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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 06:10 Uhr

Autorin aus Wismar : Das Buch ihres Lebens

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nancy Salchow hat sich einen Kindheitstraum erfüllt: Beinahe 30 Titel hat sie bisher herausgegeben – darunter mehrere in namhaften Verlagen

svz.de von
erstellt am 17.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Nancy Salchow hat es schon lange gewusst: Ich werde Schriftstellerin. Sie habe weder Abitur gemacht noch studiert, weil all das nur Umwege zu ihrem Traumberuf gewesen werden, erzählt die 35-Jährige, die in Kartlow bei Wismar lebt, ganz selbstbewusst. Stattdessen lernte sie Bürokauffrau – einen Beruf, in dem sie auch heute noch arbeitet, obwohl sie mittlerweile mehr als zwei Dutzend elektronische und zwei gebundene Bücher herausgegeben hat. Und das nicht etwa, wie die meisten Neulinge auf dem Buchmarkt, im Eigenverlag, sondern beim namhaften Verlagshaus Droemer Knaur. Als im Juni ihr zweites „großes“ Buch, „Das Sonnenblumenhaus“, herauskam, richtete ihr die Hugendubel-Buchhandlung in Wismar sogar einen eigenen Autorentisch ein. Und natürlich gab es auch eine Signierstunde.

Schon in der Grundschule hätte sie sich vor der Klasse hingestellt und Geschichten vorgetragen, die sich erst in diesem Moment in ihrem Kopf zusammenfügten, erzählt Nancy Salchow. Mit elf Jahren hätte sie dann angefangen, ihre Geschichten auch aufzuschreiben. Und spätestens zu dieser Zeit hätte sie auch beschlossen, dass sie einmal vom Schreiben leben wollte.

„Die Ideen waren schon immer da, ich kann gar nicht sagen, wo sie herkommen“, erzählt die junge Frau. Sie sei wohl mit besonderen, hochsensiblen Antennen ausgestattet, die alles um sie herum wahrnehmen und abspeichern. Lange hätte sie aber nicht die Geduld aufgebracht, auch längere Geschichten zu Ende zu bringen, gesteht sie. Und sogar noch ein bisschen länger hätte sie gebraucht, um erstmals etwas selbst Geschriebenes zu veröffentlichen.

Die Zäsur war der Sommer 2010. Bei Nancy Salchows Zwillingsbruder wurde ein Hirntumor festgestellt – inoperabel. „Zwischen den unzähligen Arzt- und Krankenhausterminen, zu denen ich ihn immer zu begleiten versucht habe, war ich krampfhaft auf der Suche nach Ablenkung“, erinnert sie sich. Sie schrieb und schrieb. Und stellte schließlich 2011 Leseproben ihrer Manuskripte auf Neobooks ein, der Autorenplattform der Verlagsgruppe Droemer Knaur. „Ich glaube, es waren meine selbst gestalteten Cover, mit denen ich mich zu der Zeit vor allem von anderen Autoren abgehoben habe“, meint Nancy Salchow. Jedenfalls bekam sie besonders viele positive Leservoten. „Und im April 2011, es war an unserem 30. Geburtstag, habe ich sogar beim Autorenwettbewerb von Neonbooks gewonnen.“ Dieser Sieg, so sagt Nancy Salchow, sei ihr Einstieg ins professionelle Schreiben gewesen. „Denn wer unter die zehn in einem Vierteljahr von den Lesern am besten bewerteten Manuskripte kam, der landete damit auf dem Tisch eines Lektors.“ Nancy Salchow kam sogar zweimal unter die Top Ten, und eines ihrer Bücher wurde vom Verlag daraufhin tatsächlich als E-Book herausgebracht.

„Ich dachte: Jetzt hast du es geschafft“, erinnert sie sich. „Aber niemand hat das Buch gekauft. Es kostete 4,99 Euro, das war für eine unbekannte Autorin einfach zu viel.“ Die junge Frau ließ sich dennoch nicht entmutigen. Über Amazon konnte man zu dieser Zeit eigene E-Books anbieten – „und ich hatte zwei in der Schublade, bei denen es mir zu peinlich war, sie an einen Verlag zu schicken. Mit denen habe ich es versucht“, erzählt sie. „Und die wurden für 99 Cent das Stück gekauft wie bekloppt, manchmal 200 bis 300 pro Tag.“ So hätte sie sich immer mehr aufs Self Publishing verlegt, „denn damit ließ sich richtig Geld verdienen“.

Dass in dieser Zeit auch noch ihre Mutter an Krebs erkrankte, dass schließlich zuerst der Bruder und dann auch die Mutter verstarben – das alles konnte Nancy Salchow nicht aufhalten. An manchen Tagen schrieb sie bis zu 30 Seiten, konnte und wollte an nichts anderes denken als an ihre Bücher. Heute sagt sie: „Ich habe mir damals keine Hilfe geholt, meine Trauer nicht verarbeitet, sondern einfach immer weitergemacht.“ Monatelang ging das so – dann kam der Zusammenbruch: Depressionen, Panikattacken, Todesangst. Schließlich eine Klinikeinweisung. „Fürs Schreiben ist eine sensible Seele gut, aber fürs Leben nicht so“, meint Nancy Salchow nachdenklich.

In der Klinik nahm ihr Leben erneut eine Wende. Nicht nur, dass sie ihren heutigen Lebensgefährten kennenlernte. Sie lernte auch, besser auf sich zu achten. Quasi als Therapie begann Nancy Salchow wieder zu schreiben – diesmal über sich selbst. „Nach all den Geschichten, die ich mir bisher ausgedacht habe, hat mein eigenes Leben die bezauberndste und für mich faszinierendste geschrieben“, meint sie. Unter dem Titel „Das Leben, Zimmer 18 und Du“ wurde das Buch im Internet zum Bestseller. Im kommenden Jahr soll es überarbeitet auch in einer gedruckten Fassung auf den Markt kommen. „Darauf freue ich mich ehrlich gesagt noch mehr als auf das Herauskommen meiner fiktiven Geschichten.“

Dass sie eine Agentin hat, dass sie auf der Frankfurter Buchmesse über ihre Arbeit als Autorin berichten durfte – das alles erzählt Nancy Salchow nebenbei. Wichtiger sei ihr, bei allem sie selbst zu bleiben, betont sie. „Ich will nicht, dass man mich kennt, ich will, dass man meine Bücher kennt.“ Denn den Traum, einmal zu den ganz großen Autoren zu gehören, bewahrt sie sich nach wie vor. „Ich finde, das Träumen ist etwas, was wie nie verlernen sollten.“

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