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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 11:43 Uhr

Bruchstellen am Wendelstein

vom

svz.de von
erstellt am 10.Aug.2012 | 09:32 Uhr

Greifswald | Im Foyer der ultramodernen Anlage an der Peripherie Greifswalds hängt gleich neben der Büste von Max Planck ein fröhlich gestalteter Aushang: Es ist Sommerfest im Institut für Plasmaphysik (IPP) und zur Finanzierung der Band findet eine Auktion statt. Gewinnen können die rund 500 Mitarbeiter auch etwas: Unter anderem stellt die Stadt Greifswald einen Granitsockel für die Tombola zur Verfügung. Ob die Wissenschaftler, Techniker, Monteure des gerade wegen Sicherheitsbedenken in die Schlagzeilen geratenen Instituts vielleicht den im Aufbau befindlichen Kernfusionsreaktor als Tombolakugel genutzt haben, ist ungewiss. Aber von der Form her könnte die gewaltige, silbermattglänzende Kugel dafür schon herhalten. Direkt hinter den Mauern der Halle, in der ein noch nie dagewesener Weg gefunden werden soll, Energie zu produzieren, haben sich im grünen Institutsgarten auch zwei Störche niedergelassen - ein Bild, wie gemacht für Umweltschutzorganisationen.

"Funktioniert unser Projekt, können Sie ein Braunkohlekraftwerk wegräumen und ein Fusionskraftwerk hinstellen", sagt Institutsdirektor Thomas Klinger. "Es gibt auch keinen Abbrand, den berühmten Atommüll. Das heißt auch, dass es das Problem der illegalen Weitergabe nicht gibt, also beispielsweise schmutzige Bomben damit gebaut werden können." Und: "Kernfusion ist die einzige neue Primärquelle. Ich bin dafür, den Weg der erneuerbaren Energien mit aller Konsequenz zu gehen, habe aber Bedenken, dass eine Lücke bleibt. Wir treiben hier Vorsorgeforschung." Thomas Klinger sagt gerne kernige Sätze.

Doch das Kernfusions-Idyll, die millionenschwere Forschungslandschaft und wohl auch das Sommerfest sind überschattet. Seit zwei Wochen hagelt es Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen für die Anlage, an den Planungen, an der Rolle der Aufsichtsbehörden, wie dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) und dem Gesundheitsministerium. Mittlerweile liegen sogar Ministerium und IPP über Kreuz, ein neues Gutachten muss erstellt werden. Die Umweltorganisation BUND bemängelt beim Kernfusionsexperiment "Wendelstein 7X" mögliche Sicherheitsrisiken. Unter Hinweis auf Unterlagen aus dem Genehmigungsverfahren kritisierte der BUND, dass der Strahlenschutzbeton möglicherweise fehlerhaft zusammengesetzt und die Abschirmung der in der Anlage entstehenden Neutronenstrahlen an den Hallentoren nicht gewährleistet sei. Tatsächlich fehle die Bestätigung, dass der Beton die richtige Zusammensetzung hat, um den Auflagen zum Strahlenschutz zu genügen, so auch das LAGuS vor einigen Tagen. Zudem, so der BUND, habe ein Mitarbeiter der Aufsichtsbehörden einen "einmaligen Probebetrieb" empfohlen, um so mögliche Risiken zu entdecken. "Das ist so, als ob der Prototyp eines Flugzeugs in der Testphase gleich mit 300 Passagieren an Bord in die Luft geschickt wird und dann geschaut wird, ob die Tragflächen dran bleiben", sagte Vizelandesvorsitzender Thomas Blaudszun.

Davon wollen IPP-Direktor Klinger und sein Stellvertreter Hans-Stephan Bosch nichts wissen: "Es gibt keinen Probebetrieb außerhalb der Betriebsgenehmigung und wir ersuchen auch um keinen. Wenn die Landesbehörde uns die Betriebsgenehmigung erteilt hat, werden wir zusätzlich die - durch Gutachten und Berechnungen bereits nachgewiesene - Abschirmwirkung des Betons durch Messung der Reststrahlung außerhalb der Halle überprüfen", stellt Klinger klar.

Auch die vom BUND aufgeworfenen Fragen zum Strahlenschutzbeton seien nur auf ein Missverständnis zurückzuführen. Konkret: Gefordert wird von den Landesbehörden ein Gehalt von 120 Litern Wasser pro Kubikmeter Beton. Faustregel: Je höher der Wassergehalt, um so höher die Abschirmwirkung. Der vor über zehn Jahren beauftragte Beton-Sachverständige und Uni-Professor Bernd Hillemeier hatte aber festgestellt dass der Gehalt bei 100 Litern oder darüber liege. "Irgendjemand unserer Vorgänger am Institut hat Hillemeier die 100 Liter als Landesvorgabe genannt. Deshalb hat er sich auf diesen Wert und nicht auf die 120 Liter bezogen. Dieser Fehler lag schon beim IPP. Aber wir sind uns sicher, dass ein neues Gutachten jetzt feststellen wird, dass der Gehalt sogar zwischen 170 und 190 Litern liegen wird", erklärt Klingers Stellvertreter mit rollenden Augen dem mehrfach mit Verständnisproblemen kämpfenden Fragesteller. Ähnlich wird Privatdozent Dr. Hans-Stephan Bosch wohl einen besonders begriffsstutzigen Physik-Studenten ins Visier nehmen, der sich denn doch lieber für Figurentheater des späten 18. Jahrhunderts eingeschrieben hätte. Wer seinerzeit den Fehler verursacht hat, wird sich wohl kaum mehr aufklären lassen, mein dann Professor Klinger: "Es handelt sich um ein Gutachten von 1998. Wir haben die Akten ohne Erfolg nach Hinweisen untersucht. Der damals verantwortliche Strahlenschutzbeauftrage hat das Institut 2001 verlassen. Andere Beteiligte befinden sich schon im Ruhestand. Die Recherchen sind also aufwändig und benötigen noch Zeit. Es ist ungewiss, ob sich das jemals klären lässt."

