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Rostock : Claudia Süpner hilft beim Lebens-Start

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Der fünf Monate alte Jannik fängt laut an zu schreien. Dass er gewogen werden soll, passt dem Jungen überhaupt nicht. Doch das muss sein - immer wenn Claudia Süpner vorbeikommt, muss das sein.

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erstellt am 08.Jan.2012 | 10:06 Uhr

Lichtenhagen | Der fünf Monate alte Jannik fängt laut an zu schreien. Dass er gewogen werden soll, passt dem Jungen überhaupt nicht. Doch das muss sein - immer wenn Claudia Süpner vorbeikommt, muss das sein. 8050 Gramm notiert die Familienhebamme in ihrer Tabelle - 50 Gramm mehr als vor zwei Wochen. "Er hat also nicht drastisch zugenommen", sagt sie. Im Gegensatz zu Janniks Mutter, Jacqueline Richter, deren Freundinnen das Baby zu dick finden, hält sie sein Gewicht für normal. "Ein bisschen Babyspeck darf man haben."

Einmal pro Woche besucht Süpner Jannik und seine Familie, die in einem Lichtenhäger Plattenbau leben. Nicht nur, um den Jungen zu wiegen und zu sehen, ob er sich altersgerecht entwickelt, sondern auch um sich zu erkundigen, wie viele Flaschen er trinkt, ob er nachts durchschläft und wie er sich mit seiner älteren Schwester Isabell versteht. Während die Vierjährige anfangs noch etwas eifersüchtig auf den Familienzuwachs war, hat sie ihn mittlerweile ins Herz geschlossen. "Die beiden können nicht mehr ohne einander", sagt Jacqueline Richter.

Vertrauen erleichtert Zugang zu Menschen

Familienhebammen wie Claudia Süpner gibt es in Mecklenburg-Vorpommern seit 2008. Sie beraten, begleiten und unterstützen Familien in besonderen Lebenslagen. Ziel des Projekts, das vom Ministerium für Soziales und Gesundheit und dem Landeshebammenverband initiiert wurde, ist es, Mütter und Väter zu stärken und zu befähigen, ihre Lebensumstände zu meistern, damit ihre Kinder in einer Umwelt aufwachsen, die sie in ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung fördert. Die Erfahrung zeigt, dass Hebammen von den Familien oft besser akzeptiert werden als zum Beispiel Jugendamtsmitarbeiter. "Wenn ich eine Frau schon in der Schwangerschaft begleitet habe, existiert da eine ganz andere Vertrauensbasis", sagt Süpner. Das erleichtert ihr den Zugang zu Menschen, die ansonsten schwer zu erreichen sind.

Jacqueline Richter hat sich ihre Familienhebamme selbst ausgesucht. Bei einem Infoabend im Geburtshaus Am Vögenteich lernte sie sie kennen. Während der Schwangerschaft übernahm Süpner Vorsorgeuntersuchungen und führte im Geburtshaus und zu Hause Gespräche mit der jungen Mutter. Am 2. April kam dann Jannik zur Welt - eine Hausgeburt. "Das war flink", sagt die Hebamme. Während eine normale Betreuung acht bis zehn Wochen nach der Geburt endet, steht sie der Familie von Jannik auch jetzt noch zur Seite. Bis zu seinem ersten Geburtstag wird sie regelmäßig bei ihnen zu Hause in Lichtenhagen vorbeischauen.

Schon bei der Geburt ihrer Tochter hat Richter gute Erfahrungen mit dem Hilfsangebot gemacht. Damals war sie 16 Jahre alt und lebte in einem Mutter-Kind-Projekt. Die Familienhebamme war Pflicht. Sie brachte der jungen Mutter bei, wie man ein Kind badet, wie man es stillt oder wie man Brei gibt. Das regelmäßige Messen und Wiegen gehörte ebenfalls dazu. "Meiner Meinung nach sollte sich jede Frau beim ersten Kind eine Hebamme holen", sagt die Lichtenhägerin. Und auch beim zweiten Kind hält sie das für sinnvoll, schließlich ergebe sich auch dann wieder eine ganz neue Situation.

Jacqueline Richter selbst ist im Heim aufgewachsen. Zu ihren Eltern und Geschwistern hatte sie kaum Kontakt. Und so ist auch heute niemand da aus ihrer Familie, der sie bei ihren Aufgaben als Mutter unterstützen könnte. Stattdessen kümmert sich Claudia Süpner um sie. Bei ihrem Besuch fällt der Familienhebamme auf, dass Janniks Kopf etwas asymmetrisch ist. "Sagt der Kinderarzt immer noch nicht, dass er zur Physiotherapie soll?", fragt sie nach. Der Kleine will einfach nicht auf der Seite liegen, wie Süpner das empfohlen hat. "Das ist nicht sein Ding", sagt die Mutter. In den kommenden Tagen hat sie wieder einen Kinderarzttermin, da will sie sich noch mal beraten lassen. Alles in allem ist die Familienhebamme mit der Entwicklung des Jungen aber zufrieden. "Jacqueline bekommt alles gut auf die Reihe", sagt sie. Da habe sie auch schon andere Fälle betreut. Fälle, in denen die Mütter Probleme hatten, ihren Tagesablauf zu strukturieren. Fälle, in denen sie es nicht schafften, ihre eigenen Bedürfnisse denen des Babys unterzuordnen. Und Fälle, in denen das Kind zu seinem Schutz sogar in Obhut genommen werden musste. Bei vielen dieser Familien sei der Nachwuchs nicht geplant gewesen, sagt Süpner.

Auch für Probleme der Mutter bleibt Zeit

Auch die Mutter von Jannik hatte andere Pläne für ihr Leben. Die 21-Jährige steckte gerade mitten in der Ausbildung zur Hauswirtschafterin, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Nun nimmt sie sich erst einmal ein Jahr Elternzeit. Wie es danach weitergehen soll, weiß sie noch nicht. Vielleicht will sie noch mal eine neue Ausbildung beginnen. Nachdem die Familienhebamme Jannik untersucht hat, nimmt sie sich auch für die Probleme der Mutter Zeit. Ob es um die Suche nach einer größeren Wohnung, die Beziehung zu ihrem Partner oder den Tod ihres Vaters geht - Süpner hört zu und gibt Tipps. Auch hat sie Jacqueline Richter Material mitgebracht, das über alternative Ausbildungsmöglichkeiten informiert. Für den weiteren Werdegang der Mutter ist die Hebamme dann jedoch nicht mehr zuständig. "Dafür bin ich nicht ausgebildet", sagt sie. "Mein Aufgabenbereich ist das Kind und die Bindung zum Kind."


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