zur Navigation springen

Flüchtlinge in MV : Crivitzer Tafel unter Polizeischutz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten an der Lebensmittelausgabe. Auch an anderen Standorten gibt es Reibereien

von
erstellt am 19.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Zwölf Polizisten. Knapp 70 Bedürftige. Einheimische und Flüchtlinge. Sie alle stehen am Mittwoch vor der Ausgabestelle der Tafel in Crivitz. Sie warten, wie jeden Mittwoch um 9.30 Uhr. Es ist ruhig am Diakoniehaus. Nur leises Geflüster ist zu hören. Doch so leise ging es in den vergangenen Wochen hier nicht zu. Ende April und Anfang Mai kam es zu heftigen Rangeleien zwischen den in Demen untergebrachten Asylsuchenden und den Crivitzern. Seit zwei Wochen sichern nun die Beamten die Ausgabe.

„Heute ist alles friedlich“, bestätigt Polizeihauptkommissarin Kathrin Mach. Doch noch am dritten Mai sah es ganz anders aus: „Die Situation eskalierte vor dem Tor. Einige von den Flüchtlingen drängelten, schubsten, schlugen und traten um sich“, berichtet Julia Deters. Die Einwanderer wollten zuerst zur Lebensmittelausgabe. „Sie sollen ja auch alle was bekommen, aber so geht es nicht“, sagt die 27-Jährige. Sie selbst habe zwei Kinder zu versorgen. „Ich bin alleinerziehend. Eines meiner Kinder ist geistig behindert – deswegen schaffe ich es nicht zu arbeiten.“ Die finanzielle Unterstützung vom Staat würde einfach nicht ausreichen.

„Es ist traurig, dass wir in Deutschland überhaupt Tafeln haben müssen, um Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen“, sagt Thomas Tweer, Geschäftsführer des Diakoniewerks Neues Ufer. Doch hier sein dürfe jeder. „Egal ob Einheimischer oder Flüchtling“, bestätigt Manuela Hölzer, Leiterin des Diakoniehauses in Crivitz. Sie sieht die Probleme eher in der Kommunikation. „Viele der Zuwanderer kommen her und wissen gar nicht, dass wir in Deutschland auch hilfsbedürftige Menschen haben. Sie denken, hier geht es allen gut und die Tafel sei nur für sie da“, so Hölzer.

Das sieht auch Peter Grosch, Gründer und Leiter der Schweriner Tafel so. „Die Flüchtlinge werden vom Amt zu uns geschickt. Die Menschen denken, dass wir eine staatliche Organisation sind. Dass wir sie versorgen müssen“, so Grosch. Doch einen rechtlichen Anspruch habe niemand. In Westmecklenburg versorge der Verein Schweriner Tafel in 13 Ausgabestellen 2500 Menschen. Darunter seien etwa zehn Prozent Asylbewerber, schätzt Grosch.

Solche Probleme, wie in Crivitz, gäbe es schon seit 20 Jahren. „Die Leute haben sich schon immer gestritten, wer zuerst an der Reihe ist – früher waren es eben Einheimische, heute sind es auch Zuwanderer“, berichtet Peter Grosch. Gerade in Crivitz und Schwerin kämen auch Flüchtlinge zur Ausgabe der Tafel. In Hagenow und Boizenburg sei der Anteil verschwindend gering. Ähnliche Zwischenfälle wie in Crivitz sind Grosch nicht bekannt.

„In ganz MV versorgen wir als Landesverband regelmäßig zwischen 50  000 und 55  000 Menschen an 29 Ausgabestellen“, so der Vorsitzende des Tafel-Verbandes, Günther Hoffmann. Er berichtet, dass Flüchtlinge hohe Ansprüche stellen würden. Gerade in Wismar, Demmin und Waren habe er von solchen Problemen gehört. „Sie wollen ganz bestimmte Lebensmittel, andere dagegen, wie zum Beispiel Wurst, eben nicht. Doch wir sind kein Supermarkt“, so Hoffmann. Auch er sieht diese Probleme begründet in der falschen Kommunikation. „Den Flüchtlingen muss es erklärt werden, dass nicht nur sie an die Tafel kommen dürfen. Aber auch die Einheimischen müssen teilen lernen – es ist genug für alle.“ Es sei ein Privileg und nicht selbstverständlich, dass es die Tafel gibt, so Hoffmann.

Genauso denkt auch der Syrer Khaled Abo Alloul. Ihm ist der Zwischenfall peinlich. Er selbst besucht die Lebensmittelausgabe zum ersten Mal, sagt er. „Die Männer haben sich unmöglich benommen. Die Polizei hätte sie gleich festnehmen müssen. Wir sind hier Gast und müssen uns auch so benehmen“, meint der 25-Jährige. Er sei sehr dankbar. Will hier studieren. Sich anpassen und integrieren.

In Crivitz gibt es aber auch Menschen, die ihre Lebensmittel gerne teilen. So sortiert ein älterer Mann seine Errungenschaften. Er schmeißt das was er nicht will, nicht weg, wie es schon von den Ehrenamtlichen so manches Mal bei anderen deutschen Tafel-Gängern beobachtet wurde. Nein, er gibt es den Flüchtlingen, die sich mit Fahrrädern zurück nach Demen machen wollen. Dann geht er weiter. Ohne, dass er in der Zeitung genannt werden möchte. Ohne seinen Namen preiszugeben. Doch dieses Verhalten sei eine Ausnahme, sagt Manuela Hölzer. „Ich bewundere die Ehrenamtlichen, die hier in Crivitz die Lebensmittel verteilen. Sie haben es nicht leicht.“ Seit dem Zwischenfall würden sie – von möglicherweise Rechtsextremen – beschimpft, angefeindet, bedroht. „Auch mir hat man schon in den Vorgarten erbrochen“, erzählt die Leiterin des Diakoniehauses. „Hier muss noch viel passieren. Wir brauchen Unterstützung – in der Kommunikation.“

Die Polizisten bleiben bis zum Schluss. Vier Anzeigen haben sie Anfang Mai aufnehmen müssen. Drei wegen Körperverletzung und eine wegen Diebstahls. „Auch in den kommenden Wochen werden wir weiter hier sein und die Sache beobachten“, verspricht die Polizeihauptkommissarin.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert