"Da hat er mit der Flinte rübergefuchtelt"

Das Bild ging 1972  um die Welt: Ein Maskierter des palästinensischen Terrorkommandos auf dem Balkon  jenes Hauses, in dem israelische Sportler  als Geiseln genommen wurden.Imago (2), privat
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Das Bild ging 1972 um die Welt: Ein Maskierter des palästinensischen Terrorkommandos auf dem Balkon jenes Hauses, in dem israelische Sportler als Geiseln genommen wurden.Imago (2), privat

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05. September 2012, 12:04 Uhr

Rostock/Goldberg | 5. September 1972 - Olympische Spiele in München. In den Tagen zuvor waren es die heiteren Kämpfe, freudvollen Spiele um Gold, Silber und Bronze - ohne große Sicherungsmaßnahmen.

Der damals 31-jährige Klaus Langhoff, gemeinsam mit seinen Rostocker Handball-Kameraden Reiner Ganschow und Wolfgang Böhme vom SC Empor sowie mit dem späteren Schweriner Peter "Lore" Larisch vom SC Leipzig im DDR-Team, hatte sich unter den Trainern Heinz Seiler und Paul Tiedemann Edelmetall zum Abschluss seiner Laufbahn gewünscht.

Es sollte nichts werden. Mit der Medaille nicht und auch sonst. Die heiteren Spiele waren urplötzlich wie weggeblasen. Der 5. September ging als der schwärzeste Tag in die Geschichte Olympischer Spiele ein. Gegen 4.35 Uhr drang ein Terrorkommando der palästinensischen Organisation "Schwarzer September" in das israelische Olympia-Quartier in der Conollystraße 31 ein. 21 Stunden später sollten 17 Menschen - elf israelische Geiseln, ein bundesdeutscher Polizist sowie fünf der acht Terroristen - tot sein.

Das Terrorkommando wollte sechs Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg 234 in israelischen Gefängnissen sitzende Palästinenser freipressen. Doch der jüdische Staat lehnte dies kategorisch ab, Israel hat bis heute solch einen Deal nie gemacht.

"Im Halbschlaf sind wir ans Fenster"

Zurück zum 5. September 1972. Die DDR-Handballer wohnten im Olympischen Dorf in einem Terrassenhochhaus - nur fünfzehn bis zwanzig Meter entfernt vis-à-vis von den Israelis. Kapitän Langhoff, Weltmeister 1963 im Feldhandball sowie zweifacher Vizeweltmeister, und Larisch, mit 21 Lenzen der junge Dachs im Team, erinnern sich.

"Als Mannschaftskapitän wurde ich frühmorgens geweckt. Man hatte im Haus gegenüber Schüsse gehört", berichtet Langhoff. Und Larisch sagt dazu: "Gegen 5.30 Uhr kam jemand zu uns in die Wohnung und sagte, da wäre was passiert. Im Halbschlaf sind wir ans Fenster. An dem Tag ging’s danach ganz normal zum Frühstück und Training."

Vorn raus durfte jedoch keiner mehr, also ging es durch die Tiefgarage. Dort, wo Stunden später der Bus für die Geiseln und Geiselnehmer zu zwei abflugbereiten Helikoptern für den Weiterflug nach Fürstenfeldbruck bereitstehen sollte, gingen die DDR-Handballer zum Frühstück - und dann wieder zurück in ihr Quartier.

Das Team war hinter den Fenstern Zeuge des Anschlags, sah etwa das Ablegen eines der zwei Toten vor der Haustür der israelischen Olympia-Mannschaft. "Das war eine ungeheure Belastung. Wir wussten nicht, wie es unten aussah. Den normalen Weg als Fußgänger konnten wir nicht nehmen. Unterirdisch wurde der Fahrzeugverkehr abgewickelt. Konnte ja sein, dass sich dort auch Terroristen aufhielten", beschreibt der in Wus trow lebende 72-jährige Langhoff die Situation aus heutiger Sicht.

Beim gebürtigen Goldberger Larisch - der auf den letzten Drücker ins München-Team gerutscht war, da sein Leipziger Klubkollege Karlheinz Rost nach der Scheidung von seiner Frau kein Reisekader mehr war - läuft die Sache von vor 40 Jahren "heute noch wie im Film ab. Josef Rose aus Frankfurt/Oder, er war Hauptmann der NVA, legte sich plötzlich mitten in der Stube auf den Boden und robbte in Richtung Balkon mit den Worten: ,Ich mache Feindbeobachtung. Das war am Vormittag und eher ein Flachs. Wir wussten, wie gesagt, da noch nicht wirklich was über das ganze schreckliche Geschehen", nimmt er Rose in Schutz.

Aus heutiger Sicht ist vieles nicht nachvollziehbar. Das Chaos war an jenem Tag in München allgegenwärtig. Die von der Situation völlig überraschten und teilweise geradezu hilflos wirkenden politischen und Sicherheitsorgane der BRD hielten die Weltöffentlichkeit über Stunden im Ungewissen. Regierungssprecher Conrad Ahlers verkündete an jenem 5. September um 23.30 Uhr gar, die Aktion sei "glücklich und gut verlaufen". Erst geschlagene viereinhalb Stunden später sollte dies offiziell revidiert werden.

Wie sollten da die Sportler im olympischen Dorf die Geschehnisse überblicken können. Peter Larisch ist denn auch am Vormittag jenes Tages mit Rose raus auf den Balkon gegangen. "Da hat der eine auf dem Balkon der Israelis stehende vermummte Terrorist mit der Flinte zu uns rübergefuchtelt. Also sind wir ganz schnell wieder rein."

