Wirtschaft MV : Brexit lässt Kassen leiser klingeln

Sorgt sich ums Geschäft auf der Insel: der Chef des Holzwerkes Egger, Ralf Lorber
Sorgt sich ums Geschäft auf der Insel: der Chef des Holzwerkes Egger, Ralf Lorber

Jeden zehnten Euro erwirtschaftet Holzwerk-Chef Ralf Lorber im Königreich – jetzt fürchtet er ums Geschäft

svz.de von
21. Juni 2016, 05:00 Uhr

Die Zuversicht lässt er sich nicht nehmen: „Ich hoffe, dass sich Großbritannien beim Referendum doch nicht für einen EU-Austritt entscheidet“, wünscht sich Ralf Lorber. Und doch weiß er: „Nichts ist unmöglich.“ Die Sorge vor einem Brexit schwingt beim Chef des Holzwerkes Egger in Wismar seit Monaten mit: Referendum auf der Insel, Umfragen hin oder her – keiner wisse, wie es ausgeht, meint er. Im Fall der Fälle: Die Wismarer würden einen EU-Ausstieg der Briten deutlich zu spüren bekommen.

Es geht um ein Millionen-Geschäft: Jeden zehnten Euro erwirtschafte das Holzwerk auf dem Haffeld in Wismar auf der Insel, erklärt Lorber: „Zehn bis zwölf Prozent.“ Laminat-Fußbodenplatten für britische Baumärkte, Halbfertigerzeugnisse, die später für die Möbel- und Bauindustrie in den beiden Egger-Werken in Großbritannien weiterverarbeitet werden – die Geschäfte laufen gut, auch bei seinen Branchenkollegen. Für knapp 36 Millionen Euro verkaufte MV 2015 Schnitt- und Sperrholz an Kunden hinter dem Kanal – etwa zehn Prozent der gesamten Ausfuhren nach Großbritannien. Doch mit dem Geschäft könnte es schnell vorbei sein. Mit einem EU-Austritt der Briten fürchtet Lorber Absatzeinbußen im Königreich.

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Wie andere seiner Unternehmerkollegen in MV auch: Mehr als jedes dritte Unternehmen in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie beispielsweise macht mehr als fünf Prozent des Jahresgeschäfts im Reich der Queen, ergab eine Umfrage des Arbeitgeberverbandes Nordmetall. Einbußen über Jahre hinweg: Mit einem Ausstieg der Briten sei mittelfristig kaum mit Wachstum auf der Insel zu rechnen, prognostiziert Lorber.

Die Brexit-Auswirkungen ließen nicht nur die Kassen leiser klingeln. In der EU aufgestellte gemeinsame Standards und Richtlinien: „Alles was über Jahre gewachsen ist, wird mit Sicherheit kaum weiterentwickelt oder gar aufgehoben“, fürchtet der Manager aus Wismar. Stattdessen müsse mit neuen Handelshemmnissen gerechnet werden. Unterschiedliche Standards und Gesetze, stärkere Wechselkursschwankungen, erschwerte Genehmigungsverfahren, Behinderung der Transporte, zusätzliche Zollabgaben: In der Metall- und Elektroindustrie Norddeutschlands beispielsweise überwiegt die Zahl der Unternehmen, die mit mittleren bis großen Beeinträchtigungen rechnen. Zum Nachteil vieler Firmen im Osten: Sie könnte ein Austritt Großbritanniens aus der EU härter treffen als Firmen im Westen, erwartet das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Grund sei die Struktur mit eher kleineren Firmen, die sich nicht so leicht gegen Wechselkursveränderungen absichern könnten, erklärte IWH-Präsident Reint E. Gropp gestern: „Große Unternehmen sind eher abgesichert.“ So würden sich Konzerne oftmals mit Finanzderivaten gegen Wechselkursverluste schützen oder hätten Produktionsstätten in Großbritannien.

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Die Ernährungswirtschaft, die Holzbranche, Metall- und Elektrofirmen: In Deutschlands Firmen mehren sich die Sorgen – vor allem auch in der Autoindustrie. Keine andere Branche würde stärker leiden, wenn am Ärmelkanal wieder Handelsschranken aufgebaut und das Land in die Rezession rutschen würde. Auf der Insel dürften im Brexit-Fall Milliarden-Umsätze wegbrechen. Jeder siebente Wagen aus einer deutschen Autofabrik wird in Großbritannien auf die Straßen geschickt. Das Land ist nach China und den USA der drittgrößte Auslandsmarkt für die deutsche Autoindustrie.

Großbritannien mit Sogwirkung für andere? Mit dem Referendum laufe die EU Gefahr, dass andere Länder die gleiche Ausstiegsdebatte führten wie die Briten, warnt Manager Lorber. Ein Ausstieg ist für ihn keine Option. Denn für den Werkschef aus Wismar ist klar: „Wachstum wird es nur mit der Europäischen Union geben.“

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