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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 23:29 Uhr

Parchimer Schauspielerin : Caro kann zaubern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Außer in die Rolle des Rotkäppchens schlüpft die Parchimer Schauspielerin Carolin Bauer jetzt zweimal in der Woche in die einer Sprecherzieherin im Kindergarten

svz.de von
erstellt am 23.Okt.2015 | 11:45 Uhr

Caro kann zaubern. Gebannt verfolgen die Knirpse aus der „Pippi-Langstrumpf-Gruppe“ der AWO-Kita „Villa Kunterbunt“ in Parchim, wie die junge Frau in ihrer Mitte den kleinen Papier-Igel von einem Teller auf den anderen bugsiert, ohne dabei die Hände zu benutzen. Ihr „Zauberstab“ ist ein Trinkhalm, mit dem sie den Igel angesaugt hat.

Felix und Elena, Julien, Maja und die anderen Mädchen und Jungen wollen das auch lernen. Begierig greifen sie deshalb zu, als Caro an alle Trinkhalme verteilt. Doch was bei ihr so einfach aussah, gelingt nur Any auf Anhieb auch. Alle anderen machen dicke Backen und blasen in die Halme hinein, statt die Luft anzusaugen. „Ihr dürft die Strohhalme behalten und weiterüben, wenn ihr möchtet. Und wenn ich wiederkomme, probieren wir den Zauber noch mal.“ Als Caro zusammenpackt, mögen die Kinder sie gar nicht loslassen. „Ich bin ja nächste Woche wieder bei euch – aber ihr wisst doch, ich habe auch noch eine andere Arbeit…“

Im richtigen Beruf ist Carolin Bauer Schauspielerin am Mecklenburgischen Landestheater Parchim. Seit September allerdings gibt sie außerdem zweimal pro Woche Sprechunterricht in der „Villa Kunterbunt“.

Die Idee dazu hatte Kita-Leiterin Diana Schröder. Mit ihrer Einrichtung nimmt sie am Projekt „Dortmunder Entwicklungs Screening“, kurz Desk, teil, bei dem es um die frühzeitige Erfassung sprachlicher, motorischer und sozialer Entwicklungsrisiken von Drei- bis Sechsjährigen und ihre entsprechende Förderung geht. „Bei uns gab es die meisten Probleme in den Bereichen Sprache und Bewegung“, so Diana Schröder. „Also haben wir uns überlegt, wo wir uns in dieser Hinsicht Hilfe holen können“ – schließlich gebe es für die am Desk-Projekt beteiligten Einrichtungen auch zusätzliche finanzielle Mittel.

Tatsächlich fand sich eine Sprachheil-Pädagogin, die die Vorstellungen der Erzieherinnen teilte, die Mädchen und Jungen nicht im Frontalunterricht, sondern spielerisch in der Gruppe zu fördern. „Aber sie kam jedes Mal aus Schwerin, auf Dauer wurde ihr das einfach zu aufwendig“, so Diana Schröder. Ersatz zu finden war leichter gedacht als getan. „Irgendwann fiel uns ein, dass doch auch Theaterleute viel mit Sprache zu tun haben…“, erzählt die Kita-Leiterin.

Sie sei dann einfach zum Theater gefahren und habe mit Dramaturgin Katja Mickan ein sehr ermutigendes Gespräch geführt, die dabei wohl auch schon eine ganz bestimmte Schauspielerin im Sinn hatte. „Und in der Woche darauf hat sich Caro dann bei uns gemeldet.“

Ja, sie habe eine Affinität zu Kindern, gesteht Carolin Bauer – auch deshalb betreue sie bereits seit vier Jahren den Theater-Jugendclub mit. Ihre Mutter sei Erzieherin, in deren Grundschulhort habe sie schon mal einen Schauspiel-Workshop organisiert. „Jetzt mit noch kleineren Kindern zu arbeiten, das fand ich spannend.“ Zu Diana Schröder und ihren Kolleginnen habe sie sofort einen Draht gefunden, sagt die 27-Jährige. Schon nach wenigen Wochen wird sie auch von ihnen nur noch Caro genannt. „Sie gehört zum Team“, betont die Kita-Leiterin.

