Castoren rollen im Dezember

Castoren in Lubmindapd
Castoren in Lubmindapd

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14. November 2010, 03:55 Uhr

Lubmin | Das Atom-Zwischenlager Nord bei Lubmin sieht von außen aus wie die Produktionshalle einer Metallbaufirma. Wären da nicht die Sperranlagen wie im Hochsicherheitstrakt einer Haftanstalt. Ein massiver Sicherheitszaun umgibt das Areal, ein Wachmann mit Schäferhund dreht seine Runde. Zahllose Überwachungskameras fangen jede Bewegung ein. Weiße Kugeln sprießen wie futuristische Designerlampen aus dem Rasen. Es sind Strahlenmessgeräte, wie Marlies Philipp von den Energiewerken Nord (EWN) als dem Betreiber der Anlage erklärt. Besucher sind eher selten hier. Das für 240 Millionen Euro errichtete Zwischenlager ist hochsensibles Terrain.

In den Hallen, zusammen größer und länger als zwei WM-taugliche Fußballfelder, liegt der verstrahlte Atomschrott aus den abgewrackten DDR-Kernkraftwerken. 5500 Brennelemente, das sind rund 600 000 Kernbrennstäbe, lagern hier. Dazu sechs Reaktorbehälter aus Lubmin und Rheinsberg und jede Menge schwach- und mittelradioaktiver Abfall. Dafür wurde der Betrieb 1999 genehmigt.

Voraussichtlich am 16. Dezember - bestätigen will den Termin niemand - soll nun neuer Atommüll dazukommen. Erstmals werden dann Kernbrennstoffe aus westdeutschen Forschungsanlagen in Karlsruhe - derzeit noch deponiert im französischen Cadarache - an die Ostsee gebracht und dort eingelagert. Genehmigt hat das der Bund, alleiniger Gesellschafter der EWN. Landespolitiker in Schwerin sehen darin einen Tabubruch - stehen aber hilflos als Zaungast daneben.

Atomkraftgegner erwarten den Transport für die Tage vom 21. bis 23. Dezember und kündigten schon "Aktionen in Lubmin, Greifswald und ganz Mecklenburg-Vorpommern" an. Für den 18. Dezember sei als Auftakt eine Großdemonstration in Greifswald geplant. Wie bei den jüngsten Massenprotesten im Wendland solle es auch Schienenblockaden geben.

Er sei "nicht glücklich" darüber, dass das Land die Transporte hinnehmen müsse, sagt der zuständige Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Dem Land stünden jedoch keine Rechtsmittel zur Verfügung. Linke-Fraktionschef Helmut Holter fordert vom Land statt bedauernder Worte Taten: "Die Landesregierung muss sich konsequent den Verfassungsklagen gegen den Atom-Deal zur Laufzeiten-Verlängerung anschließen." Ansonsten sei ein Ende der Produktion des hochgiftigen Abfalls nicht abzusehen - und wo der lande, entscheide der Bund, sagt Holter. Umweltminister Till Backhaus (SPD) duckt sich weg und verweist auf die Zuständigkeit des Innenministeriums. Am Mittwoch befasst sich der Landtag in Schwerin in einer Aktuellen Stunde mit dem Thema.

Wer in die mit 70 Zentimeter dickem Stahlbeton gesicherte Halle des Zwischenlagers will, muss sich strengen Sicherheitskontrollen unterziehen. Nur mit Magnetkarte, Dosimeter und weißem Schutzoverall öffnen sich die Türen. Die erlaubte Tages-Strahlendosis für Besucher beträgt 50 Mikrosievert. "Das entspricht einem Transatlantikflug nach New York", erläutert Philipp. Doch das Unbehagen bleibt. Radioaktive Strahlung ist eine unsichtbare Gefahr. Der Weg führt in die Querhalle, die von zwei Gleispaaren durchzogen ist. Hier wird im Dezember der aus Frankreich kommende Zug entladen. Der sensibelste Bereich, die Halle 8 mit den schon eingelagerten Castorbehältern, ist abgetrennt mit einem riesigen Rolltor. 15 Stellplätze sind noch frei.

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