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Die Kulturkate Lübtheen bringt Kunst in die Griese Gegend : Buntes Theater gegen braunen Sumpf

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"Hau den Lukas" ist Daniels großer Auftritt. Der 19-jährige Metallbaulehrling hat das Spielgerät selbst gebaut. In der dritten Saison ist er Techniker beim Sommertheater der Kulturkate Lübtheen (Kreis LWL).

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erstellt am 19.Jul.2011 | 07:50 Uhr

Lübtheen | "Hau den Lukas" ist Daniels großer Auftritt. Der 19-jährige Metallbaulehrling hat das Spielgerät selbst gebaut. In der dritten Saison ist er Techniker beim Sommertheater der Kulturkate Lübtheen (Kreis Ludwigslust). Diesmal spielt er erstmals auf der Freilichtbühne mit und bedient dort seine Jahrmarktattraktion. "Hier hab ich ordentlich zu tun und komm nicht auf dumme Gedanken", sagt er. Theatergründer Volkert Matzen nickt: "Für den Jungen sind wir zur zweiten Heimat geworden, hier tobt er sich aus." Den Kumpels bei der NPD ziehe Daniel das bunte Theaterleben vor. Und rutscht nicht in die braune Szene ab, fügt Regisseur Matzen hinzu.

In einen Rummelplatz der 30er-Jahre haben die Lübtheener Theaterleute in diesem Jahr ihren Bauerngarten verwandelt. "Liliom" von Franz Molnar hat am Sonnabend Premiere und kommt bis Mitte August zehnmal auf die grüne Bühne. 35 Darsteller, zumeist Laien aus der Region und eine Hand voll Profis, spielen gemeinsam oder agieren hinter den Kulissen. Erzählt wird die Geschichte von Liliom, einem Taugenichts und Raufbold, der mit dem Dienstmädchen Jule zusammenzieht, deshalb seinen Job in einem Karussellbetrieb verliert und auf die schiefe Bahn gerät.

"Menschen, die ihre Gefühle nicht äußern können, neigen eher zu Gewalt", erklärt Regisseur Matzen seinen "Liliom". "Wir nehmen aktuelle gesellschaftliche Probleme aufs Korn", sagt der 60-Jährige.

Für sein Gartentheater kaufte er 1996 den alten Bauernhof bei Lübtheen. "Um große Kunst aufs Land zu bringen", sagt Mitbegründerin Charlotta Bjelfvenstam. 1998 spielten drei Darsteller und ein Hund in der Diele des Hauses Einakter von Tschechow. Ein Jahr darauf gaben die Neu-Lübtheener vor wachsendem Publikum ihr Debüt unter freiem Himmel mit Shakespeares "Was Ihr wollt".

Auf den Einzug der rechtsextremen NPD in den Schweriner Landtag 2006 folgte in der Lübtheener Theaterarena "Unser Dorf soll schöner werden" (2007), ein Stück gegen Faschismus und Intoleranz. Zur Reihe "Kultur gegen Rechts" gehörten Schul-Projekte, Kindertheater, Workshops, Gastspiele, Lesungen, Kino, ein Rockfest. 2009 dann das Sommerspektakel "Die Kanzlerin kommt!" zum Umgang mit rechtsextremistischen Tendenzen in einem Dorf. Mit "Ende der Schonzeit" setzte Volkert Matzen 2010 Rituale von Gruppenzwang und das Ausgrenzen von Minderheiten in Szene.

"Rechtes Gedankengut gibt es überall, unabhängig von Parteien oder sozialen Schichten", beobachtet der Theatermacher. Lübtheen, nahe an Niedersachsen in der strukturschwachen Griesen Gegend gelegen, ist seit den 90er Jahren vor allem wegen des Zuzugs von NPD-Kadern und rechtsextremistischen Aktivitäten und Jugendangeboten in die Schlagzeilen geraten. Vielerorts regt sich Widerstand gegen die Rechten. Im Projekt "Lola für Lulu" in Ludwigslust etwa machen sich Frauen mit der Veranstaltungsreihe "Politischer Salon" für eine demokratische Diskussionskultur stark.

Die Kulturkate will nun Künstler des Landkreises in einem Netzwerk gegen Rechts verbinden. Mit Kleinprojekten zur Stärkung von Demokratie und Toleranz, die von Land und Bund gefördert werden, soll mehr Kunst und Bildung in die Dörfer gebracht werden, sagt Charlotta Bjelfvenstam. Zum Auftakt präsentieren sich am 28. August bei einem ersten Tag der offenen Tür in Neu-Lübtheen Puppenspieler, Musiker, Kunsthandwerker und Kleinkünstler. "Vielleicht ein Anfang für ein ganzjähriges, regionales Zusammenspiel", hoffen die Initiatoren.

Unterdessen gehen die Proben zum "Liliom" weiter. Dramaturgin Miriam Sievers mimt den Clown. "Hier arbeiten derart verschiedene Leute so gut zusammen, faszinierend", sagt sie. Hans Machowiak (Liliom) liebt die Natur und die Freiräume im Landtheater. Rentner Wolfgang Rotter wurde 2002 Beleuchter und agiert auch auf der Bühne. "Theaterspielen ist Therapie für mich." Daniel genießt seinen Kultur-Sommer. "Hier kann ich selbst entscheiden", sagt er. Die Lehre wolle er nächstes Jahr beenden und dann die Realschule nachholen.

Freilichtspiele "Liliom": 23., 29., 30. Juli, 5., 6., 12., 13., 19., 20. August, 18 Uhr Rummel, 20.30 Uhr Vorstellung,

Sondervorstellung am 7. August um 19 Uhr

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