auf Kunden zuwarten. "Wir stehen hier unsere Zeit ab." Und wenn sie dann abends in die Kasse schaue: "Nichts drin."

Doch es regt sich auch Widerstand in der Frau. Von Ausverkauf will sie noch nichts wissen. "Solange ich die Utensilien zum letzten Dekorieren des Ladens noch nicht habe, mache ich noch keinen Ausverkauf", wehrt sie sich gegen die Konzern-Aufforderung, alle Waren preiswerter anzubieten. Ein kleines gallisches Schlecker-Dorf in Schwerin.

"Eine Katastrophe für die Kolleginnen", ist Miriam Wunram verärgert. Die Betriebsratsvorsitzende für die Region Schwerin-Wismar ärgert sich über die Art und Weise, wie die Mitarbeiterinnen von der Kündigung erfuhren. "Per Fax. Einfach so auf dem kalten Dienstweg." In der vergangenen Woche habe sie eine vorläufige Liste mit zu schließenden Filialen bekommen. Zwei, drei Tage habe sie Zeit gehabt, um Widerspruch einzulegen, ist Miriam Wunram sauer. Zwei Schweriner Standorte - Am Margaretenhof und in der Amtsstraße - stünden nicht auf der aktuellen Liste. Vermutlich werde ihre Schließung noch geprüft. Ein Hoffnungsschimmer? "Keine Ahnung. Es dringt ja kaum was nach außen", macht sie ihrem Ärger Luft.

Doch nicht nur im Westen des Landes sitzt der Schock tief. In Neubrandenburg sind fünf Filialen betroffen. Heidi Stoll, Betriebsratsvorsitzende vor Ort, sieht die Politik in der Pflicht. "Jetzt soll Deutschland was für die Schlecker-Frauen machen", fordert sie mit Blick nach Oberhof, wo derzeit von Arbeitnehmervertretern und dem Insolvenzverwalter über die Zukunft der Mitarbeiterinnen verhandelt wird. Es geht um etwa 70 Millionen Euro für eine Transfergesellschaft, um die knapp 12 000 Mitarbeiterinnen vor dem schnellen Aus zu bewahren.

Davon betroffen sind auch neun Filialen in der Region Ostvorpommern-Greifswald. "Die Mitarbeiterinnen sitzen an der Kasse und weinen", sagt Christine Kriesel-Wellner vom Anklamer Betriebsrat. Acht Märkte seien in den vergangenen drei Monaten schon dichtgemacht worden. In Ducherow, Loitz und Ahlbeck werde die Schließung derzeit noch geprüft. "Doch ob wir was machen oder nicht, ist egal", ist Kriesel-Wellner resigniert.

Und das Ende der Fahnenstange sei noch nicht abzusehen, da sind sich die Betriebsrätinnen einig. In der kleinen Schweriner Filiale sind indes zwei Plakatrollen angekommen.

Die Poster, die den Ausverkauf ankündigen. Rot und deutlich. Pflichtbewusst greift die Schlecker-Angestellte zum Klebestreifen und macht sich auf zur Tür. Die Baby-Werbung kann jetzt weg. "For you" jetzt nicht mehr vor Ort. Dafür: "Sofort 30 Prozent auf alles. Vielen Dank für Ihre langjährige Treue."


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