Massensuizid : „Da kam Hysterie auf“

Der 80-jährige Karl Schlösser erlebte die Massenselbstmorde vor 70 Jahren in Demmin mit.
Der 80-jährige Karl Schlösser erlebte die Massenselbstmorde vor 70 Jahren in Demmin mit.

Karl Schlösser hat sich mit dem Phänomen Massensuizid nach Kriegsende beschäftigt – er war selbst Zeitzeuge.

svz.de von
29. April 2015, 12:00 Uhr

„Wir zogen damals herum und haben überall Leichen gesehen“, erinnert sich Karl Schlösser an die ersten Maitage 1945 im mecklenburgischen Demmin. Der 80-Jährige ist einer von wenigen Zeitzeugen, die einen der größten Massenselbstmorde in Deutschland überlebten und davon noch sprechen. „Viele wollen darüber nicht mehr reden“, sagt Schlösser. Dabei hat er vom 29. April bis 8. Mai 1945 selbst Schlimmes durchlitten, worüber er und andere Zeitzeugen mit Historiker Florian Huber sprachen.

Dieser hat nun das Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“ im Berlin-Verlag vorgelegt. Darin wird erstmals umfassend über Selbstmorde am Kriegsende in Deutschland berichtet. Heute wird Huber in Demmin erwartet. Mit seiner Lesung im Rathaus und der morgigen Tagung „Schwierige Erinnerung“ wird 70 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen der Opfer der Selbsttötungen gedacht. „Dazu gehört auch eine ökumenische Andacht am 30. April“, sagt Demmins Bürgermeister Michael Koch (CDU).

Die Stadt wehrt sich seit Jahren dagegen, dass die rechtsextreme NPD – die am 8. Mai einen Fackelmarsch abhält – die tragischen Ereignisse von 1945 für ihre Zwecke instrumentalisiert. Das will auch Schlösser nicht, der lange Jahre im Demminer Museum arbeitete. Sein Vater fiel im Krieg. „Mein Opa war nicht in der NSDAP, aber er hat an Hitler und den Endsieg geglaubt“, erinnert er sich. Als dann plötzlich doch Russen nach Demmin kamen, brach für den Zehnjährigen der Glaube an den Opa und die Welt zusammen. „Es war ein warmer Tag, die Straßen waren voller Flüchtlinge und dann kamen auch noch die Panzer“, sagt Schlösser. Die Brücken über die drei Flüsse aus der Stadt heraus waren gesprengt, ein Lehrer und andere Unverbesserliche schossen auf russische Soldaten. „Später brannte fast jedes Haus.“ Schlössers Familie wartete beim Opa. Zwei blutjunge Sowjet-Soldaten kamen, nahmen die junge Mutter des Jungen mit und vergewaltigten sie.

Die Familie zog so schnell es ging aus der brennenden Stadt hinaus.„Die Leute sahen keine Auswege mehr und gingen ins Wasser oder brachten sich auf andere Weise um“, erzählt Schlösser. „Da kam Hysterie auf.“ Seine Mutter habe Rasierklingen gezogen, aber der Opa habe verhindert, dass sich alle die Pulsadern aufschneiden.

Französische Kriegsgefangene versorgen die siebenköpfige Familie am Stadtrand. „Den Geruch der verbrannten Stadt habe ich bis heute nicht vergessen“, sagt der autodidaktische Maler und Bildhauer. Mehrfach hat er das brennende Demmin gemalt.

Am Beispiel Demmin werde klar, wie schwierig es war, verlässliche Daten zu Selbsttötungen zu bekommen, schreibt Huber. Zwischen 500 bis 1000 Tote, so schätzt man, gab es in Demmin, das damals 15 000 Bewohner hatte und mit Flüchtlingstrecks überfüllt war. Für Berlin hat Huber die Zahl von rund 3800 Menschen gefunden, die sich im April 1945 selbst töteten. Im nahen Malchin waren es auch 500 Menschen, die zum Teil erst ihre Angehörigen und dann sich selbst oder sich alle zugleich töteten.

Demmin zeige, dass die Selbstmordwelle quer durch alle Berufe und Schichten verlief. „Ich will, dass mehr über die Hintergründe bekannt wird“, sagt Schlösser. Sein Großvater hat das Erlebte schlecht verkraftet, trank viel Alkohol und starb bald. Mit seiner Mutter hat Schlösser nie wieder über die Vorfälle von 1945 gesprochen.

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