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Von Hügeln und Bergen in MV : Das Armageddon am Tabacksberg

vom
Aus der Onlineredaktion

Mecklenburg, das Land der Seen, hat seit letztem Jahr einen Bergführer – mit unglaublichen Geschichten

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 11:45 Uhr

Waldemar Siering erfuhr von der Geschichte in den Sechzigerjahren, nahezu beiläufig, er war draußen am Tabacksberg, um die Ernte einzufahren. Ein ehemaliger Gutsarbeiter, in Sierings Erinnerungen ein frommer Bursche, fing an zu erzählen. Bald würde die große Schlacht kommen, sagte er ihm. Der letzte Kampf zwischen Gut und Böse. Am Tabacksberg, östlich von Rothspalk, gelegen im tiefsten Mecklenburg, werde der Herr seine Mannen sammeln, gemäß der Offenbarung des Johannes, Kapitel 16, Vers 16, und in das entscheidende Gefecht ziehen. Brutal werde es: Scharen von Toten, deren Blut die umliegenden Gewässer bringt. So wird das Böse endgültig weggespült.

„Hier ist das Armageddon von Mecklenburg“, sagt Waldemar Siering, nachdem er den Tabacksberg erklommen hat, der böige Herbstwind peitscht ihm den Regen ins Gesicht. Der Glaube versetzt Berge, selbst in Mecklenburg-Vorpommern, dem Land der mehr als 2000 Seen, das doch eigentlich flach ist wie ein Stück Papier. Dabei ist das hiesige Energieministerium gleichzeitig oberste Bergbehörde, in Stralsund auf dem Frankendamm steht das Bergamt des Landes. Und da ist noch Waldemar Siering. Der nämlich schrieb einen Bergführer für Mecklenburg-Vorpommern.

Auf die Frage, warum er ein Buch schreibt, das man auf den ersten Blick gar nicht braucht, antwortet er: Es sei schon mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Nur zwinkert er dabei nicht. Das mag an Siering selbst liegen, Typ knorriger Mecklenburger, der bisweilen Witze erzählt, ohne zu lachen und aus jedem g ein ch macht, aus jedem t ein doppeltes d: der Berch, der Vadder. Einmal aber, für den Bruchteil einer Sekunde, offenbart er, wie wichtig ihm die Berge hier sind. Kurz vor der Wanderung auf den Tabacksberg, auf einer von wuchtigen Kastanien begrenzten Straße, blickt er in Richtung des nächsten Ortes, Carlsdorf, ein paar hundert Meter entfernt. Das Haus seiner Eltern ist zu erahnen, dort wuchs er auf. „Nein, da kann ich nicht hin.“ Ein Anflug von Schluchzen ist zu hören.

Waldemar Siering, unterwegs auf dem Tabacksberg, gelegen zwischen Krakow am See und Teterow

Waldemar Siering, unterwegs auf dem Tabacksberg, gelegen zwischen Krakow am See und Teterow

Foto: Volker Bohlmann
 

Einen Berg, selbst in Mecklenburg-Vorpommern, findet Waldemar Sierung, den besteigt man nicht. Man trifft ihn. Jeder Boden, der den Berg umgibt, die angrenzenden Bäume, die Seen und Flüsse erzählen eine Geschichte. Die Geografie sagt: Der Tabacksberg, 106 Meter über dem Meeresspiegel auf dem Nördlichen Landrücken gelegen, ist ein Produkt der Weichsel-Glazial, der letzten Eiszeit, die Norddeutschland vor zehntausenden Jahren zu dem geformt hat, was es heute ist. Sanft sieht er von weitem aus, wie die anderen Hügel der Mecklenburgischen Seenplatte, kleine Wälder und Gewässer, die sich um sie schmiegen, die umrahmt sind von nicht enden wollenden Feldern, auf denen im Sommer Raps und Getreide blühen. Mittlerweile ist der Herbst gekommen, die Ernte eingefahren und der Boden vom Regen aufgeweicht. Waldemar Siering hat extra Gummistiefel eingepackt, zur Sicherheit sogar noch ein zweites Paar , die er dem Autor gibt, weil der nicht daran gedacht hat.

