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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 09:36 Uhr

Elbdorf Rüterberg : Das eingezäunte Dorf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein kleines Museum erinnert im Elbdorf Rüterberg an das Leben als eingesperrte DDR-Gemeinde – fraglich, wie lange noch

Die Idylle in Rüterberg entschädigt für das Ungemach der Vergangenheit: Das mecklenburgische Dorf thront hoch über der Elbe. Weit reicht der Blick ins niedersächsische Wendland hinüber. Die Ruhe ist göttlich, die Landstraße führt in einigem Abstand am Ort vorbei. Unten am Fluss bringt der Elberadweg im Sommer täglich mehrere hundert Touristen in den Ort, der voller Geschichte steckt.

Ein Gedenkstein für die Opfer der innerdeutschen Grenze und ein paar Meter Metallzaun daneben lassen Radler absteigen. Ein Blick auf die Erinnerungstafel, ein Foto am Zaun und weiter gehts.

Wer mehr erfahren will, muss die Pflasterstraße bergan ins Ortszentrum fahren. Dort, unter dem Dach des aufgegebenen Gasthofs, erinnert ein kleines Museum an die Zeit, als das Dorf und seine damals 150 Einwohner eingezäunt waren. Nur durch ein Postentor waren sie von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends mit der DDR-Außenwelt verbunden.

„Das Geld vergessen zu haben, war weniger problematisch als den Ausweis“, erzählt Meinhard Schmechel. Der 66-Jährige schließt den wenigen Besuchern, die wahrscheinlich im Internet von der Heimatstube gelesen haben und sie sehen wollen, die Tür auf. Wenn er Zeit hat, erzählt er auch aus den 22 Jahren seines Lebens als Eingezäunter. „Ich sage immer: Wir hatten eine fünf mal einen Kilometer große Auslaufzone.“ Ein drei Meter hoher Streckmetallzaun umgab das Dorf. Zur östlich gelegenen Landstraße hin krönten ihn Stacheldraht-Abweiser nach innen und außen. Zur Elbe, der Westgrenze, hin merkwürdigerweise nicht. Die Häuser in Rüterberg sind schmuck. Neben liebevoll restaurierten Dorfkaten haben sich Zugezogene Ferienhäuser und Alterssitze gebaut.

Der Weg hinauf ins Dorf führt am Fundament eines alten Hauses vorbei, das mit Blumen bepflanzt ist. „Die Leute wurden in den 60er- Jahren ausgesiedelt, sie waren kirchennah“, erzählt Schmechel. Er kam 1966 als junger Grenzsoldat nach Rüterberg, im Jahr darauf wurde der Zaun ums Dorf gezogen. In dem Ort lernte Schmechel seine spätere Frau kennen. Im Mai 1968 sollte Hochzeit sein. Das große Familienfest musste wegen der etwas frühen Geburt der Tochter um ein paar Wochen verschoben werden – und fiel damit in Rüterberg aus. „Die Passierscheine für die Gäste waren abgelaufen, neue gabs so schnell nicht, da war nichts zu machen.“ Die Hochzeitsfeier fand schließlich in Schmechels alter Heimat nahe Greifswald statt. Die Ortschronik vermerkt für die Jahre 1968 und 1969 elf versuchte Grenzdurchbrüche im Raum Dömitz/Rüterberg.

Im Museum liegen unter spärlicher Beleuchtung viele Dokumente: Passierscheine und DDR-Ausweise mit rotem Stempel, der den Rüterbergern die Benutzung des Tors erlaubte. An den Wänden hängen FDJ-Hemden, DDR-Grenzuniformen und verblassende Porträts von Wilhelm Pieck bis Erich Honecker.

Mittendrin eine gerahmte Urkunde. „Hiermit verleihe ich der Gemeinde Rüterberg das Recht, die Bezeichnung ,Dorfrepublik Rüterberg 1967-1989‘ zu führen“, steht darauf. Unterzeichnet hat sie 1991 der erste Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns nach der Wende, Georg Diederich (CDU). Die Gemeinde Rüterberg gibt es nicht mehr, der Ort mit heute gut 200 Einwohnern wurde 2004 nach Dömitz eingemeindet. Doch der Titel „Dorfrepublik“ prangt weiter am Ortseingangsschild. Am 8. November 1989, einen Tag vor der Öffnung der Mauer, hatten die Bürger Rüterbergs ihren Ort nach Schweizer Vorbild zur Dorfrepublik erklärt.

Am 10. November wurden die Posten am Tor abgezogen. „Eine 22-jährige Einsperrung wird beendet“, heißt es knapp in der ausliegenden Chronik. Schmechel, der von 1981 bis zur Eingemeindung 2004 Bürgermeister von Rüterberg war, macht sich Sorgen um die Zukunft des Museums, das er maßgeblich mit aufgebaut hat. „Früher kamen ganze Busse mit Besuchern“, sagt er. Heute verirre sich kaum jemand dorthin. Werbung gibt es nicht. Jetzt soll der Gasthof verkauft werden. Schmechel weiß nicht, was der künftige Eigentümer mit dem Dachboden vorhat. Ob die Heimatstube vielleicht doch dort bleiben kann.


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