zur Navigation springen

Dechow gewinnt bundesweiten Wettbewerb : Das Dorf mit der goldenen Zukunft

vom

Wer einen Spaziergang durch Dechow unternimmt, bemerkt gleich die beschaulichen Fachwerkhäuser, Bäume und blumenumrankte Straßenlaternen. Dass der 212-Seelen-Ort preisverdächtig ist, steht sogar offiziell fest.

svz.de von
erstellt am 17.Jul.2013 | 09:34 Uhr

Dechow | In Dechow ist die Welt noch in Ordnung. Wer einen Spaziergang durch das kleine Dorf in Nordwestmecklenburg unternimmt, bemerkt gleich die beschaulichen Fachwerkhäuser, Bäume und blumenumrankte Straßenlaternen. Dass der 212-Seelen-Ort preisverdächtig ist, steht sogar offiziell fest: Eine 16-köpfige Kommission entschied: Dechow bekommt die Goldmedaille im Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Schon 2004 hat sich der Ort an dem Wettbewerb beteiligt und sich Silber gesichert. "Da uns das gelungen ist, haben wir jetzt gedacht, wir greifen noch einmal an und holen uns jetzt Gold", erzählt Bürgermeister Jürgen Haupt.

Doch was ist das Geheimnis der kleinen Gemeinde? Was unterscheidet sie von anderen in unserer Region? Zunächst einmal scheint hier jedes Detail zu dem anderen zu passen. Die Fachwerkhäuser, Vorgärten und Wege ergeben ein nahezu nahtloses Gesamtbild. Ergänzt wird die Idylle durch den anliegenden Röggeliner See, ein beliebtes Ausflugsziel für Menschen aus der Umgebung.

Idylle durch Zusammenhalt

Laut Bürgermeister Jürgen Haupt ist die Idylle nicht einfach so entstanden, sondern das Ergebnis des engen Zusammenhalts unter den Dorfbewohnern. Allein in die Gestaltung des Dorfgemeinschaftshauses seien insgesamt 60 000 freiwillige Arbeitsstunden geflossen. Das Gebäude wurde 2001 gekauft und dann komplett saniert.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der große Saal ist kunstvoll im bäuerlichen Jugendstil gehalten und ein Ort für Veranstaltungen wie die Kulturtage, die mittlerweile auch ein beliebter Anlaufpunkt für Besucher aus den umliegenden Bundesländern sind. Zudem stehen im Obergeschoss des Gebäudes 40 Betten für Reisegruppen oder Klassenfahrten bereit.

Auch wirtschaftlich steht Dechow gut da. "Unsere Gemeinde ist die einzige in Nordwestmecklenburg, die einen positiven Haushalt hat", sagt Haupt. Ein Grund dafür mag sein, dass es in Dechow keine Arbeitslosen gebe, wie der Bürgermeister behauptet. Viele der Einwohner würden sich in Mitfahrgelegenheiten zusammenfinden und zur Arbeit nach Lübeck oder Hamburg zu fahren. "Die A 20 und die A 24 sind von hier aus relativ schnell zu erreichen. Die zentrale Lage ist von Vorteil", so Haupt.

Was genau zeichnet die Dechower nun aus? Laut Haupt ist es der unbedingte Gemeinschaftswille. "Wenn ein neuer Bürger nach Dechow kommt, wird er sofort aufgenommen", betont Haupt. Alle würden sich in ihrer freien Zeit in der und für die Gemeinde engagieren, selbst die jüngsten Dorfbewohner. "Bei uns finden sie keine Kinder und Jugendlichen, die in den Bushaltestellen herumsitzen. Sie sind alle in Vereinen aktiv", so Haupt. Besonders auffällig sei der Zusammenhalt bei den Knobelnachmittagen, die zwei mal im Monat im Gemeinschaftshaus stattfinden. Dabei würde die Jugendfeuerwehr die älteren Dorfbewohner bewirtschaften und ihnen eine angenehme Atmosphäre bereiten. "Die Älteren fühlen sich richtig wohl, wenn die Jugend sich kümmert. Das ist eine schöne Symbiose", so Haupt.