Für seine 70 Jahre geht Siering einen strammen Schritt. Mit seiner Basecap, dem Rucksack, an dessen Trageriemen er sich auf Brusthöhe festhält, sieht er aus wie ein Pfadfinder, der mit Land und Natur verheiratet ist. Mit jedem Schritt in Richtung Gipfel scheint ihm etwas einzufallen. „Tabacksberg deshalb, in Zeiten der Dreifelderfelderwirtschaft wurde hier Tabak als Vorfrucht angebaut nach der Brache. Er kam durch die Hugenotten. Potsdam, großer Kurfürst. Uckermark. Und von da aus kam der Tabakanbau nach Mecklenburg.“ – „Das Herrenhaus ist ein Bauwerk des Klassizismus von Joseph Ramée, von 1811 bis 1814 errichtet.“ – „Hier stoßen die Krakower und Malchiner Gabel zusammen.“

Oben auf dem Tabacksberg sagt er: „Mein Lieblingshügel.“ Vom Gipfel aus, der mit Steinen und dichtem Gebüsch verziert ist, sieht er das elterliche Haus und erzählt davon, wie sein Vater 1946 über 100 Kilometer von Rügen zu Fuß nach Carlsdorf wanderte, weil es hieß, hier gäbe es noch Land. Wenn früher schlechtes Wetter war, der einzige Weg zur Schule nicht mehr passierbar, ging er auf dem weitläufigen Acker zur Schule, am Fuße des Tabacksbergs. Oder er fuhr im Winter mit Skiern die Abhänge herunter. Irgendwann in der Schulzeit muss es auch gewesen sein, erinnert er sich, dass es angefangen hat mit seiner Vorliebe für die Natur und ihre Geschichte. Er fragte seinen Vater, einen Bauern, immer: Wieso heißt das so?

Waldemar Siering hörte nicht mehr auf, zuzuhören. Auch später nicht, als Soldat in Prora auf Rügen, als Student der Tiermedizin in Berlin, als Veterinär in Neubrandenburg und Mecklenburg-Strelitz. Als „Wanderprediger für Rindergesundheit“, wie er sich selbst nennt, kam er rum, traf Bauern und Gewährsleute, die voller Geschichte und Geschichten waren. „Da müssen Sie sich schlau anstellen“, erklärt er. „Intelligenz macht verdächtig. Aber Einfalt ist eine gute Tarnung. Je weiter du mit der Hand in der Kuh bist, desto mehr erzählen sie dir. Man muss vertraut sein.“

Er schrieb die Erlebnisse und Sagen auf, schon zu DDR-Zeiten. Am Bett seiner Töchter erzählte er sie ihnen. Manchmal, an besonderen Tagen wie Weihnachten, fertigte er kleine Hefte für sie, damit sie etwas zum Lesen hatten. Sein Bruder, wie er Tiermediziner, war zuständig für die Gestaltung. Und irgendwann kam der Verlag dazu. Er veröffentlichte über Naturdenkmäler in Mecklenburg-Vorpommern, über kuriose Ortsnamen und eine Wanderung durch die Mecklenburgische Schweiz. „Ich kann nur Rinder und Bücher.“

Beim Abstieg, der Wind bläst den Regen noch immer in sein Gesicht, sagt Waldemar Siering: Das mit dem Augenzwinkern beim Bergführer stimme schon, aber er wolle die Menschen dazu führen, das alles in Erinnerung zu behalten. Die Berge, die Landschaft, die Geschichten. Dafür hat er übrigens eine Formel. Zwei Drittel einer Erzählung müssen immer stimmen, den Rest kann man sich dazu denken. Ob die Sage um den Herrn und die letzte Schlacht auf dem Tabacksberg dem standhält, sagt er nicht.

Der Bergführer für MV: 66 Berge, oder besser Erhebungen hat der Autor Waldemar Siering in Mecklenburg-Vorpommern für sein Buch ausfindig gemacht. In Deutschland nämlich heißt ein Berg erst dann Berg, wenn er über 300 Meter hoch ist. Das Dach des Landes liegt in den Helpter Bergen, für norddeutsche Verhältnisse ein echtes Gebirge. Der höchste Punkt misst 179 Meter und hat sogar ein Gipfelkreuz samt Gipfelbuch. Glück auf!


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