BUND-Vizelandeschef Thomas Blaudszun bleibt skeptisch. "Wenn es sich mit dem Wassergehalt so verhielte, wäre es ja in Ordnung. Wir hatten bislang nach Aktenlage aber den Eindruck, dass nicht so gebaut wurde, wie gebaut werden sollte. Auch aufgetretene Risse im Hallendach wurden nur auf ihre statische Sicherheit untersucht, wohl nie aber auf ihre Strahlenschutzsicherheit." Im Übrigen habe man eine Einladung des IIP erhalten: "Die werden wir auch annehmen, aber erst wenn wir umfassende Akteneinsicht hatten. Wir haben gerade darum gebeten, uns die Unterlagen schriftlich zur Verfügung zu stellen." Bislang nämlich, sagt Blaudszun, habe man nur zwei Sunden lang Akten einsehen können und lediglich handschriftliche Notizen machen dürfen. Gestern teilte das Ministerium dann mit, dass die Unterlagen zum Projekt ab sofort auf den Internetseiten des LAGuS einzusehen sind. Bei den Unterlagen handele es sich um die Akten, die der BUND angefordert hatte. Insgesamt seien es etwa 370 Seiten. Zur jetzigen Argumentation seitens des IPP und des Gesundheitsministeriums - nachdem der BUND auf die Probleme aufmerksam gemacht hat - erklärt der Umweltschützer: "Nun versucht sich jeder, irgendwie freizuschwimmen."

Das bezieht sich auch auf die vorangegangene Pressemitteilung des Ministeriums. Dort heißt es nun mit deutlicher Distanzierung vom Greifswalder Institut: "Heute wurde klargestellt, dass das IPP von der Genehmigungsbehörde bereits seit Mai 2000 mehrfach darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Erfüllung der Auflagen bei der Errichtungsgenehmigung nicht vollständig nachgewiesen wurde. Dies hat das IPP eingeräumt." Das Institut habe nämlich in seiner Pressemitteilung vom 26. Juli 2012 die Sache so dargestellt, dass das Sozialministerium schon 1998 bestätigt hätte, dass alle Vorgaben eingehalten worden seien. Allein: "Heute wurde nochmals eindeutig festgestellt, dass sich dieses Schreiben lediglich auf die Deckenqualität bezog", so die Landesregierung. Mittlerweile geben sich auch Landespolitiker die Klinke im Greifswalder Institut in die Hand.

Auch ihnen wird Instituts-Chef Klinger mit seinem unnachahmlichen Forscher-Charme begegnen. "Wir liegen seit 2007 komplett in Plan und Budget und haben die technischen Hürden genommen, die zu nehmen waren. Insofern handelt es sich um eine Muster-Forschungsgroßanlage", sagt er. Rund 700 Tonnen werde die Maschine auf die Wage bringen, das Plasma, um das es geht, aber gerade mal 0,1 Gramm. Neuartig sei das Magnetfeld, die Forschungsmaschine, nicht aber die herumgebaute Anlage, die es so schon oft weltweit gebe. "Im Hinblick auf den Strahlenschutz ist das gar nichts Neues", versucht er all jenen Ängste zu nehmen, die die Einmaligkeit des Fusionsexperimentes beunruhigt. Auch die 100 Millionen Grad, die erreicht werden müssen, um die Teichen in Bewegung zu setzen, so dass sie zusammenstoßen und fusionieren, seien keine Gefahr. Schon Plasma in einer stinknormalen Leuchtstoffröhre erreiche Temperaturen von 100 000 Grad. Mit Enthusiasmus verteidigt der Forscher sein Projekt: "Das hat ’ne Chance, das könnte klappen. Und das ist meine Motivation."

Dennoch bleiben Fragen: Seit Jahren ist bekannt, dass die Erfüllung von Auflagen zumindest nicht nachgewiesen ist. Aber seit Jahren wurde nichts unternommen. Und seit Jahren haben die Aufsichtsbehörden offenbar nicht den nötigen Nachdruck entwickelt, um Missstände zu beseitigen. Es wäre gut, dies nun konsequent zu tun. Gut für die Störche im Instituts-Horst und gut für die Menschen in der Region.

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