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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 19:20 Uhr

Dabei-Stehen als wichtigster Beistand

vom

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erstellt am 17.Dez.2012 | 05:18 Uhr

Oft endet es gut, wenn ein Neugeborenes auf der Intensivstation betreut wird. Aber manchmal müssen sich die Familien für immer verabschieden. Dann ist die Pastorin - neben Ärzten und Schwestern - für sie da. Außerhalb von Kliniken sind es andere Seelsorger wie Gemeindepastoren. Dörte Rahming hat mit Hilke Schicketanz gesprochen.

Wie können Sie Eltern helfen, die um ihr Kind fürchten?

Schicketanz: Solche Situationen sind mit Schmerz und Ohnmacht verbunden - die Eltern können das Liebste nicht beschützen, was sie haben. Sie können nur da sein. Aber das ist genau das, was ihr krankes Kind am meisten braucht - Körperwärme, Geruch, Berührungen. Die Kleinen spüren das, und sie entspannen sich, wenn sie diese Nähe fühlen. Ich versuche, den Eltern das Gefühl zu geben, dass sie eben doch etwas tun können. Wichtig ist, dass die Menschen ihre eigenen Ressourcen entdecken. Dass sie erkennen, was tut gut, was tröstet, was gibt Halt.

Inwieweit hat dieser Beistand kirchliche Aspekte?

Viele Menschen haben ja keine religiösen Bilder zur Verfügung. Aber auch sie können sich nicht vorstellen, dass ihr Baby einfach so weg ist, wenn es denn sterben muss. Ich kann nur von meinem Vertrauen erzählen, dass diese Kinder aufgehoben sind. Natürlich werde ich den Tod nicht verniedlichen - er ist real und tut sehr weh. Ich versuche zu vermitteln, wenn es das Ewige gibt, dass wir dann auch mit denen verbunden sind, die tot sind. Bei allem möchte ich aber nicht zu schnell mit Trost kommen, denn das würden die Menschen nicht ernst nehmen, die sich gerade trostlos fühlen. Abgesehen davon gehört der seelische Schmerz zum Prozess der Heilung bei den Hinterbliebenen. Ich kann seelischen Beistand anbieten im Sinne von "Ich stehe dabei". Ich glaube, das ist eine grundmenschliche Erfahrung: Wenn wir bestimmte Gefühle oder Ängste haben, können wir uns denen besser stellen, wenn wir jemanden an unserer Seite haben.

Werden die Menschen auch manchmal wütend?

Natürlich, auch Wut gehört dazu. Vielleicht schimpfen sie dann auf meinen "blöden Gott", der ihnen erst ein Kind schenkt und es dann gleich wieder wegnimmt - zu Recht! Da hilft nur bleiben, nicht weglaufen, aushalten - und mir sagen, dass ich ja nicht Gott bin und nicht verpflichtet, darauf eine Antwort zu haben. Einmal hat mich ein Vater im Kreißsaal eine Stunde lang angeschrien - ich konnte ihn so gut verstehen! Man hat schon wegen weniger gebrüllt als wenn einem ein Kind gestorben ist. Diese Wut ist lebenswichtig, denn sonst besteht die Gefahr, dass man erstarrt. Wenn einer seine Gefühle noch ausdrücken kann, dann ist das eine ganz gesunde Reaktion. Das weiß ich, deshalb kann ich es aushalten. Als es vorbei war, hat er mir gedankt, dass ich da war.

Können Eltern wirklich auf den Tod ihres Kindes vorbereitet sein?

Das glaube ich nicht. Es gibt wohl eine Trauer vorher, solange es noch lebt - es ist die Trauer um das gesunde Kind, das man sich gewünscht hatte. Es kommen Gedanken auf, wie wird es sein, was wird uns helfen zu überleben? Aber man kann nie vorher wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Tod da ist. Und es tut dann auch nicht weniger weh.

Dürfen Eltern überhaupt schon an die Zeit danach denken?

Manchmal haben sie das Gefühl, sie würden ihr Kind innerlich verlassen, wenn sie nicht mehr um Heilung kämpfen. Aber es kann ein Ausdruck von Liebe sein, nicht mehr um etwas zu kämpfen, was ohnehin verloren ist. Sondern die Kraft stattdessen in so viel Lebensqualität wie möglich zu stecken. Manchmal ist nötig zu entscheiden, wir wollen jetzt keine weitere Operation oder quälende Chemotherapie mehr für das Kind, keine weitere Wiederbelebung. Wir wollen dafür sorgen, dass es keine Schmerzen, keine Angst hat, und wir werden da sein, so gut wir eben können.

Sehen die Ärzte das auch so?

In manchen Fällen ja, dann wird das Behandlungsziel - gemeinsam mit den Eltern - von Retten und Heilen zur Palliativbetreuung geändert. Also nicht mehr das Leben um jeden Preis zu erhalten, sondern eine möglichst gute Zeit für das Kind zu erreichen. Das gibt auch den Eltern das Gefühl, wirklich alles getan zu haben.

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