„Dann wird nur noch kassiert, nicht mehr beraten"

Von der Schließung ganzer Filialen spricht die Karstadt-Führung nicht, aber 2000 Stellen sollen wegfallen. Wird das Stammhaus in Wismar betroffen sein? Foto: dpa
1 von 2
Von der Schließung ganzer Filialen spricht die Karstadt-Führung nicht, aber 2000 Stellen sollen wegfallen. Wird das Stammhaus in Wismar betroffen sein? Foto: dpa

svz.de von
18. Juli 2012, 09:31 Uhr

Wismar | Über Wismar hängen nicht nur die sprichwörtlichen dunklen Wolken: Als gestern die Nachricht vom Abbau von 2000 Stellen beim Karstadt-Konzern die Runde macht, zieht sich am frühen Nachmittag der Himmel über der Hansestadt zu, es gießt wie aus Eimern. Im dritten Stock des Karstadt-Stammhauses, inmitten der Altstadtkulisse, aber lacht die Verkäuferin optimistisch wie der strahlende Sonnenschein: "Bei dem Wetter haben wir Hochkonjunktur", sagt sie und eilt zwischen Töpfen und Glaswaren zu einem an der Kasse wartenden Pärchen. Nicht jede ist so frohgemut: Zwei Stockwerke tiefer antworten die Mitarbeiterinnen, die ihre Namen nicht in der Zeitung sehen wollen, auf die Frage nach der Stimmung im Haus mit einem stirnrunzelnden "Das können Sie sich ja vorstellen."

Doch die 50 Mitarbeiter in Wismar zumindest können hoffen: Von Schließungen ganzer Häuser sei keine Rede, sagt Konzern-Sprecher Stefan Hartwig, und aus Kreisen der Chefetage ist zu hören, dass in der Hansestadt nur wenig Grund zur Beunruhigung besteht. Schließlich soll der Stellenabbau bis 2014 sozialverträglich über die Bühne gehen, sprich durch Frühpensionierungen, freiwilliges Ausscheiden und die Nichtverlängerung von befristeten Verträgen. In Wismar sind so gut wie alle Verträge unbefristet. Außerdem gibt es im bundesweiten erneuten Karstadt-Unglück auch noch eine gute Nachricht: "Ab September wird wieder das volle Gehalt gezahlt. Das war sechs Jahre lang nicht so, die Mitarbeiter haben auf rund acht Prozent verzichtet, Weihnachts- und Urlaubsgeld gab es nicht, Zulagen waren gestrichen", so Konzern-Sprecher Hartwig. Zum Standort in Wismar - immerhin der Stammsitz seit 1881 - direkt will er keine Prognose abgeben.

Wismars Bürgermeister Thomas Bayer (SPD) will seinerseits kein Schwarzmaler sein: "Da sich das Stammhaus in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat, gehe ich davon aus, dass die Auswirkungen auf die hiesige Belegschaft sehr gering sein werden." Die angekündigte Entscheidung des Konzerns insgesamt sehe man aber mit Sorge. "Denn die Mitarbeiter haben in der jüngsten Vergangenheit schon einige Opfer zugunsten ihrer Arbeitsplätze und zugunsten des Unternehmens gebracht; jetzt sollen viele Arbeitsplätze sogar entfallen", sagt der Sozialdemokrat.

Im Kaufhaus brummt derweil das Geschäft. Ganze Heerscharen von Touristen schütteln die Regenschirme aus, blicken auf die Tafel am Eingansbereich, die Rudolf Karstadt gewidmet ist, und machen sich auf die Jagd im prächtigen Gründerzeitbau. Auch Arwid und Gudrun Kunstmann aus Rostock stehen zusammen mit ihrem Besuch Helga und Klaus Heuer aus Dortmund vor der Tafel. "Wir mussten ihnen unbedingt auch Wismar zeigen", sagen die Rostocker und fügen hinzu: "Ein solches Haus zu schließen, wäre schon ein Verlust. Aber wir glauben nicht, dass es so weit kommt." Von den Dortmundern kommt indes ein kritisches Wort: "Der Stellenabbau ist eine Katastrophe. Es ist ja überall so in der heutigen Gesellschaft - Umsatz, Umsatz, Umsatz, und wenn der Gewinn nicht mehr stimmt, werden eben einfach Arbeitsplätze gestrichen", sagt Klaus Heuer. In Dortmund - 2009 als für Karstadt Insolvenz angemeldet wurde - sei das dortige Haus geschlossen worden.

Die gleiche Erfahrung haben Anita und Balthasar Weitzel aus Neustadt an der Weinstraße in ihrer Heimat gemacht. "Das ist das falsche Konzept - erst werden Arbeitsplätze abgebaut, dann wird nur noch kassiert und nicht mehr beraten", findet das Paar. Dabei sei Letzteres doch gerade der Vorteil eines klassischen Kaufhauses, ganz im Gegensatz zum Mega-Konkurrenten Internet.

Mit dem hat sicher ebenso Uhrmachermeister Torsten Stark zu kämpfen, der gegenüber der Stammfiliale sein kleines Geschäft betreibt, das der Vater schon 1966 gegründet hat. Karstadt ist für den Geschäftsmann ein Standortvorteil - "ein Kundenmagnet", sagt er. Dabei gibt es sogar so etwas wie eine inoffizielle Zusammenarbeit - für komplizierte Servicearbeiten schicken die Karstadt-Mitarbeiter schon mal Kunden in sein Fachgeschäft. "Schon zu DDR-Zeiten war es ähnlich. Damals haben wir Reparaturen ausgeführt, die im Kaufhaus nicht geboten wurden", sagt Torsten Stark. Und auch er demonstriert Zuversicht: "Das denk ich doch mal", antwortet er auf die Frage, ob es in Zukunft weitergeht mit der Stammfiliale in der Hansestadt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen