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Tauschbörse Alt-Meteln : Das Ende der Wegwerfgesellschaft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lutz Turczynski belebt das nordwestmecklenburgische Dorf Alt-Meteln mit vielen Ideen: Er plant auf seinem Öko-Hof eine Tauschbörse

Nachdenklich blickt Lutz Turczynski über den Rand seiner runden Brille. Der erste Eindruck ist paradox: Der viel belesene Freigeist wirkt wie ein Aussätziger im mecklenburgischen Dorfidyll. Sein Geist sprudelt noch voller Roman- oder Drehbuchideen. Manchmal fällt es schwer, den Faden nicht zu verlieren, und doch verbreitet sich in Windeseile eine Aura von Ruhe, beinahe Gemütlichkeit beim Gespräch in Alt-Meteln unweit von Schwerin. Es wird klar, warum sich der 47-Jährige gerade hier seinen Rückzugsort gesucht hat. Hier hat er Freiraum für seine Ideen.

Zunächst gründete Turcynski den gemeinnützigen Verein „Öko-Kinderladen Zwiebelchen“, dessen Hauptanliegen die Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen ist. Es entstand ein einmaliges Wohnprojekt – ohne Handys, Computer oder Internet. Wie der ehemalige Regisseur erläutert, sollen aus dem respektvollen Umgang miteinander Solidarität und Achtung erwachsen. Förderung erhielt Turczynski für sein Projekt unter anderem von Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD), und im Rahmen der Aktion „5000 x Zukunft“ kam Unterstützung von Thomas Gottschalk. „Die Jugendlichen wurden nachweislich seltener straffällig“, so der ehemalige Regisseur.

Neben der Betreuung von Jugendlichen engagiert sich Lutz Turczynski seit Jahren im Natur- und Umweltschutz. Der Wille zur Veränderung lässt ihn jedoch nicht los. Aktuell steckt er mitten in den Vorbereitungen zur Renovierung seines Hofes. „Hier entstehen 33 Felder unterschiedlichster Größe, die zur freien Bewirtschaftung verpachtet werden.“ Die Beete sollen gemeinschaftlich gepflegt, Erträge getauscht oder auf dem hofeigenen Markt verkauft werden. „Schön wäre eine autarke Selbstversorgung.“, sagt Turczynski, dem man gerne zuhört. Auf seinem Hof setzt er auf Permakulturen und dezentrale Energieversorgung. Alle nötigen Gartengeräte wie Spaten oder Saatgut möchte er auf dem Hof zur Verfügung stellen. „Das Konzept tauschen statt bezahlen steht als Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft. Mir ist Solidarität aus Mangel lieber als Überdruss aus Überfluss“, so der ehemalige Regisseur. Die Theorien von Marx bestimmen sein Denken und Handeln bis heute.

Sein neuestes Projekt trägt den eigenwilligen Arbeitstitel „1. Öko-Inter-Feministische Frauen-Tauschbörse“. „Sie richtet sich in erster Linie an arbeitslose, alleinerziehende oder haftentlassene Frauen.“ Gefragt, warum Turczynski insbesondere Frauen ansprechen möchte, muss er überlegen: „Frauen sollen ihre Zukunft selbst gestalten können. Solche Orte des Austauschs zeigen, dass gemeinschaftliches Engagement hilft, auch schwierige Lebensabschnitte zu bewältigen“, antwortet er. Unterstützung findet der Ökohofbesitzer in Alt-Metelns Bürgermeister Hans-Jürgen Zobjack. „Turczynski hat gute Ideen und ist ein kluger Kopf, doch es gibt noch Potenzial bei deren Umsetzung“, gibt das Gemeindeoberhaupt zu. „Ich nehme mir in meinen Sprechstunden jedoch viel Zeit für seine Anliegen.“

Vor Kurzem stellte Turczynski seine Pläne auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) und Silke Gajek (Grüne) in Schwerin vor. „Ich erhoffe mir ihre Unterstützung. Ein Empehlungsschreiben wäre bereits ein Durchbruch, um weitere Fördergelder sowie interessierte Mitstreiter zu finden“, sagte Turczynski, der mitkerweile seit 20 Jahren in Alt-Meteln wohnt. Damals beschloss er, dem Konsum in Berlin zu trotzen. „Ich denke noch gern zurück. Treffen mit Heiner Müller waren keine Seltenheit“, sagt er sichtlich stolz.

Doch jetzt scheint er angekommen auf dem Land und will es weiterhin neu beleben. Die Gemeinschaft im Dorf beäugt den Zugezogenen jedoch kritisch. Seine Ideen und sein eigentümlicher Garten-Wildwuchs polarisieren.

Im Dokumentarfilm „Alt Meteln. Kleines Stück vom Schicksal“ von Carmen Blazejewski werden die unterschiedlichen Lebenswelten kunstvoll inszeniert. Trotzdem hat sich Turczynski gut vernetzt. „Ich habe Kontakte zu Handwerksbetrieben aus dem Landkreis, aber auch Freunde, dir mich hier gern besuchen“, sagt der 46-Jährige, der noch nie eine E-Mail verfasst hat.

„Das Internet zermanscht jedes Gehirn und tut einfach nich jut“, berlinert Turczynski. Der „digitalen Bildersintflut“ des modernen Zeitalters möchte der gebürtige Ost-Berliner  auf  seinem 10 000 m² Bio-Hof in Nordwestmecklenburg entgehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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