Desaströses Honigjahr 2017 : Das Bienen-Fiasko: Imker müssen zufüttern

Im Weidengarten der Berufsimkerei Triphahn fühlen sich die Bienen wohl. Dort finden sie im Sommer reichlich Nektar. Fotos: josefine Rosse
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Im Weidengarten der Berufsimkerei Triphahn fühlen sich die Bienen wohl. Dort finden sie im Sommer reichlich Nektar. Fotos: josefine Rosse

Dirk Triphahn verzeichnet Ernteeinbußen von durchschnittlich 50 Prozent und rechnet auch für 2018 mit einer Katastrophe

svz.de von
18. September 2017, 11:50 Uhr

„Wir steuern auf eine Katastrophe zu.“ Dirk Triphahn nimmt einen Schluck von seinem schwarzen Kaffee. „Wenn die nächsten beiden Jahre auch so aussehen, werden zahlreiche Imker gezwungen sein, ihren Betrieb zu schließen“, prophezeit er. 50 Prozent weniger Honig als üblich konnte Triphahn in diesem Jahr schleudern. „Gott sei Dank haben wir noch unser Hotel und den Hofladen.“

Die Häuser mit der sonnengelben Fassade und der Aufschrift „Zum Honigdieb“ stehen in Klockenhagen, am Rande des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. In ihrem Garten tummeln sich tausende fleißige Arbeiterinnen, auf der Suche nach schmackhaftem Nektar. 60 Völker à 50 000 Bienen leben dort auf rund 1,2 Hektar Land.

Unlängst war Dirk Tri-phahn mit seinen Königinnen unterwegs. Für die Zucht reist er durch ganz Deutschland. „Unsere Bienen sind sehr sanftmütig und das sollen sie auch bleiben. Deshalb fahre ich zu Belegstellen, wo sich keine Fremddrohnen aufhalten“, erklärt der Imker – zum Beispiel auf der Greifswalder Oi. „Die stärksten Drohnen bekommen eine Lady ab. Bis zu 25 Mal werden die Königinnen in der Luft angepaart“, erklärt Triphahn.

Bienenköniginnen werden herangezogen, wenn sich das Bienenvolk über das Schwärmen teilt, wenn die bisherige Königin gestorben ist oder aus Altersgründen durch eine jüngere ersetzt wird. „Es gibt auch Rebellen innerhalb der Völker, die die Königin zurückdrängen“, verdeutlicht der Experte.

Seit seiner Jugend beschäftigt sich Dirk Triphahn mit Bienen. Sein Vater besaß einen Bienenwagen. Mittlerweile seien diese rar geworden. Die Betriebsweise hätte zu viel Zeit beansprucht. „Heute arbeiten wir lieber mit Magazinkästen“, sagt der Imker. Er selbst habe aber noch einen Bienenwagen. Triphahn half seinem Vater beim Honig schleudern, lernte eine Frau kennen, deren Vater ebenfalls Bienen züchtete und näherte sich so den Tieren an. „Ich hatte damals wirklich panische Angst“, gesteht er und erzählt eine Anekdote aus der Vergangenheit: „Einmal hat sich eine Biene auf mein Ohrläppchen gesetzt. Ich bin erstarrt, konnte mich nicht mehr bewegen. Immerhin löst das Summen in uns ein Gefahrensignal aus – ein Urinstinkt.“ Heute arbeite er nicht einmal mehr unter Vollschutz. „Mit der Verantwortung ist die Angst verschwunden.“ Aus einem anfänglichen „Rumprobieren“ sei Automatismus geworden – auch wenn Dirk Triphahn jedes Jahr vor neuen Herausforderungen steht. „2017 war ein schlechtes Honigjahr. Die Imker werden ihre Preise anziehen müssen.“ Zum Leidwesen der Verbraucher. Bisher könnten 25 Prozent des deutschen Honigbedarfs mit einheimischen Produkten gedeckt werden. „Die Importmengen werden sich vergrößern.“ Die Gründe für den schlechten Honig-Output seien vielfältig. „Die industrielle Landwirtschaft ist sicher einer. Wir beobachten ein großflächiges Insektensterben, weil Nahrungsquellen fehlen. Die Bienen wissen nicht mehr, woher sie ihre Pollen und Nektar bekommen“, verdeutlicht Dirk Tri-phahn. „Wir brauchen blühende Landschaften. Die Bienen brauchen den Nektar, um sich selbst und die Babys zu versorgen. Die Königin kann im Mai und Juni rund 2000 Eier am Tag legen. Diese müssen verpflegt werden. Starke Völker räubern inzwischen sogar schon die schwächeren aus.“

