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Landesbischof als Chefredakteur : Chefredakteur für einen Tag: Arme Kinder – arme Gesellschaft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerhard Ulrich ist Chefredakteur für einen Tag. Sein Gastkommentar zum Thema Kinderarmut.

svz.de von
erstellt am 20.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Premiere für ein neues Format: Protagonisten des öffentlichen Lebens halten unserer Redaktion kritisch den Spiegel vor und bestimmen selbst, was in die Zeitung hinein soll - als Chefredakteur für einen Tag. Heute mit Landesbischof Gerhard Ulrich.

 

Gerhard Ulrichs Gastkommentar zum Thema Kindesarmut:

„Und, wie geht’s den Kindern?“ – „Danke, dreien ganz gut. Dem Vierten erschreckend schlecht.“ – Die Ergebnisse der aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind alarmierend: Jedes vierte Kind in MV lebt in Armut. Und daran hat sich seit 1996 im Großen und Ganzen nichts geändert . All die Programme und Maßnahmen der letzten 20 Jahre, von Kindergeld bis Elternzeit, von Mindestlohn bis Kita-Betreuung waren richtig und wichtig und sie bleiben es. Aber machen wir uns nichts vor: Es geht um mehr.

Jedes vierte Kind in Armut – das ist auch ein Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft insgesamt. An der Situation der Kinder wird sichtbar, dass unsere Gesellschaft ihre Zukunft aufs Spiel setzt. Hinter jedem Kind steht eine Familie – was bedeutet das? Zeigt die Studie nicht auch, dass viele Menschen bereits abgehängt sind, wenn es nur noch um Leistungsfähigkeit und Konsum geht? An der materiellen Armut so vieler Kinder zeigt sich eine noch größere Dimension der Verarmung unserer Gesellschaft.

Auch deshalb ist das Thema, auf das das überparteiliche Netzwerk gegen Kinderarmut in Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam gemacht hat, so dramatisch. Es genügt nicht, zu sagen, der Markt würde das schon regeln. Wieder wird deutlich: Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Wir müssen umdenken: Eine Gesellschaft ist so stark, wie sie eine Schwäche für die Schwachen hat.

Die Bibel erzählt, wie die Jünger Jesu sich darum streiten, wer nach Gottes Maßstab der Größte sei. Jesus antwortet, indem er ein Kind zu sich ruft, es in die Mitte stellt und sinngemäß sagt: Wer der Erste sein will, der nehme sich selbst zurück, mache sich klein wie dieses Kind, und diene den anderen.
Kinder gehören in die Mitte der Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht nur als zukünftige Erwachsene betrachten und darauf warten, bis sie endlich etwas leisten und unsere Rente finanzieren. Nein, es gilt, die Perspektive der Kinder einzunehmen, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mein Enkel greift mit seinen kleinen Fingern nach meiner Hand und geht mit mir zum Fenster. Sprechen kann er noch nicht, aber er sagt „Da, da…“ und zeigt nach draußen. Erst, wenn ich mich zu ihm hinunterbeuge, wenn ich seine Perspektive einnehme, erkenne ich, was er sieht.
Die Zukunft unserer Gesellschaft wird sich daran entscheiden, ob sie es schafft, immer wieder die Perspektive der Kleinen, der Schwachen einzunehmen – und dabei Stärken und Reichtum auch jenseits materieller Verwertbarkeit zu entdecken.

Höchste Zeit, damit anzufangen. Wie kann das geschehen? Beispiele gibt es: Familienzentren, in denen Generationen lernen, miteinander umzugehen. Schulen entdecken, dass Bildung mehr ist als das Aufnehmen von Fakten. Vereine und Initiativen leisten ganz praktische Integrationsarbeit – für Einheimische ebenso wie für Zugewanderte. Netzwerke helfen, dass Menschen den Anschluss nicht verlieren. Integration heißt die Aufgabe – und die betrifft alle Menschen, vor allem die Kinder. Damit wir nicht miteinander verarmen.

 


 

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