Sicherheitsleute auf dem Dach in Trainingsanzügen

Mittags saßen dann vor jedem Eingang im olympischen Dorf plötzlich Wachposten, erinnert sich der heutige Goldberger Gastronom. "Zu der Zeit erlebte ich auch mit, wie an der Tür zum Haus der Israelis verhandelt wurde. Da lief immer so einer mit einem weißen Hut herum. Das war der Hauptvermittler, wie man es aus den in diesen Wochen ausgestrahlten Dokumentationen erfährt."

Larisch hat das alles nie vergessen, auch jenes nicht, "als plötzlich Sicherheitsleute in Trainingsanzügen auf dem Dach bei den Israelis waren". Dumm nur: Das Fernsehen hielt die Kamera drauf, und die Geiselnehmer waren so live bestens unterrichtet. Plan A war somit gescheitert, also trat Plan B in Kraft. Den Terroristen wurde gesagt, sie könnten mit den Geiseln nach Kairo ausfliegen, stattdessen sollte in Fürstenfeldbruck im Schutz der Dunkelheit der Zugriff erfolgen. Doch die mit der Situation völlig überforderten BRD-Sicherheitskräfte hatten nervöse Finger am Abzug. Die Situation geriet außer Kontrolle. Als die Palästinenser merkten, dass sie in der Falle stecken, brachten sie die in den Helikoptern gefesselten neun Sportler um. Bundeskanzler Willy Brandt hatte Israels Ansinnen, ihre eigenen Sicherheitsleute einzusetzen, zuvor abgelehnt. In Auswertung der Megapannen sollte Brandt später von einem "erschütternden Dokument deutscher Unfähigkeit" sprechen. Dennoch wurde nie ein Vertreter der BRD-Sicherheitsbehörden angeklagt. Zumindest entstand wenig später die Spezialeinheit GSG 9.

Die drei überlebenden Terroristen wurden nur zwei Monate darauf im Zuge der Entführung der Lufthansa-Maschine "Kiel" freigepresst. Zwei davon richtete Israels Geheimdienst Mossad in der Operation "Zorn Gottes" hin, ebenso zumindest zwölf tatsächliche und vermeintliche Hintermänner.

Den DDR-Handballern wurde übrigens nach jenem 5. September durch Chefcoach Heinz Seiler und Betreuer laut Larisch "ein Maulkorb verpasst. Wir sollten keinerlei Interviews geben oder sagen, was das für eine Schweinerei sei", so der in einer Woche seinen 62. Geburtstag Feiernde. Nach DDR-Lesart waren nämlich die Palästinenser die Guten und die Israeli die Bösen. Und dann das abscheuliche, durch nichts zu rechtfertigende Verbrechen an unschuldigen Sportlern…

Im Zusammenhang mit der Terroraktion soll Seiler laut Langhoff zudem gesagt haben: "Unser heutiges erstes Hauptrundenspiel gegen die UdSSR brauchen wir nicht mehr auszutragen. Ihr könnt langsam packen. Die Spiele werden zu Ende sein." Und die Langhoff & Co. saßen tatsächlich stundenlang auf gepackten Koffern. Keiner glaubte daran, dass IOC-Präsident Avery Brundage (USA) nach Unterbrechung, Flaggen auf halbmast und einer Gedenkveranstaltung im Olympiastadion am 6. September um 16.45 Uhr verkünden würde: "The games must go on" - die Spiele müssen weitergehen.

Noch heute ist dies für Klaus Langhoff ein Unding. Und Larisch meint: "Einige Sportler sind abgereist, weil sie die Olympischen Spiele und deren Friedensgedanken mit den Geschehnissen nicht in Einklang bringen konnten. Wir blieben."

Am 7. September holten die DDR-Handballer die UdSSR-Partie nach, verloren 8:11 und landeten schließlich auf dem undankbaren Platz vier. "Gerade wir älteren Akteure, die mit München ihre internationale Laufbahn beenden wollten, waren nicht mehr frei im Kopf. Wir hatten ja auch alle Frau und Kinder", sagt Langhoff. Sorgen um die Teilnehmer der DDR-Olympiamannschaft machten sich auch die Angehörigen zu Hause. So einfach in den Westen zu telefonieren ging nicht. Nur über Rundfunk und Fernsehen konnte das Geschehen verfolgt werden.

Bombendrohung vorm Training in Milbertshofen

Und auch im Training herrschte plötzlich viel Unruhe. Larisch: "Wir sollten in Milbertshofen trainieren. Doch das ging plötzlich wegen einer Bombendrohung nicht. Also wurde in einem Armeeobjekt trainiert. Bei den Amis. Das gefiel unseren Offiziellen nicht."

Klaus Langhoff, der 1980 die DDR als Co-Trainer an der Seite von Tiedemann zum Gold führte und 1988 als Cheftrainer in Seoul Siebter wurde, sagt rückblickend: "Damals haben die verantwortlichen Politiker die internationale Situation mit einigen Brandherden falsch eingeschätzt, waren einfach zu blauäugig."

1972 wollten sowohl München - in der Nazi-Zeit "die Stadt der Bewegung" - als auch die Bonner Republik auf keinen Fall mit Militarismus oder Polizeistaat in Verbindung gebracht werden. Darum so wenige sichtbare Sicherheitskräfte wie möglich; darum das Motto von den "heiteren Spielen". Und darum der läppische Zaun von 2,20 Meter Höhe ums Olympiadorf, der fürs Terrorkommando keine Hürde darstellte. Dabei gab’s im Vorfeld Überlegungen, Hundestaffeln in Sichtweite um den Zaun des Olympiadorfs patrouillieren zu lassen. Das wurde verworfen. Mit fatalen Folgen…

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