Abschied von Joachim Kümmritz/Peter Dehler : Danke und toi, toi, toi!

Joachim Kümmritz und Peter Dehler

Joachim Kümmritz und Peter Dehler

Generalintendant und Schauspieldirektor: Mit Ende der Spielzeit endet die Ära Joachim Kümmritz/Peter Dehler am Schweriner Theater.

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27. Juni 2016, 12:00 Uhr

Mit Ende der Spielzeit endet die Ära Kümmritz am Schweriner Theater.

Das Jahr 1979 beginnt, der Berliner Ingenieurökonom tritt den Job in Schwerin an. Schneechaos! Doch er ist um acht im Theater, der Einzige. Das passiert keinem Theatermann. Joachim Kümmritz wird erst einer, startet mit Disziplin. Als er Generalintendant ist, steht auf seinem Schreibtisch eine kleine Büste von Friedrich dem Großen. Kümmritz schwört auf preußische Tugenden, und er hat das Kreuz wie den Kopf, damit standhaft zu bleiben. So hat er das Haus durch politische wie wirtschaftliche Fährnisse manövriert und dabei den Künstlern freien Raum gelassen. Chapeau!

Als Schwerins Schauspiel zu Schroths Zeiten in Frankreich, Italien oder dem deutschen Westen spielt, organisiert er. Als im Osten die subversive Spannung von Theater weg, geistige Nahrung kaum gefragt ist im Reiztaumel neuer Verhältnisse, führt er nicht nur die Geschäfte. Im Intendanten-Trio mit Werner Saladin für die Oper und Ingo Waszerka fürs Schauspiel, nimmt auch mit seiner Energie das Haus neuen Anlauf. Das Musiktheater zeigt mit Bernsteins „West Side Story“, dass die East Side auf der West Side ankommt. Weltläufigkeit mit zwei europäischen Festivals. Das Schauspiel erreicht Aufsehen mit der Uraufführung von Einar Schleefs „Totentrompeten“, der Abrechnung des Autors mit dem Alltag der DDR. Mit „Faust“ von Marlowe und „Don Quichotte“ von Massenet werden im Innenhof die Schlossfestspiele geboren, die dann mit Verdi-Inszenierungen auf dem Alten Garten den Ruf des Hauses übers Land hinaustragen, Touristen anziehen. Einen Coup landet Kümmritz in Kooperation mit dem Zirkus Roncalli: Mit Leoncavallos „Bajazzo“ werden Oper und Artistik sensationell vereint.

Seit Kümmritz 1999 Generalintendant ist, leitet er das Theater nach Goethes Direktorenmotto: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Das Ensemble macht auch die Stadt zur Bühne. Schauspiel im Innenhof des Doms, Proms-Konzerte der Staatskapelle auf der Freilichtbühne, in Gaststätten die Theater-Thekennacht, von Kümmritz und Wirten kreiert. Als Spielstätte für Experimente leuchtet das E-Werk. Für kunterbunte Performance wird werk3, die Theater-Kneipe in einem Altstadtwinkel eröffnet. Und ohne Kümmritz wäre das Konzertfoyer des Hauses nicht wiedererstanden. Das alles im Ringen mit Politikern, die kaum darüber reden, was Theater bedeutet, lieber rechnen, was es kostet und ihn zu Einschränkungen im Ensemble zwingen. Was künstlerisches Defizit schafft. Natürlich hat er nicht nur Freunde. Vielleicht hat er so lange durchgehalten, weil er von Haus aus kein Ego-Künstler ist, der Theater neu erfinden will, er hat es trotz Sparzwang profiliert. Was die Zuschauerstatistik bestätigt. Normal, dass nicht jede Inszenierung glänzt.

 

Das Weihnachtsmärchen als Chefsache

Ungewöhnlich lange auch das Duo mit Peter Dehler, der Anfang der 90er-Jahre ans Haus kommt, seit 1999 als Direktor das Schauspiel prägt und Hausautor ist. Ost-West-Reibungen im Alltag reflektiert er mit seiner kabarettistischen „Prost Brüder!“-Serie. Mit „Glatze“ geht er ans brennende Thema Skinheads. Als Regisseur und Autor macht er Theater nicht mit dem Blick aufs Feuilleton, sondern mit Gespür für die Zuschauer, mit Sinn fürs Komödiantische. Er inszeniert mal einen rockigen, mal einen phantasierten „Sommernachtstraum“. Schreibt Stücke wie „Fisch sucht Fahrrad“, seine Szene reicht von „Olsenbande“ bis Brecht. Er macht das Weihnachtsmärchen zur Chefsache und mit seinen Fassungen enorm populär. Das Schauspiel erobert mit Riesenerfolgen spartenübergreifend das Musical. Und wenn Dehler auch nicht zum Theatertreffen eingeladen wird, seine Arbeiten erreichen, was wichtiger ist: breitgefächertes Publikum. Sein Abschied mit dem Musical „Fame“: Junge Leute wollen unbedingt zur Bühne – doch das Theaterleben ist härter als erwartet. Ein Omen also zum Schluss.

Wehmut jetzt? Keine Zeit, Kümmritz, der für Schwerins Theater eine markante Rolle gespielt hat, auch mal eine kleine in einem Stück, wechselt den Stuhl. Stets Heiligabend saß er morgens um neun in Reihe neun im leeren Haus, schaute auf die leere Bühne, ließ das Jahr in 20 Minuten passieren. Für 37 Jahre braucht er nun im Sommer mehr Zeit.

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