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Bücherei im Netz immer gefragter : Bücher wird es in 30 Jahren noch geben

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Die Ausleihe elektronischer Medien wie E-Books, E-Papers, Filme oder Hörbücher übers Internet wird immer gefragter. Allerdings: In Mecklenburg-Vorpommern bieten erst sieben der 108 Leihbibliotheken diesen Service an.

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erstellt am 25.Okt.2012 | 10:47 Uhr

Wismar | Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen beteiligen sich die Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern an der bundesweiten Aktionswoche "Treffpunkt Bibliothek - Information hat viele Gesichter", die noch bis kommenden Mittwoch geht. Volontärin Maxine Herder sprach mit Thomas Beyer, Vorsitzender des Landesverbandes MV im Deutschen Bibliotheksverband und Bürgermeister von Wismar, über die Zukunft des gedruckten Buches und die schwierige Situation von kleinen Büchereien auf dem Land.

E-Books boomen - auch in den Bibliotheken - und zum Ausleihen eines neuen Romans oder Sachbuchs ist schon lange kein Gebäude mit vielen Büchern mehr notwendig. Brauchen wir heute überhaupt noch Bibliotheken?

Das Buch wurde oft totgesagt, aber das ist Unfug: Bücher wird es auch in zehn, 20 oder 30 Jahren noch geben. Also macht es auch weiterhin Sinn, dass es Bibliotheken gibt. Im Gegenteil: Viele Bibliotheken haben die neuen Medien angenommen. Schwerin und Wismar betreiben eine gemeinsame Onleihe, bei der Bücher online geborgt werden können. Eine Idee, die bereits in Neubrandenburg und Greifswald umgesetzt wurde. Meines Erachtens ist die Entwicklung absolut kein Argument gegen wissenschaftliche oder öffentliche Bibliotheken, sondern vielmehr eines dafür, dass sich die Einrichtungen im Sinne dieser Entwicklungen modern aufstellen.

Aber wer geht denn überhaupt noch in Bibliotheken?

Wir haben 133 000 Nutzer in den Bibliotheken im Land und rund fünf Millionen Entleihungen pro Jahr. Im Bereich der großen Städte konnten wir den Rückgang der Nutzungszahlen, der auch durch die demographische Entwicklung bedingt ist, aufhalten und registrieren leicht steigende Nutzerzahlen. In den Kreisen hingegen ist die Nutzung leicht gesunken.

Wenn man sich nun eine hoch verschuldete Stadt wie Schwerin anschaut, in der aufgrund des maroden Gebäudes der Stadtbibliothek händeringend nach einem neuen Standort gesucht wird - stellt sich da nicht die Frage, was eine solche klamme Kommune ihren Bürgern überhaupt noch bieten muss?

Das ist eine hochpolitische Frage, die sich jede Gemeinde stellt. Wenn eine Gemeinde sagt, dass sie bereit ist, den Grundbestand an Daseinsvorsorge zu leisten, muss man sich natürlich fragen, wie man das tun will und wie man es vor allem wirtschaftlich tun will. Aber man muss sich hier auch der Tendenz erwehren, dass alles, was freiwillig ist, unter die Räder gerät. Ich halte Büchereien nicht nur für kulturelle Einrichtungen, sondern für Bildungseinrichtungen. Und es ist jeder Stadt geraten, ein solches Angebot vorzuhalten. Da kommt natürlich ein zweites Thema auf: Kommunen, die ein solches Angebot vorhalten, müssen auch was die Finanzierungsströme angeht besonders bedacht werden.

Wie ist denn die Lage der Bibliotheken im Land?

Sehr differenziert. In den größeren Städten haben sich die Bibliotheken gut entwickelt. Sie sind gut aufgestellt, gerade auch was die modernen Medien angeht. Sie sind nicht mehr nur normale Bücherei, sondern viel mehr Medienzentren. In den kleinen Gemeinden, insbesondere in den ganz kleinen, ist die Situation schwieriger, hier gibt es auch Einrichtungen, die von Schließungen und Personalreduktionen betroffen sind. Viele dieser kleinsten Bibliotheken haben minimalste Einkaufs etats, so dass ein Teufelskreis entsteht: Wenn man nicht vernünftig einkaufen kann, wird das Angebot unmodern und infolgedessen weniger genutzt. Daraus resultieren schlechte Nutzungszahlen, die wiederum Anlass zu der Frage geben, was der Erhalt dieser Bibliothek überhaupt noch bringt. In den Flächen ist die Landschaft mittlerweile sehr ausgedünnt, was zum Teil durch Fahrbibliotheken aufgefangen wird, von denen es 2011 noch fünf gab. Doch auch sie stehen unter dem Haushaltsdiktat, und es muss auf Ausstattung und Konzept geschaut werden.

Wie kann die Situation der Bibliotheken verbessert werden?

Wir plädieren seit Jahren für ein Bibliotheksentwicklungskonzept. Dafür ist die Kooperation von unterschiedlichen Ebenen notwendig: Von Gemeinden, Kreisen und Land. Dieses Konzept ist mit einem ersten Schritt auf den Weg gebracht, allerdings läuft die weitere Erstellung sehr schleppend.

Aber wie könnte ein solches Konzept den Bibliotheken im Land helfen?

Es müsste die Fragen beantworten, wo Büchereien im Land sind, wo sie bleiben sollen, wo sie auf- oder ausgebaut werden sollen und wie sie sich gegenseitig ergänzen können. Demnach sollten die größeren Städte eine Umland-Funktion erfüllen, so dass eine flächendeckende Versorgung gewährleistet ist.

Also geht es nicht ohne Schließungen von Bibliotheken?

Ich plädiere vor allem dafür, dass sich Gemeinden auf Standorte einigen. Allerdings müssen die Bibliotheken, die erhalten bleiben, so gestärkt werden, dass sie in der Lage sind, auch die Fläche zu versorgen.

Wann ist mit dem fertigen Konzept zu rechnen?

Notwendig wäre es bereits gestern. Aber ich gehe davon aus, dass wir dafür noch zwei bis drei Jahre benötigen.

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