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Vom Massenprodukt zum Nischenerzeugnis : Das ehemalige Grundnahrungsmittel

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Gründe für den Niedergang des über Generationen unersetzlichen Lebensmittels gibt es viele. Die Produktion ist zu aufwendig und zu kostenintensiv. Am Ende sind auch noch die Absatzpreise schlecht.

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erstellt am 19.Jul.2013 | 09:20 Uhr

Rostock | Mit sichtbarem Stolz schreitet der Landwirt Herwig Elgeti durch seine Kartoffelreihen. "Die Pflanzen stehen in diesem Jahr besonders gut. Erst der viele Regen und nun die sommerlichen Temperaturen, einfach optimal für das Wachstum", sagt der Inhaber eines kleinen Familienbetriebes in Ikendorf im Landkreis Rostock. Auf neun Hektar hat der ehemalige Chef des Deutschen Kartoffelhandelsverbandes drei Speisesorten angebaut. Damit ist er inzwischen ein Exot in der einstigen Kartoffelhochburg Mecklenburg-Vorpommern. Speisekartoffeln aus der Region werden zunehmend zur Rarität.

Der Geschäftsführer des Saatgutverbandes im Land, Dieter Ewald, kennt die Zahlen: 1992 wurden in MV auf 27 500 Hektar Kartoffeln angebaut, heute sind es noch 11 400 Hektar. Der Anteil an der Gesamtanbaufläche liegt bereits unter einem Prozent.

Gründe für den Niedergang des über Generationen unersetzlichen Lebensmittels gibt es viele. "Die Produktion ist zu aufwendig und zu kostenintensiv", sagt der Chef der Agrargenossenschaft Papendorf, Klaus Zeplien. "Am Ende sind auch noch die Absatzpreise schlecht. Da spielt der globale Wettbewerb mit hinein. Zudem fehlt vielerorts Wasser für eine ausreichende Beregnung." Und doch wachsen bei ihm in diesem Jahr auf knapp 50 Hektar Kartoffeln. Den Acker hat die Genossenschaft der Norika Kartoffelzucht GmbH Groß Lüsewitz überlassen.

Das Züchterhaus ist ständig auf der Suche nach geeigneten Flächen, um vor allem neu zugelassene Sorten zu vermehren, damit sie ausreichend zum Anbau angeboten werden können. Abnehmer gibt es weltweit, wie Geschäftsführer Wolfgang Walter berichtet. "Mit dem Flächenrückgang hierzulande müssen wir uns nach neuen Partnern umsehen. Um eine neue Sorte hervorzubringen, brauchen wir zwölf Jahre. Das kostet viel Geld. Umso wichtiger sind für uns ausreichende Absatzmöglichkeiten", sagt Walter. Neukooperationspartner Zeplien weiß um den Stellenwert der Kartoffel innerhalb einer ausgewogenen Fruchtfolge. Wegen der intensiven Bearbeitung hinterlassen die Knollen eine hervorragende Bodenstruktur mit wenig Unkraut. Zum eigenen Anbau zurückkehren will er dennoch nicht. Mit Getreide, Raps und Mais lässt sich bei weniger Aufwand und geringerem Risiko deutlich mehr Geld verdienen.

Der Rückgang hat auch Folgen für die Verarbeitungsindustrie im Land. Die Mecklenburger Kartoffelveredlung in Hagenow und das Pfanni Werk in Stavenhagen, die sich nach der Wende inmitten eines Anbauzentrums etablierten, sind zunehmend auf Lieferungen aus anderen Regionen angewiesen. Im Land gibt es noch knapp 300 Kartoffelanbauer, vor wenigen Jahren waren es noch doppelt so viele.

Chancen sieht der Verein "ländlichfein" im Anbau ausgefallener Sorten. "Spitzenköche suchen nach Kartoffeln, die nicht nur ausgezeichnet schmecken, sondern auch ein Blickfang auf dem Teller sind", sagt Geschäftsführerin Nicole Knapstein. Norika hat sich darauf eingestellt. Gerade wurde Merlot anerkannt, eine kleine Sorte, die durch ihre Rotfärbung ins Auge fällt.

Verbraucher greifen inzwischen bevorzugt auf kleinere Knollen zurück, erst recht, nachdem sich die Preise wegen des späten Erntebeginns gegenüber 2012 mehr als verdoppelt haben.

Landwirt Elgeti jedenfalls sagt: "Kartoffeln sind mein Leben. Meine Kunden würden mir ohnehin nie verzeihen, wenn ich Schluss machen würde."

Extra
Die Kartoffel...gehört wie die Tomate zu den Nachtschattengewächsen. Der Name Kartoffel leitet sich vom italienischen Tartufolo – Trüffel – ab. Weltweit gilt sie als Nummer 4 unter den Nahrungsmitteln mit einer Jahresproduktion von mehr als 330 Millionen Tonnen. Größter Anbauer ist China, Deutschland belegt Platz 6. Das Ursprungsgebiet der Kartoffeln sind die Anden, wo sie seit 13 000 Jahren angebaut werden. Nach Europa gelangten sie erstmals 1562, zunächst auf die Kanaren. Anfangs wurden sie lediglich als Ziergewächs angebaut. Gegenwärtig sind rund 5000 Sorten weltweit bekannt.

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