Mindestlohn in MV : Chefs tricksen Kellner aus

Zu Beginn der Tourismussaison fehlen Hunderte Köche, Kellner und Hotelfachkräfte.
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Zoll stellt in MV in jedem zehnten Prüffall Verstoß gegen Lohnuntergrenze fest

svz.de von
30. Mai 2017, 05:00 Uhr

Pausenzeiten werden nicht angerechnet, für Überstunden zahlen die Chefs keinen Cent, auch Vorbereitungszeiten werden nicht vergütet: Hoteliers und Gastronomen in MV zahlen nach wie vor Hunderten von Kellnern, Küchenangestellten und Hotel-angestellten nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 8,84 Euro je Stunde. In jedem zehnten von der Zollverwaltung überprüften Unternehmen im Land seien Verstöße festgestellt worden, teilte Jörg Dahms, Landeschef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf Angaben des Bundesfinanzministeriums gestern mit.

Die Fahnder der Zollverwaltung nahmen 2016 die Lohnlisten von 206 Betrieben in MV unter die Lupe. In 21 Fällen seien die Verstöße so gravierend gewesen, dass Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sind. „Ein erschreckend hoher Anteil“, meinte Dahms. Nicht gezahlte Mindestlöhne – bislang sei von Einzelfällen ausgegangen worden. „Mit dem Ausmaß hat keiner gerechnet“, sagte Dahms.

Die vom Zoll 2016 entdeckten Verstöße gegen die Mindestlohnregeln lassen indes Tricksereien in weit größerem Ausmaß vermuten. Angesichts von 35 000 Beschäftigten in 6000 Betrieben der Branche in MV seien Schätzungen zufolge Hunderte von Mitarbeitern im Land betroffen, sagte Dahms: „Von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns Anfang 2015 sollten die Beschäftigten im Gastgewerbe besonders profitieren.“ Doch zweieinhalb Jahre später gingen viele Beschäftigte leer aus. Gewerkschaftschef Dahms forderte, die Kontrollen auszuweiten. Im vergangenen Jahr seien in MV nur 0,4 der Branchenbetriebe überprüft worden. Mit der Aushebelung des Mindestlohns schadeten solche Betriebe dem Ruf der gesamten Branche – einer Branche, der schon jetzt die Fachkräfte fehlen, kritisierte Grünen-Landeschefin Claudia Müller. Die Arbeitgeber wiesen die Vorwürfe indes zurück: Bei den festgestellten Verstößen handle es sich in der Regel um Dokumentationsfehler bei der Arbeitszeiterfassung, erklärte Matthias Dettmann, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes MV gestern. Die Branche setze die Mindestlohnregel um.

Die Gewerkschaft bleibt skeptisch: Mit der von den Arbeitgebern geforderten Flexibilisierung der Arbeitszeit und der Einführung einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden werde es noch schwieriger, die Einhaltung der Arbeitszeiten und damit die Zahlung von Mindestlöhnen zu kontrollieren, warnte Dahms.  

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