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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 00:00 Uhr

Rostock : Buchclub in Zeiten des Internets

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Büchergilde setzt auf Genossenschaft. In Rostock wachsendes Interesse bei jungen Leuten

svz.de von
erstellt am 13.Jul.2017 | 11:55 Uhr

Das Prinzip Buchclub ist einfach: Mitglieder müssen pro Quartal einen Artikel erwerben, dafür gibt es den Lesestoff etwas günstiger und die Mitglieder bekommen Empfehlungen von Experten, um die Orientierung angesichts von jährlich mehr als 80 000 Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Büchermarkt zu behalten.

Ein Prinzip, das sich auf den ersten Blick überlebt hat: Ende 2015 musste Bertelsmann angesichts sinkender Umsätze seine letzten Buchclubs schließen. Damit ging eine Ära zu Ende – 1990 zählte „Der Club“ noch sechs Millionen Mitglieder.

Lange im Schatten des einstigen Riesen, versucht sich die Büchergilde mit ihren rund 80 000 Mitgliedern mit aufwändig gestalteten Büchern weiter auf dem Buchmarkt zu behaupten. 1924 vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründet, hat die einst eng mit den Gewerkschaften verbundene Buchgemeinschaft 2014 eine Genossenschaft gegründet. Sie soll als neuer Eigner zur finanziellen Absicherung und Unabhängigkeit der Büchergilde beitragen. „Wir wollten so verhindern, dass wir an einen anderen Verlag verkauft werden. Das Echo hat uns positiv überrascht: Bislang haben 1050 Leser Anteile erworben“, sagt Mario Früh, Büchergilde-Geschäftsführer in der Zentrale Frankfurt/Main.

Jeder Anteil hat einen Wert von 500 Euro, bei positivem Geschäftsverlauf winkt eine Dividende. Darüber entscheidet die Generalversammlung. Auf das inhaltliche Programm mit rund 1200 vor allem belletristischen und politischen Titeln sollen die Büchergilde-Genossen keinen Einfluss nehmen können. Zum Programm gehören auch Filme, CDs, Grafiken und Spiele. Verstärkt setzt man auf Graphic Novels, um ein jüngeres Publikum zu erreichen – die meisten Mitglieder sind laut Früh zwischen 35 und 55 Jahre alt. „Bisher konnten wir nicht vom Ende der Bertelsmann-Buchclubs profitieren. Dennoch denke ich, dass wir als einziger literarischer Buchclub eine Chance haben und bin für die Zukunft optimistisch“, sagt Früh. Etwa die Hälfte des Umsatzes wird durch den Verkauf im Internet erzielt. Dennoch soll das Netz der bundesweit über 80 Partner-Buchhandlungen, die die Büchergilde im Angebot haben, ausgebaut werden. Früh: „Unser Problem ist die mangelnde Bekanntheit. Deswegen wollen wir verstärkt in mittleren und kleinen Städten unser Programm präsentieren.“

Die andere Buchhandlung in Rostock ist der einzige Buchladen nördlich von Berlin mit Büchergilde-Titeln. „Das Interesse wächst. Es freut mich besonders, dass verstärkt junge Leute Mitglied werden, die bei uns auf die schön gestalteten Bände der Büchergilde aufmerksam geworden sind“, sagt Buchhändlerin Angelika Jannutsch. Ein Argument ist auch der Preis: Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen des Originals kann die Büchergilde mit einer 20 Prozent billigeren Lizenzausgabe auf den Markt kommen. Von den aktuellen Titeln sind derzeit „Das Paradies der falschen Vögel“ von Wolfgang Hildesheimer, die Bände der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante sowie das Sachbuch des britischen Historikers Peter Frankopan „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ in Rostock stark gefragt. „Zu uns kommen viele politisch interessierte Menschen, deswegen stehen neben Romanen und Krimis politische Titel hoch im Kurs“, betont Jannutsch und ergänzt: „Wegen der Illustrierung und der besonderen Cover werden Büchergilde-Ausgaben auch gerne verschenkt.“

Karen Bartel hat lange in Leipzig gelebt und arbeitet heute als Juristin in Berlin. Sie ist Genossenschaftsmitglied geworden, um die außergewöhnliche Gestaltung der Bücher zu unterstützen. „Genauso wichtig ist für mich das gesellschaftliche Engagement und die Geschichte der Büchergilde“, sagt Bartel. So gründete die Büchergilde Gutenberg 2011 den Verein „Die Welt des Lesens“, der Kindern und Jugendlichen Bücher näherbringen will.

1995 lag der Anteil der Buchgemeinschaften am Buchumsatz in Deutschland bei 4,2 Prozent, 2016 betrug dieser Anteil nur noch 0,3 Prozent.

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