Außerdem hätten sich viele Dechower in einer Wählergemeinschaft zusammengefunden. Parteizugehörigkeiten geben laut Haupt in dieser Gruppe nicht den Ton an. "Es geht darum, sich für die Interessen der Gemeinde einzusetzen. Da ziehen wir alle an einem Strang", sagt er.

Demgegenüber steht die Meinung anderer Dechower, die sich in der Gemeinde nicht so gut aufgehoben fühlen (siehe unten).

Zugezogene geben den Ton an

Laut Haupt machen Zugezogene den Großteil der Dechower Bevölkerung aus. "Es gibt keine Ureinwohner in Dechow", meint der Bürgermeister. Er selbst ist im Harz aufgewachsen und hat schon in Freiburg, Südfrankreich und den USA gelebt.

Auch Bernhard Hotz ist so ein Zugezogener, der sich nun aktiv für das Wohl Dechows und seiner Bewohner einsetzt. Der Musiker, der ursprünglich aus der Region Lübeck stammt, lebt seit 1991 in Dechow. "Ich war so begeistert von der Natur und der Ursprünglichkeit hier, da war es relativ schnell klar, dass ich hier herziehen möchte", so Hotz. Wenn der 51-Jährige nicht gerade zu Auftritten nach Hamburg unterwegs ist, engagiert er sich in der Gemeinde als Vorsitzender des Fördervereins.

Eine seiner Mitstreiterinnen im öffentlichen Dechower Leben ist Irmgard von Puttkamer. Die 58-Jährige engagiert sich im kulturellen Bereich, ist besonders stolz auf die Kulturtage. Die Veranstaltungsreihe gibt es mittlerweile vier mal im Jahr. "Hier spielt einfach das Menschliche eine Rolle", erklärt Puttkamer den Erfolg der Kulturtage. Finanziert werden diese ohne Fördergelder und Sponsoren. Darin stecke lediglich die gemeinsame Tatkraft der Organisatoren, so Puttkamer.

Das Biosphärenreservat schränkt ein

Für die drei gibt es jedoch auch einen Wermutstropfen, der die Idylle ein wenig trübt: das Biosphärenreservat Schaalsee. Was der Erhaltung natürlicher Lebensräume von Flora und Fauna dienen soll, erscheint ihnen in einigen Fällen überzogen. Denn vor dem Hintergrund des Umweltschutzes müssen sich die Dorfbewohner an gewisse Regeln halten. Eine Terrasse auf dem Grundstück zu bauen, ginge nur durch Ausgleichsmaßnahmen wie das Pflanzen von Bäumen, sagt Haupt. "Durch das Biosphärenreservat kollidieren im Grunde die Inte ressen der Einwohner mit den Gesetzen des Naturschutzes", sagt er. Auch Puttkamer betrachtet die strikten Umweltauflagen kritisch: "Die Einschränkungen durch das Biosphärenreservat sind schon massiv."

Außerdem fürchten sich die drei vor einer Zwangseingemeindung Dechows. "Wir werden uns mit Händen und Füßen dagegen wehren", erklärt Hotz. Denn alles, was die Dorfbewohner schaffen würden, könnten sie nur umsetzen, weil allein sie selbst zuständig sind. "Das ist die Politik der kurzen Wege. Jeder fühlt sich verantwortlich für sein Dorf", so Hotz.

Bislang gibt es für die Dechower allerdings keinen Grund, beunruhigt zu sein. Jetzt können sie erst einmal stolz auf ihre Goldmedaille sein. Schon unmittelbar nach der Verkündung durch die Kommission haben die Dorfbewohner im großen Saal auf den Titel angestoßen und gemeinsam "We are the Champions" gesungen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen