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Mecklenburg-Vorpommern

14. Dezember 2017 | 18:13 Uhr

Provokation : Bruderkuss im Pferdehintern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Löwen-Denkmal birgt Geheimnis / Skulpturen von Peter Lenk sind immer eine Provokation

An den prallen Brüsten der Europa saugen die Politiker. Kanzlerin Merkel spielt zu ihren Füßen mit Panzern. Das jüngste Werk des Bildhauers Peter Lenk, 2013 aufgestellt in Radolfzell am Bodensee, ist ein ironischer Blick auf den Zustand des Kontinents und eine Provokation, wie alle seine Arbeiten. Vorrangig in Süddeutschland gibt es Skulpturen des 66-jährigen Künstlers, auch in Berlin finden sich einige.

Die nördlichste Lenk-Skulptur im öffentlichen Raum steht in Schwerin. Das Denkmal „Die Spur des Löwen“ für den Stadtgründer Heinrich den Löwen (1129-1195) wurde 1995 auf dem Marktplatz enthüllt. Es birgt ein Geheimnis, das mancher gerne lüften würde. Lange Zeit umstritten, gehört der Löwe auf hohem Sockel heute zu den beliebtesten Treffpunkten in der Stadt. Keine Touristengruppe kann an dem frechen Werk vorbei, ohne vom Stadtführer einen Vortrag zu hören. Das Denkmal zeigt Heinrichs mecklenburgische Eroberung auf Reliefs rund um den Sockel in wenig romantischen Szenen. Protzen, Metzeln, Verklären, so sieht Lenk die Geschichte. Die Untertanen äußern ihre Meinung über den siegreichen Feldherrn auf dem Denkmal eindeutig: Sie zeigen ihm ihre blanken Hintern.

Im Innern des Denkmals hat Lenk eine bislang nicht zu sehende Anspielung auf die jüngere Zeitgeschichte versteckt. Durch ein Loch im Hinterteil von Heinrichs Pferd könnte man hineinschauen – wenn es nicht verschlossen wäre. Drinnen hat Lenk auf einem Relief den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker und seinen sowjetischen Zeit- und Amtsgenossen Leonid Breschnew beim berühmt-berüchtigten Bruderkuss dargestellt. Oben ist das Denkmal mit einer vier Zentimeter dicken Panzerglasplatte verschlossen, durch die Licht auf das Relief fällt. „Die Zärtlichkeit der Macht“, nennt Lenk es. „Die Macht wird immer von den gleichen Charakteren ausgeübt“, sagt er. Das sei unabhängig vom politischen System.

Rudolf Conrades würde zu gerne dieses Geheimnis für die Öffentlichkeit gelüftet sehen. Er war Projektleiter für die 1000-Jahr-Feier Mecklenburgs 1995 in Schwerin und überzeugte seinerzeit die Stadtoberen, Lenk den Auftrag zu geben. „Das Jahr 25 nach dem Mauerfall wäre ein perfekter Anlass“, sagt der 73-Jährige.

Doch der Künstler lehnt ab. Er wolle nicht einseitig Partei ergreifen, sagt er. „Ich hätte auch Helmut Kohl und die damalige Treuhand-Chefin Birgit Breuel nehmen können.“ Er habe sich letztlich für Honecker und Breschnew entschieden, weil damals überall im Osten die Denkmäler für die sozialistischen Granden abgerissen wurden. „Ich wollte eine Erinnerung an dieses Stück Geschichte bewahren.“

Conrades versucht, den Bildhauer umzustimmen. Doch der bleibt hart: „Der Arsch der deutschen Geschichte bleibt zu.“ Immerhin: Wer will, kann den Schweriner Bruderkuss im Internet finden. Lenk zeigt eine Abbildung auf seiner Seite.

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