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Begegnung mit dem Lebensretter : Corvens genetischer Zwilling

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Achtjährige lernt heute in Basthorst seinen Stammzellspender kennen – der 57-Jährige rettet dem Jungen damit das Leben

svz.de von
erstellt am 26.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Für Corven Eichler wird der heutige Tag ein ganz besonderer. Auf der Jahrestagung der Deutschen Stammzellspenderdatei (DSD) in Basthorst bei Schwerin wird der Achtjährige aus Neuruppin seinen Lebensretter kennenlernen.

„Wir sind alle schon sehr aufgeregt“, verrät Corvens Mutter Christin Eichler. Gemeinsam mit ihrem Mann und der kleinen Tochter wird sie ihrem Sohn zur Seite stehen – so, wie sie es bisher in allen Höhen und Tiefen seines Lebens getan hat.

„Dass mit Corven etwas nicht in Ordnung war, stellte die Hebamme gleich nach seiner Geburt am 8. Juni 2006 fest“, erinnert sich seine Mutter. „Sie hatte an seinem ganzen Körper Hautblutungen entdeckt und meinte, um mich zu beruhigen, das könnte auch von den Anstrengungen der Geburt kommen. Aber die war gar nicht anstrengend…“ Sein Blutbild, so hieß es am Folgetag, sei nicht in Ordnung, zu wenige Blutplättchen, zu viel weiße Blutkörper, zu hohe Enzündungswerte. Dann fand sich auch noch Blut im Stuhl des Babys – warum, das blieb für die Ärzte in Neuruppin ein Rätsel. Nach vier Wochen, in denen Corven immer schwächer wurde, überwiesen sie den kleinen Jungen und seine Mutter schließlich nach Berlin an die Charité. Auch dort dauerte es mehrere Wochen, bis endlich herausgefunden wurde, was dem Kind fehlt: Corven leidet am sehr seltenen Wiskott-Aldrich-Syndrom, bei dem die Blutgerinnung und das Immunsystem schwer beeinträchtigt sind. Nur Jungen erkranken daran – nur einer von 250 000…

Ohne eine Stammzelltransplantation beträgt die Lebenserwartung beim Wiskott-Aldrich-Syndrom maximal zehn Jahre. „Uns lief die Zeit davon“, sagt Christin Eichler bei der Erinnerung an die Monate, die auf die Diagnose folgten. Während fieberhaft nach einem Stammzellspender für Corven gesucht wurde, änderte sich der Gesundheitszustand des Jungen ständig. Immer wieder musste Christin Eichler mit ihm in die Klinik.

Im Januar 2007 kamen 1685 potenzielle Spender zu einer Typisierungsaktion für Corven. „Das war einfach toll“, sagt seine Mutter. Doch erst im April bekam sie den erlösenden Anruf: Es war tatsächlich endlich ein Stammzellspender für Corven gefunden worden – sein genetischer Zwilling.

Gut einen Monat lang wurde der Junge in Berlin auf die Übertragung vorbereitet. Am 22. Mai 2007, kurz vor seinem ersten Geburtstag, war es endlich so weit – ein kurzer Eingriff, der doch sein ganzes weiteres Leben beeinflussen sollte. Auf ihn folgten 200 Tage der Isolation, denn damit der kleine Körper die fremden Stammzellen annahm, war sein Immunsystem so weit wie möglich heruntergefahren worden. „Corvi aß fast 150 Tage lang nichts. Ab und an ein Gummibär, das war alles“, erinnert sich die Mutter. Anfang September wurden sie nach Hause entlassen, erst im Dezember durfte Corven wieder nach draußen – mit Mundschutz.

Doch auch mit den neuen Stammzellen besserte sich sein Gesundheitszustand nicht so, wie die Familie und die Ärzte es sich erhofft hatten. „Ein Jahr später wurden ihm deshalb noch einmal eingefrorene Stammzellen desselben Spenders transplantiert“, erinnert sich Christin Eichler.

Auch heute merke man ihrem Sohn die Krankheit an. Er sei sehr viel kleiner als seine gleichaltrigen Mitschüler – und körperlich nicht so leistungsfähig. Aber er würde offensiv mit seiner Krankheit umgehen: „Wir haben ihm erklärt, dass die Polizei in seinem Körper nicht richtig arbeitet – und das erzählt er so auch anderen.“

Auch Horst Riehn wird er heute davon erzählen – dem Mann, dessen Stammzellen Verstärkung für Corvens „Polizei“ brachten. Für ihn sei es ganz selbstverständlich gewesen, sich als Stammzellspender typisieren zu lassen, erzählt der 57-Jährige aus Wasserleben im Harz, der über seine Rettungstat nicht gerne viele Worte verlieren möchte. „Ich spende ja auch seit vielen Jahren Blut. Und Organspender bin ich auch.“

Mit seinen Stammzellen hatte er damals auch einen Teddy und einen Kartengruß auf die Reise geschickt – „und wir hatten auch geantwortet, aber offenbar kam unsere Post nie bei ihm an“, erinnert sich Corvens Mutter. Ohnehin kannte sie nur den Vornamen des unbekannten Stammzellspenders, als Adresse war die eines Krankenhauses angegeben. „Anders als bei Organspenden kann man aber nach einer bestimmten Zeit auch den vollen Namen des Stammzellspenders erfahren“, weiß Christin Eichler. Sie hätte diesen Moment hinausgezögert, bis Corven ihn bewusst erleben kann. Heute ist es nun endlich so weit.

In Basthorst werden sich außer den beiden heute noch drei weitere „genetische Zwillingspaare“ zum ersten Mal nach einer erfolgreichen Stammzellspende begegnen. „Diese Zusammentreffen werden emotional sicher sehr bewegend“, meint DSD-Sprecherin Grit Göbel. Nur 30 Prozent der Patienten fänden einen verwandten Spender, die Mehrzahl sei heute auf nicht verwandte Spender angewiesen.

Besonders engagierte Spender will die DSD heute auszeichnen. Auch Mecklenburger und Vorpommern gehören dazu: Pierre Frehse aus Güstrow, André Schönerstedt-Jankowski aus Kirchdorf/Sandhagen und Peer von Schütz aus Penkun.

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