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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 08:16 Uhr

Video : Bützow – ein Jahr nach dem Tornado

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In wenigen Minuten richtete der Wirbelsturm Schäden in Millionenhöhe an, mehrere Menschen wurden verletzt – und es gibt noch viele offene Wunden

svz.de von
erstellt am 04.Mai.2016 | 12:45 Uhr

Fast genau ein Jahr nach dem verheerenden Tornado vom 5. Mai 2015 mit Millionenschäden sind in Bützow die meisten Gebäude wieder hergerichtet. Auffallend viele Dachziegel glänzen neu. Wo noch Baugerüste stehen, werden hauptsächlich Fassadenarbeiten erledigt, sagt Bützows Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos). Auf etwa 40 Millionen Euro schätzt er die Gebäudeschäden, die der Wirbelsturm innerhalb weniger Minuten anrichtete. Das meiste sei von Versicherungen abgedeckt worden, sagt er: „Im Großen und Ganzen hat das gut funktioniert. Die waren meist kulant.“ Ist in Bützow also wieder alles wie vor dem Tornado? Nicht ganz.

Während die Schäden an den meisten Häusern zügig repariert werden konnten, ist der vernichtete Baumbestand kaum zu ersetzen. Insbesondere der Rosengarten sei schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, erklärt Grüschow. Die Sanierungsarbeiten sollen spätestens 2017 beginnen. Dazu startete die Stadt einen Ideenwettbewerb, der im vergangenen Monat abgeschlossen worden sei, erzählt er. Geplant sei der Wettbewerb ohnehin gewesen, doch nach dem Sturm habe man das Planungsgebiet ausgeweitet. Der Bürgermeister schätzt, dass der Tornado einige Hundert Bäume umpeitschte, entwurzelte oder umknickte. Gemeindewehrführer Holger Gadinger meint gar: „Tausende Bäume sind kaputt.“ Dies sei gar nicht wieder gut zu machen: „Wie lange wächst so ein Baum? 150, 200 Jahre?“ Ein Ladeninhaber aus der Bützower Altstadt berichtet: „Windanfällig sind wir geworden. Wenn es jetzt ein wenig stürmischer ist, haben wir hier in der Stadt ganz andere Windstärken.“ Der Schutz der Bäume fehle. Er bittet bereitwillig in seinen Laden und auf den Hinterhof, zeigt Luftbilder von den Zerstörungen. Sein Laden habe Totalschaden gehabt und auch der Hinterhof, wo sich die Wohnung der Familie befindet, sei verwüstet gewesen. Auf seiner Terrasse sei die Kraft des Windes so stark gewesen, dass selbst gemauerte und mit Beton ausgegossene Geländerpfeiler abgerissen wurden. Die Schäden seien alle von der Versicherung reguliert worden, er kenne nicht einmal den Gesamtschaden. Andere hätten nicht so viel Glück gehabt, erzählt er. Sie würden sich heute noch mit Versicherungen streiten.

 

Geholfen haben den Bützowern aber nicht nur Versicherungen, sondern auch zahlreiche Einzelpersonen, Vereine und Firmen, erzählt Bürgermeister Grüschow. 400 000 Euro hätten sie gespendet. Hinzu kommen noch einmal 210 000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, um die stark in Mitleidenschaft gezogene Stiftskirche wieder herzurichten. Im Rahmen eines Soforthilfeprogramms stellte die Landesregierung direkt nach dem Sturm eine Million Euro zur Verfügung.

Etwas über die Hälfte sei für Verdienstausfälle der ehrenamtlichen Helfer ausgegeben worden, sagt Christian Grüschow. Die restliche Summe dürfe nun mit Zustimmung der Landesregierung für die Sanierung städtischer Gebäude genutzt werden. Bei diesen sei man mit der Schadensermittlung noch nicht ganz fertig, er schätzt die Summe jedoch auf etwa dreieinhalb Millionen Euro. Die Grundschule, das Grüne Klassenzimmer, das Rathaus – alle haben bei dem Unwetter etwas abbekommen.

Den viel gelobten Zusammenhalt der Bützower nach dem Sturm sieht Grüschow heute nicht mehr so stark. Kurz nach dem Tornado sei der Zusammenhalt noch „sehr stark spürbar“ gewesen. „Negative Ereignisse schweißen ja auch zusammen“, erklärt er. Mit der Zeit aber habe sich der Effekt wieder abgeschwächt. „Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere daran und legt einen alten Nachbarschaftsstreit bei“, hofft der Bürgermeister.

