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Homosexualität : „Da ist dieser innere Kampf mit dir selbst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Christian Wendt ist homosexuell – er erzählt von seinem Coming-out

von
erstellt am 17.Mai.2016 | 12:00 Uhr

„Eigentlich war es eine witzige Geschichte“, sagt der junge Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Der 22-Jährige sitzt auf einer Bank. Rutscht hin und her. Nippt an einem Glas O-Saft. Stellt es auf den Tisch vor sich. „Ich habe damals einfach meinen Facebook-Status geändert – also auf vergeben.“ Sein Lächeln wird breiter. „Kurz darauf hat meine Mutter mir eine Nachricht geschickt“, fügt er hinzu. Denn natürlich wollte sie wissen, wer die Glückliche sei. „Abends habe ich es ihr dann persönlich gesagt – dass es ein Mann ist. Sie antwortete: Darauf brauche ich erst einmal einen Cognac und fragte, ob ich auch einen wolle.“

Christian Wendt outete sich vor drei Jahren. Damals war er 19 Jahre alt. Für seine Mutter war es kein Problem. Auch seine ältere Schwester ging von Anfang an toll damit um, sagt er. Zum Vater hatte er schon vorher keinen Kontakt mehr. „Allerdings waren meine Mutter und meine Schwester fast die Letzten, die es erfuhren“, erinnert sich der Einzelhandelskaufmann. Er habe doch etwas Angst gehabt. „Da ist dieser innere Kampf mit dir selbst – über Jahre. Bist du schwul? Willst du überhaupt schwul sein?“, sagt Christian. Nie habe er eine Freundin gehabt. Nie auch nur Interesse. „In der Schulzeit hatten ja alle irgendwann eine Freundin. Jeder will sich als Teenie beweisen. Mir war es egal.“

Christian wurde in Leipzig geboren. Zog mit seiner Mutter als Kind in ein kleines Dorf bei Goldberg. Danach nach Plate, Groß Trebbow und wieder zurück nach Plate. Er ging in Banzkow zur Schule. „Nie hätte ich mich da geoutet“, sagt Christian. Zu viel Angst hätte er gehabt. „Ich war schüchtern. Habe nie viel gesprochen.“ Mit 14 Jahren dann die erste Ahnung. „Meine Mutter fragte mich damals ein paar Mal, ob ich schwul sei.“ Doch Christian sei einfach nicht soweit gewesen. „Es ist schon komisch, wenn dich das ausgerechnet deine Mutter fragt.“ Damals wusste er es selbst noch nicht. Haderte mit sich selbst.

Seit 2008 lebt er nun in der Landeshauptstadt. Lernte seinen heutigen Freund Kevin im Klub Einblick in der Lübecker Straße in Schwerin kennen. „Nun sind wir fast drei Jahre zusammen“, erzählt Christian. Vor gut zwei Jahren zogen sie zusammen. „Wir sind wie ein altes Ehepaar“, sagt er schmunzelnd. Alles würden sie sich teilen. Den Einkauf. Die Hausarbeit. Und natürlich auch alle Sorgen. „Es ist wie bei jedem Paar. Kevin kommt mit zu meiner Familie. Wir besuchen meine Mutter und meine Schwester“, erzählt Christian mit ruhiger Stimme.

Kevin habe ihm Kraft gegeben. Durch den Klub Einblick wurde er aufgeschlossener. Redet frei, ohne Hemmungen. Er konnte sich entfalten. „Die Beratung im Klub ist sehr wichtig“, betont Christian. Ebenso wie der heutige Tag gegen Homophobie, fügt er schnell hinzu. „Die Menschen müssen verstehen, dass Schwule und Lesben genauso sind, wie alle anderen.“ Und deshalb lässt der Verein Klub Einblick heute um 17 Uhr Luftballons mit Wünschen am Pfaffenteich steigen.

Christian nimmt einen großen Schluck von seinem O-Saft. „Ich bin froh, dass es bei mir so gelaufen ist. Ich wurde nie angefeindet. Freunde und Arbeitskollegen haben es gut aufgenommen. Nicht jeder hat so viel Glück.“ Er stellt das Glas zurück. Sitzt ruhig und lächelnd da.

 

Ein Tag gegen Vorurteile und Ängste
Der heutige  Internationale Tag gegen Homophobie   wird seit 2005 jedes Jahr am 17. Mai gefeiert. Die Initiative ging von dem französischen Aktivisten  Louis-Georges Tin aus.  Ziel des heutigen Tages   ist es, internationale Aktivitäten zu koordinieren und Respekt für Lesben und Schwule einzufordern.  Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel der Krankheiten strich.
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