Seltene Riesen : Das deutsche Refugium der Seeadler

Mario Müller (l.) , Landeskoordinator Seeadler und Greifvogelbetreuer Torsten Marczack begutachten einen Jungvogel.  Fotos: Volker Bohlmann
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Mario Müller (l.) , Landeskoordinator Seeadler und Greifvogelbetreuer Torsten Marczack begutachten einen Jungvogel. Fotos: Volker Bohlmann

Mecklenburg-Vorpommern zählt mit 400 Greifvogelpaaren die stärkste Population in Deutschland. Die Jungvögel erhalten jetzt eine Kennzeichnung

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27. Mai 2018, 20:45 Uhr

Bei den Seeadlern in Mecklenburg-Vorpommern wird der Nachwuchs flügge. In drei bis vier Wochen verlassen die jungen Greifvögel die Kinderstube. Für Mario Müller als Landeskoordinator Seeadler in MV und weiteren engagierten Ehrenamtlern beginnt nun die Bestandsaufnahme im seeadlerreichsten Bundesland der Republik. „Deutschlandweit gibt es an die 800 Brutpaare, bei uns in Mecklenburg-Vorpommern zählen wir mit 400 Paaren die Hälfte aller Brutvögel“, sagt Müller.

Der ehrenamtliche Ornithologe kennt sich aus. Als Landeskoordinator arbeitet er seit drei Jahren in der Projektgruppe Großvogelschutz Mecklenburg-Vorpommern. Die ganz persönliche Bindung zur Natur hat er seit Kindheitstagen. Dazu gehören die anhaltende Freude über das reiche Vogelgezwitscher in den frühen Morgenstunden und die Sichtung seltener Tiere. Der Seeadler mit seinen 2,40 Meter Flügelspannweite bleibt für ihn einer der imposantesten Vögel am Himmel über MV.

Der Weg zu den Adlern ist kein leichter. Es geht hinaus in die Wälder zwischen Barth, Marlow und Ribnitz-Damgarten. Mit dabei sind der Bützower Greifvogelbetreuer Torsten Marczack und Steffen Thiel aus Langhagen bei Krakow.

Marczack und Thiel sind erfahrene Kletterer. Mit Steigeisen und Sicherungsseilen werden sie zur Kinderstube der Seeadler aufsteigen. Ein beschwerlicher und schweißtreibender Weg. „Solch einen Einsatz starten wir immer zu zweit. Das muss sein, denn Sicherheit geht vor“, so Marczack. Steffen Thiel legt unterdessen sein Halteseil um den Baumstamm, kurz darauf geht es hinauf in die Krone einer Kiefer.

Am Boden koordiniert Mario Müller den Einsatz und erzählt über die Unterstützung von Revierförstern. „Wir stimmen uns ab, jeder muss über die Aktivitäten in seinem Revier informiert sein. Nicht zuletzt gibt es in MV und Brandenburg Sperrzonen rund um Adlerhorste damit die Brut und Jungenaufzucht ungestört läuft“, sagt der Ornithologe. Auch die Beringungsaktion stellt einen Eingriff dar, sie gilt als vertretbar. In der aktuellen Phase der Aufzucht sei die Horstbindung derart hoch, dass die Tiere nach wenigen Minuten wieder vereint sind, so Müller.

Steffen Thiel hat die Baumkrone in 25 Meter Höhe erklommen und gesichtet. „Eine Zweierbrut“, ruft er und lässt in einem Packbeutel sanft den ersten Jungvogel hinunter. Das zweite Jungtier folgt. Ornithologe Torsten Lauth und Torsten Marczack erkennen anhand der Schnabelgrößen, dass es sich um einen weiblichen und männlichen Seeadler handelt. Auch das Alter lässt sich bestimmen. „An den Kopffedern fehlt der Flaum, sie sind gut ausgebildet, was darauf hindeutet, dass die Jungvögel zirka 40 Tage alt sind“, sagt Müller. Mit Spezialwerkzeug legt er den messingfarbenen Ring der Vogelschutzwarte Hiddensee und einen schwarzen mit einheitlicher europäischer Kennung an den Greifen an. Bei späteren Sichtungen und Funden lassen sich Flugrouten registrieren und wissenschaftlich auswerten. Im Ergebnis lässt sich sagen, dass der Seeadler sich weiter gen Westen ausbreitet. Bundesländer wie Schleswig-Holstein melden wachsende Populationen. „Sogar in Frankreich und der Schweiz ist der Seeadler angekommen“, sagt Müller.

Damit wird deutlich: Die Forschungsarbeit ermöglicht besondere Einblicke. Ornithologe Mario Müller erzählt von Tagen, als die Seeadler durch Einsatz gefährlicher Mittel wie das Insektizid DDT in den 1970er-Jahren vom Aussterben bedroht waren. Das Mittel wurde über die Nahrung aufgenommen, hatte Auswirkungen auf die Qualität der Eischalen. Sie wurden dünnschalig, der Bruterfolg gemindert. „Lediglich 80 Brutpaare gab es damals in Brandenburg und dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern.“ Durch Verbot des Insektizids ging es mit dem Greifvogelbestand wieder aufwärts. „Vor diesem Hintergrund untersuchen wir die Horste weiter, halten Ausschau nach Nahrungsresten und Eischalen. All das wird in den zuständigen Instituten auf mögliche Schadstoffe untersucht“, so Müller. In Barth ist alles bestens. Über dem Horst kreisen wieder die Altadler.

Das Ornithologenteam setzt seine Tour in Richtung Ribnitz-Damgarten fort. Die Begegnung im dortigen Stadtforst lässt sich der 76-Jährige Jürgen Krassel nicht entgehen. Über Jahrzehnte war er als Forstbediensteter im Revier tätig, kennt er den womöglich produktivsten Seeadlerhorst: „35 Jungtiere erblickten in den zurückliegenden 35 Jahren hier das Licht der Welt.“ In diesem Jahr zählen die Beringer im Stadtforst zwei junge Seeadler. Eine gute Quote. Volker Bohlmann

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