Sassnitz : „Coole DDR-Architektur“

Der Rettungsturm von Binz
Der Rettungsturm von Binz

Ein Musikpavillon in Muschelform, ein Rettungsturm im Ufo-Look: Zwei Bauwerke des Schalenbetonbaumeisters Ulrich Müther

svz.de von
26. April 2018, 05:00 Uhr

Ein Musikpavillon in Muschelform, ein Rettungsturm im Ufo-Look: Zwei Bauwerke des Schalenbetonbaumeisters Ulrich Müther (1934-2007) sind auf seiner Heimatinsel Rügen vor dem Verfall bewahrt worden. 

Müthers Bauten seien ein Beleg dafür, dass auch in der DDR anmutig, grazil und verspielt gebaut wurde, sagte der Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung, Philip Kurz, gestern.  Die Stiftung stellte für die Sanierung beider Gebäude rund 700 000 Euro bereit. Die Bauten waren durch die salzhaltige Luft, Wind und Sand sowie bauphysikalische Probleme in den vergangenen Jahrzehnten stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der weiße Rettungsturm der Binzer Strandwache mit seinen abgerundeten Kanten wurde 1981/82 erbaut, der futuristisch anmutende Musikpavillon in Sassnitz in den Jahren 1986 bis 1988. Beide Bauten sind sogenannte Hyparschalen – dünne Betonkonstruktionen, die große Spannweiten erlaubten. Diese Konstruktionen seien extrem arbeitsaufwändig, aber auch extrem materialsparend gewesen, sagte Kurz. „Müthers Bauten sind nicht nur cool, sondern eine wertvolle Hinterlassenschaft der DDR-Architektur.“  

Der in Binz geborene Bauingenieur Müther setzte der Nüchternheit des DDR-Betonplattenbaus kühn geschwungene Entwürfe entgegen. Seine gekrümmten Schalenbauwerke erlangten internationale Beachtung.

Müthers Konstruktionen verkörpern nach Angaben der Stiftung eine bedingungslose Moderne, mit der sich der Staat gerne repräsentiert sah – auch im Ausland. Seine Bauten stehen beispielsweise in Libyen, Jordanien und Kuba oder wurden –  wie das Planetarium in Wolfsburg – noch vor dem Fall der Mauer in der Bundesrepublik errichtet. Weltweit entstanden 74 Müther-Bauten. Nach Angaben des Leiters des an der Hochschule Wismar angesiedelten Müther-Archivs, Matthias Ludwig, wurden inzwischen rund 30 Bauten abgerissen, darunter das bekannte „Ahornblatt“ im Jahr 2000 in Berlin.

Auch die beiden Müther-Bauten auf Rügen waren stark beschädigt. Da der Rettungsturm ohne Dämmung der Betonschale erbaut worden sei, kondensierte von Beginn an im Inneren die Feuchtigkeit, es entstand Schimmel mit der Folge, dass Holzeinbauten und Oberflächenbeschichtung zerstört wurden. Eine Lüftungsanlage und dünne Heizfolien an den Betonschalen sorgen nun künstlich für ein gesundes Raumklima, mit dem der Schadenskreislauf durchbrochen werden könne. Der Rettungsturm gilt als Experimentalbau. Die beiden Betonhalbschalen sind an der dünnsten Stelle nur drei Zentimeter stark.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen