Ausbildung zum Rettungsschwimmer : „Das alles kostet viel Kraft“

Rettungsschwimmertest bei stürmischem Wind bis Stärke acht und Dauerregen: Carolin aus Rostock (36, links) und Lena (14) aus Zingst üben in der Ostsee vor Prerow das Schleppen eines Verletzten.  Fotos: Bernd Wüstneck
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Rettungsschwimmertest bei stürmischem Wind bis Stärke acht und Dauerregen: Carolin aus Rostock (36, links) und Lena (14) aus Zingst üben in der Ostsee vor Prerow das Schleppen eines Verletzten. Fotos: Bernd Wüstneck

Anspruchsvolle Ausbildung für künftige Rettungsschwimmer: Schwimmen in Kleidern bei Windstärke acht ist nur eine von 15 Übungen

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01. August 2015, 08:00 Uhr

Etwas verzagt stehen die 13 jungen Leute bis zu den Oberschenkeln in der 17 Grad kalten Ostsee neben der Seebrücke in Prerow. Alle tragen einen weißen oder roten Anzug. Auf das Kommando „Los“ stürzen sie sich ins Wasser. Rund 150 Meter raus ins offene Meer und wieder zurück – und das in zwölf Minuten. „Das ist ganz schön anspruchsvoll“, sagt der 56-jährige Uwe Jahn, Leiter des Rettungsschwimmerkurses in Prerow. Denn nicht nur die Klamotten stören, auch der kalte Wind aus Südwest und die starke Strömung an diesem Morgen machen das Schwimmen nicht zum Vergnügen. „Das alles kostet viel Kraft.“ Das Schwimmen in Kleidern ist nur eine von 15 Übungen, die die aus ganz Deutschland angereisten Kursteilnehmer absolvieren müssen. Dazu gehören Tief- und Streckentauchen, Zeitschwimmen, Befreiungsgriffe oder das Schleppen eines leblosen Körpers vom offenen Meer an den Strand. Ihr Ziel ist das Rettungsabzeichen Silber, das dazu berechtigt, auf einem der vielen Rettungstürme entlang der Ostseeküste Dienst zu leisten. Am „Tag der Rettungsschwimmer“ an diesem Samstag (1. August) informiert die DLRG in Prerow über ihre Arbeit und Ausbildung.

Dabei sei die Motivation der Leute völlig unterschiedlich, sagt Jahn, der als Betriebsratsvorsitzender in einem sächsischen Stahlwerk arbeitet. So gehöre für Sportlehrer oder Polizisten die Rettungsschwimmerausbildung zum Pflichtprogramm. Die Ausbildung werde auch noch in Dierhagen, Ahrenshoop und Baabe sowie auf Fehmarn angeboten. „Es geht mir um die Selbstverwirklichung und die Freude daran, anderen Menschen helfen zu können“, sagt der 18-jährige Chris aus Unna (NRW). Er kam über seinen Bruder, der am Strand von Schönberg bei Kiel arbeitet, zu den Rettungsschwimmern. Die 14-jährige Lena kommt aus der Nachbarkommune Zingst, ein knapp zehn Kilometer langer Strand verbindet die beiden Ostseebäder. Für sie ist weniger die Arbeit beim Rettungsdienst die Motivation zur Kursteilnahme. „Ich finde es ganz angemessen, wenn ich am Meer wohne, dass ich helfen kann, wenn was passiert.“ Und es passiert viel: In Mecklenburg-Vorpommern starben im vergangenen Jahr bei Badeunfällen 28 Menschen, davon beim Baden 17 im Meer. Mit neun weiteren Fällen an der Küste Schleswig-Holsteins summierte sich die Zahl der in der Ostsee Ertrunkenen auf 26 – eine solch hohe Zahl hat es schon viele Jahre nicht mehr gegeben. Die DLRG hat in diesem Jahr im Nordosten rund 1500 Rettungsschwimmer an 26 Orten im Einsatz. Die Wasserwacht mit 1300 Rettungsschwimmern übernimmt in 14 Ostseebädern die Wasserrettung und bewacht zudem 52 Badestellen an Binnenseen. „In der Hauptsaison ist es nicht schwierig, die Türme zu besetzen“, sagt DLRG-Sprecher Thorsten Erdmann.

An der Küste Mecklenburg-Vorpommerns stehen 86 Rettungstürme, in der Hauptsaison sind täglich 240 Rettungsschwimmer im Einsatz. „Wir hatten dafür 1500 Bewerbungen.“ Im vergangenen Jahr leisteten die Rettungsschwimmer in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 4000 Mal Erste Hilfe. Die Rettungsschwimmer arbeiten ehrenamtlich und bekommen eine Aufwandsentschädigung zwischen 15 und 17,50 Euro am Tag, dazu kommen noch freie Kost und Logis. „Wegen des Geldes kommt keiner“, sagt Jahn und findet Bestätigung bei seinen Schülern. Die fügen hinzu: „Und vor allem nicht wegen des „Baywatch-Images.“ Schöne Helden wie im US-Serienhit aus den 90er Jahren wollen sie alle nicht spielen. Wichtig ist laut Jahn auch die „psychische Qualifikation unserer Leute“. Bei der Arbeit können sie mit schwerem Leid oder dem Tod konfrontiert werden. Eine solche Erfahrung motiviert die 36 -jährige Carolin. Sie hatte als 16-Jährige einen schweren Segelunfall. 20 Jahre habe sie keinen Kontakt mehr mit Meerwasser gehabt. „Für mich ist der Kurs eine Art Traumabewältigung.“ Künftig möchte sie mit ihrem Mann, der auch bei der DLRG arbeitet, auf die Urlauber aufpassen.

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