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Käthe Reichel ist tot : Brecht-Schülerin auf den Barrikaden

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Käthe Reichel: Auf der Bühne spielte sie Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“. Und wie ihre Heldin setzte auch sie sich gegen Unrecht ein. Nun ist die Schauspielerin im brandenburgischen Buckow gestorben.

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2012 | 07:08 Uhr

Berlin | Sie selbst nannte sich schlicht Brecht-Schülerin. Als der Dichter und Dramatiker starb, war Käthe Reichel 30 Jahre alt. Auf der Bühne spielte sie mit Bertolt Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" ihre Lieblingsrolle, die sie auch im wahren Leben begleitete. Wie jene Bühnenheldin ging später auch Reichel gegen Unrecht auf die Barrikaden. "Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel", sagte sie einmal.

In der Nacht zum Freitag ist die Schauspielerin im Alter von 86 Jahren im brandenburgischen Buckow gestorben, wie der Eulenspiegel Verlag in Berlin mitteilte. In Buckow lebte sie seit einigen Jahren - dort hatten einst auch Brecht und Helene Weigel ihren Sommersitz.

Die Zeit in Bertolt Brechts Berliner Ensemble in den Anfangsjahren ihrer Karriere prägte die Darstellerin entscheidend. Verbrieft ist Brechts Lob, der in der jungen Frau eine der "begabtesten Schauspielerinnen des Ensembles" sah. Gerade weil ihr alles "Liebliche, Jungmädchenhafte, Hübsche" fehlte, entsprach sie den Vorstellungen des Dramatikers von sozialer Genauigkeit und plebejischem Selbstbewusstsein. Den Brecht-Stil mit sparsamen Gesten und der etwas klagenden Stimme hat sie nie abgelegt. Gustchen in "Der Hofmeister" (1950) und Gretchen im "Urfaust" (1952) waren ihre ersten Besetzungen am Berliner Ensemble.

Die volle Aufmerksamkeit des Meisters soll die gebürtige Berlinerin mit der Hauptrolle in Anna Seghers "Der Prozess der Jeanne dArc zu Rouen 1431" geweckt haben. Die Figur der Heiligen Johanna erkundete sie von verschiedenen Seiten: Shaws "Heilige Johanna" gastweise in Mannheim und Wuppertal, Brechts "Heilige Johanna" in Stuttgart und Rostock. In Wolfgang und Thomas Langhoff fand Reichel Regisseure, die ihre Eigenart achteten. Auch mit Benno Besson arbeitete Reichel zusammen.

Seit Anfang der 60er-Jahre war das Deutsche Theater Berlin ihr Zuhause. Bei ihrem Einstand wurde sie als "deftig, leidenschaftlich Liebende" in Lessings "Minna von Barnhelm" gefeiert. Sie spielte in Stücken von Hebbel, Kleist, Sartre, Molière, Horvath und Handke. International wurde sie als Shen Te/Shui Ta in Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" (1957) bekannt. Film und Fernsehen der DDR wussten besonders die überzeugende Darstellung der gebürtigen Berlinerin bei Frauen aus der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum zu schätzen.

Leben und Bühne waren bei Reichel untrennbar verbunden. Zu DDR-Zeiten sammelte sie Unterschriften gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, im wiedervereinigten Deutschland hungerte sie mit den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Kali-Kumpeln von Bischofferode. Wenn auf dem Berliner Alexanderplatz gegen Hartz IV demonstriert wurde, war sie dabei. Die Frauen vom "Komitee der Soldatenmütter Russlands", die ihre Söhne nicht in den blutigen Tschetschenien-Krieg schicken wollten und für ihren Protest 1996 den Alternativen Nobelpreis erhielten, hatte Reichel für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

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