Was sie im Sprechunterricht an der Schauspielschule gelernt hat, ließ sich allerdings nicht so einfach auf die Kita übertragen, erklärt die nur 1,55 Meter große gebürtige Sächsin. „Das kann man nicht mit dem vergleichen, was ich hier mit den Vierjährigen mache.“ Wobei: Auch dort sei es nicht darum gegangen, stupide Texte aufzusagen, sondern es wurde immer auch gespielt, stellt Carolin Bauer klar: Sage es wütend, sage es nachdenklich, sage es traurig… „So ist es auch mit den Kindern: Wir spielen einfach, reden dabei viel – und nur wenn nötig, korrigiere ich sie.“

Wobei das mitunter gar nicht so einfach ist. Einer der Jungs tastet zum Beispiel hochkonzentriert und ohne hineinzuschauen in einem Beutel nach einem vorgegebenen Gegenstand. „Das Tuch ist weiß“, murmelt der Blondschopf dabei. „Nein, es ist blau“, schallt es ihm gleich aus mehreren Kehlen entgegen. „Ich glaube, er wollte uns sagen, das Tuch ist weich – genau, da hat er es ja“, stellt Caro den S-Fehler des Jungen ganz nebenbei richtig.

Um sich auf die Arbeit im Kindergarten vorzubereiten, hat sie sich jede Menge Literatur angeschafft. Wie aufwendig es sei, eine einzelne Stunde vorzubereiten, könne sie nicht sagen. „Diesmal hat es ein bisschen länger gedauert, weil ich auch noch die ganzen Tiere ausschneiden musste.“ Dafür wird es schneller gehen, wenn das „Zauber-Spiel“ in einer der anderen beiden Gruppen auf dem Plan steht. Wobei: „Für die ,Wackelzähne‘, die Älteren, werde ich mir noch ein paar zusätzliche Schwierigkeiten einfallen lassen, damit sie nicht unterfordert sind“, meint die Schauspielerin.

Mal sind es fünf, mal sieben verschiedene Spiele, mit denen die Kinder sich während einer Einheit beschäftigen. Längst nicht alle haben vordergründig mit Sprechen zu tun – so wie die Atemübungen, die die Kinder machen, wenn sie mit dem Trinkhalm ein Stück Papier ansaugen. Oder wie „Die große Rübe“ – jenes russische Märchen, bei dem Großvater und Großmutter, Enkelchen, Hündchen, Kätzchen und wer noch so alles in der Nähe ist gemeinsam an der fest im Erdreich sitzenden Rübe ziehen. „Wenn wir das Märchen nachspielen, geht es in erster Linie darum, dass die Kinder sich bewegen. Anschließend können sie sich dann wieder besser konzentrieren“, erklärt Carolin Bauer – wie eine richtige Kita-Fachkraft. Sicherheitshalber bereitet sie immer zwei, drei Aufgaben mehr vor, als sie letztlich mit den Kindern ausprobiert – „weil ich im Moment noch nicht so gut einschätzen kann, wie viel wir in einer Stunde wirklich schaffen“, gesteht sie.

Komplett als Erzieherin zu arbeiten – das kann Carolin Bauer sich bei allem Spaß, den sie mit den Kleinen hat, nicht vorstellen. Dazu liebt sie den Schauspielerberuf auch viel zu sehr. Aber sie kann auf der Bühne durchaus von den Stunden im Kindergarten profitieren: „Manchmal muss ich ja ein Kind verkörpern - da ist es schon gut zu wissen, wie die Kleinen ticken, wie sie reden und was für sie wichtig ist.“

Auch in ihrer nächsten Rolle spielt Carolin Bauer ein Kind – das Rotkäppchen im gleichnamigen Weihnachtsmärchen, das schon am 31. Oktober in Parchim Premiere hat. Die Knirpse aus der „Villa Kunterbunt“ werden es sich später auch ansehen, verrät Leiterin Diana Schröder. Nicht nur sie ist schon gespannt, ob die Mädchen und Jungen „ihre“ Caro dann wiedererkennen.

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