 

Große Hilfsaktion der SVZ-Leser

In nur vier Wochen spendeten die Leser unserer Zeitung vor einem Jahr sage und schreibe 123 400 Euro für die Bützower Bürger, die von der großen Zerstörung betroffen waren. Sofort am Tag nach dem Tornado kamen Leser auf unsere Redaktion zu, um zu helfen. Gemeinsam mit der Volks- und Raiffeisenbank in Bützow und der Caritas Mecklenburg starteten wir die größte Spendenaktion unserer Zeitung des vergangenen Jahres. Viele Helfer aus der unmittelbaren Umgebung packten direkt in der Stadt mit an. Jene, die nicht nach Bützow kommen konnten, unterstützten die Warnowstadt mit Geldspenden. Die Summe wurde getreu dem Motto „Wir helfen Bützow“ von Chefredakteur Michael Seidel an Bürgermeister Christian Grüschow übergeben.

Die Ereignisse am 5. Mai 2015 im Zeitraffer

Die Katastrophe begann gegen 18.45 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wackelte  ganz Bützow. Die Feuerwehr wurde um 18.55 Uhr alarmiert. Dann hieß es sofort: Zugangswege schaffen und Verletzte suchen. Um 19.09 Uhr wurde die Alarmstufe auf „Hilfeleistung groß“ erhöht. Um 20 Uhr mussten  weitere Kräfte angefordert werden. Bis dahin gab es in der Stadt schon 80 Einsatzstellen, die abgearbeitet werden mussten. Um 20.30 Uhr wurde mit dem  Bürgermeister  eine Absprache zur Bereitstellung von Notunterkünften getroffen. Nach einer ersten Lagemeldung aus dem Rathaus gab es 300 bis 500 Betroffene.

Gegen 21.30 Uhr war die erste Notunterkunft eingerichtet, 21.50 Uhr  gab es eine große Lagebesprechung der Einsatzleitung mit dem Bürgermeister, der Polizei und den Mitarbeitern des DRK. Dabei wurde festgelegt, dass das Stadtgebiet bis zum darauffolgenden Tag gesperrt bleibt.  Zudem wurden mehr Polizeikräfte angefordert und ein Bürgertelefon geschaltet. Im weiteren Einsatzverlauf wurde außerdem die Evakuierung der einsturzgefährdeten Häuser vorbereitet. Gegen 23 Uhr wurde schließlich  die Schlossstraße evakuiert. Gegen 2 Uhr  gab es eine abschließende Lagebesprechung. Zu dieser Zeit wurde auch die letzte betroffene Familie bei hilfsbereiten Bützowern untergebracht, sodass die Notunterkunft aufgelöst werden konnte.

Zahlen & Fakten

  • Die Freiwillige Feuerwehr Bützow war vier Tage im Katastropheneinsatz. Unterstützt wurden sie von nahezu allen Wehren aus den umliegenden Ämtern.
  • Im Durchschnitt waren ständig 130 Männer und Frauen im Einsatz. Zu Spitzenzeiten sogar 182.
  • Von den Bützower Kameraden waren 43 Kameraden im Tornadoeinsatz, 15 davon an allen vier Tagen.
  • Für Betroffene wurden am ersten Einsatztag 500 Feldbetten angefordert.
  • In der Warnow-Klinik wurde der Katastrophenplan ausgelöst und somit alle verfügbaren Mitarbeiter zum Dienst gerufen.
  • Etwa 30 Menschen wurden durch herumfliegende Trümmerteile verletzt, eine Radfahrerin schwer.
  • 123 Gebäude in Bützow wurden schwer beschädigt, 16 Häuser waren zu nächst unbewohnbar.
  • Der Tornado verwüstete circa 70 Hektar Wald. Am schlimmsten traf es ein Waldgebiet hinter Wolken, wo auf 14 Hektar kaum etwas stehen blieb.
  • Etwa drei Monate nach dem Tornado zählte das Forstamt bereits 14.000 Festmeter Holz.
  • An städtischen Gebäuden entstand Sachschaden von rund 2,5 Millionen Euro.
  • Allein am Rathaus belaufen sich die Reparatur- und Sanierungskosten auf etwa 700.000 Euro.
  • Circa 80 Prozent der Schäden wurden von Versicherungen reguliert.
  • Die Neugestaltung von Außenanlagen in Bützow wird bis zu eine Million Euro kosten: 500.000 Euro für den Rosengarten, 100.000 Euro für den Kirchenplatz, 200 000 Euro für das „Grüne Klassenzimmer“ am Schlossplatz.
  • Die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz hatte ein Sonderspendenkonto eingerichtet, übergab 210.000 Euro an Bützows Bürgermeister.
  • Beim Benefizkonzert „Wir singen für Bützow“ Ende Mai spendeten 3500 Besucher insgesamt 30.171 Euro.
  • Auch die Leser der SVZ spendeten fleißig, sodass in vier Wochen bereits 123.400 Euro zusammen kamen.
  • Ein eigens gegründeter Spendenrat entschied darüber, welche Privatpersonen in welcher Höhe Gelder aus dem Spendentopf erhalten sollten.

Weitere Information zum Tornado in Bützow lesen Sie in unserem Dossier.

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