Inzwischen versorgt der Imker seine Bienen zusätzlich mit Futterteig und Flüssigfutter, damit sie nicht verhungern. „Wir Imker müssen uns um unsere Tiere kümmern und den Stock auch auf Milbenbefall untersuchen.“ Bevor sich die Bienen um ihre Königin herum zusammenkullern, erneuern sie ihren Wabenbau. Im Oktober stellen sie ihren Flugbetrieb endgültig ein. Auch für 2018 befürchtet Dirk Triphahn eine schlechte Honigernte. Er spricht sogar von einem „Fiasko“. „Wenn die Bienen nicht mehr da sind, fehlt auch die Bestäubungsleistung für Obst, Gemüse und Kräuter“, gibt er zu bedenken. Hinzu käme nicht nur ein Mangel an Honig, der durch seine Zusammensetzung aus Proteinen, Enzymen, Aminosäuren, Pollen, Mineralstoffen und Vitaminen das Immunsystem stärke, sondern auch ein Verlust von Propolis. „Die Biene sammelt Harz von verschiedenen Knospen, um den Stock keimfrei zu halten. Sie schützt sich so vor Infektionskrankheiten, gegen Viren und Bakterien. Dieses Harz wird von den Bienen angereichert mit Pollen, Bienenwachs und -speichel. Am Ende entsteht daraus Propolis“, erklärt Nadine Triphahn, die nicht nur gemeinsam mit ihrem Vater das Landhotel „Zum Honigdieb“ betreibt, sondern auch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin genoss. „Das Propolis wirkt auch bei uns Menschen antibiotisch, antiviral und antimykotisch.“ Sowohl der Eingang der Bienenstöcke, als auch jede einzelne Wabe seien mit dem Kitt überzogen. „Wenn Feinde eindringen, die die Arbeiterinnen nicht mehr raustragen können, mumifizieren sie diese mit Propolis. Mäuse zum Beispiel“, verdeutlicht Nadine Triphahn. Nachdem der Honig aus den Waben geschleudert wurde, kratzt sie das Harz aus den Magazinkästen. „Wir gehen also gerade in die Propolissaison“, fasst sie zusammen. Gegen das Bienensterben hat sie auch einen Tipp: „Jeder Einzelne kann etwas tun, indem er für Blumenreiche Balkone und Terrassen sorgt, zum Beispiel mit Sommerblumen.“

Mehr als 30 Honig-Sorten werden im Honigdieb angeboten.
Mehr als 30 Honig-Sorten werden im Honigdieb angeboten.
 
Nektar wird Honig
Im Frühjahr machen sich die ersten Honigbienen an die Arbeit. Dann sammeln sie Pollen und Nektar für ihr Volk und ihre Königin. Die Insekten fliegen von Blüte zu Blüte und saugen dort mit ihren Rüsseln Nektar auf. Ist eine Biene vollgetankt mit diesem süßen Saft, fliegt sie zurück in ihren Stock. Dort gibt sie ihren Nektar an andere Bienen weiter und sucht die nächste Blüte auf. Die Bienen im Stock reichern den Nektar mit weiteren Stoffen an. Der macht ihn für längere Zeit haltbar. Nach und nach befüllen die Bienen damit die Honigwaben. Dort fächeln sie mit ihren Flügeln. So trocknet der Nektar etwas aus, sodass er dickflüssig wird. Am Ende schließen sie die Waben mit einer luftdichten Schicht aus Wachs. Fertig ist der Honig. Im Winter dient er dem Bienenvolk als Vorrat.
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