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Archäologenfunde : Bronze-Pfeilspitze im Schädel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Archäologenfunde im Tollensetal: Seit 3300 Jahren liegen dort Überreste von Männern, die sich in der Bronzezeit eine Schlacht lieferten

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2014 | 20:55 Uhr

Die Pfeilspitze durchschlug von hinten den Schädel, Knochensplitter drangen ins Gehirn. Tödlich getroffen fiel der Mann zu Boden. Er war nicht der einzige Krieger, der vor 3300 Jahren am Ufer der Tollense nördlich von Altentreptow starb. Archäologen haben in den vergangenen Jahren 10 000 menschliche Knochen, Waffen und Schmuckstücke aus dem Schlamm am Grund des Flusses und aus dem Boden unter den Wiesen bei Weltzin geholt.

Landesarchäologe Detlef Jantzen schließt daraus auf eine bronzezeitliche Schlacht, wie sie „die Welt noch nicht gesehen hat“. Rund 4000 Männer und einige Frauen müssen entlang des mäandernden Gewässers gegeneinander gekämpft haben. Es sei die einzige archäologische Fundstelle dieser Art „nördlich der Alpen“, so Jantzen. „Hier wird ein ganz neues Kapitel der Bronzezeit aufgeschlagen, das bisher niemand kannte.“

Entlang der Tollense fanden die Archäologen unterstützt von zahlreichen ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern auf einer Länge von 2,5 Kilometern in den vergangenen Jahren 10 000 menschliche Knochen, wovon viele Verletzungen aufweisen. In einem Schädel steckte noch die Pfeilspitze, ein anderer war von einer Keule zertrümmert. Viele Rippen sind von Pfeilen oder Schwertspitzen angeritzt.

Wer gegen wen kämpfte, können die Forscher noch nicht sagen. Dazu müssen unter anderem die Knochen forensisch untersucht werden. Mit modernen Analysen lässt sich nicht nur das Alter feststellen. Mineralien lagern sich bei Kindern in den Zähnen ab. Daraus schließen die Forscher, wo ein Mensch aufwuchs und wovon er sich ernährte. Dies sei noch nie für eine derart große Gruppe an Menschen aus der Bronzezeit möglich gewesen, so Jantzen.

Möglicherweise, so Projektleiter Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, wollte eine Gruppe von Menschen die Tollense überqueren. Sie wurde von einer anderen angegriffen und auf der Flucht das Ufer entlang nach Norden gejagt. Ob hier Einheimische miteinander kämpften oder ein fremdes umherziehendes Heer geschlagen wurde, wollen die Forscher in den nächsten Jahren klären.

Viele Pfeilspitzen und einige Schmuckstücke stammen unterdessen aus südlicheren Gegenden, vielleicht aus dem heutigen Bayern oder aus Tschechien. Auch in der Bronzezeit wurde schon überregional Handel getrieben. Die Zahl von 4000 an der Schlacht Beteiligten beruht auf einer wissenschaftlich abgesicherten Schätzung. Identifiziert wurden bislang die Knochen von 77 Leichen – und sechs Pferde.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) will den Archäologen wissenschaftlichen Flankenschutz verschaffen. An der Universität Rostock soll ab 2015 wieder die Ur- und Frühgeschichte studiert und erforscht werden. Der zuständige Professor soll gleichzeitig ein neues Archäologisches Landesmuseum leiten. Ob dieses mehrere dezentrale Standorte oder ein einziges großes Haus bekommt, ist noch offen. Auf jeden Fall wird darin auch der Schädelknochen ausgestellt, in dem noch heute die Pfeilspitze steckt, die vor 3300 Jahren einen Krieger am Ufer der Tollense zu Boden streckte.

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