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Volkstheater Rostock : Braucht Theater keine Reform?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Intendant Latchinian: Theater kann in existierender Form mindestens bis 2019 erfolgreiches, gutes Theater spielen

Konzepte, um das Volkstheater Rostock zukunftsfest zu machen, gibt es zuhauf. Gutachten auch. Die Bürgerschaft schiebt Beschlüsse vor sich her. Unterdessen nimmt die Schärfe der Auseinandersetzung zu. Auf der einen Seite droht die Schließung von zwei Sparten, des Tanztheaters und des Musiktheaters. Auf der anderen Seite gibt es Angebote von Tänzern und Chor, auf Gehalt zu verzichten. Der neue Intendant Sewan Latchinian sagt: Das Theater braucht keine Strukturreform. Max-Stefan Koslik sprach mit ihm.

Herr Latchinian, heute findet in Rostock eine große Demo für den Erhalt des Volkstheaters statt. Die Bürgerschaft wird nicht heute, aber bald entscheiden, wie es mit dem VTR weitergehen soll. Was wäre Ihr Vorschlag?
Latchinian: Ich fände es wunderbar, wenn uns die Politik in Ruhe arbeiten lassen würde. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir bis zum Jahr 2019 mit dem heute zur Verfügung stehenden Geld hinkommen. 16,6 Millionen Euro im Jahr ist nicht wenig Geld. Aber im deutschlandweiten Vergleich sind wir ein sehr preiswertes Vier-Sparten-Theater. Wenn wir uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren dürften, auf die Kunst, wenn wir an der weiteren Erhöhung der Akzeptanz beim Publikum arbeiten dürften und damit auch die Einnahmen erhöhen könnten, wäre uns schon sehr geholfen.

Welches ist Ihr Konzept?
Ich wünsche mir, dass man mir mindestens zwei Spielzeiten einräumt, um das Theater künstlerisch zu konsolidieren. Die derzeitige Debatte schadet uns tagtäglich. Wir treten mit den vielen Strukturvarianten, die jetzt durch die Politik wandern, auf der Stelle. Es ist gar kein Strukturwandel nötig. Man muss die vorhandene Struktur, so wie das Volkstheater jetzt aufgestellt ist, nur besser ausreizen. Der Anfang ist gemacht. Es existiert eine Ahnung eines besseren und moderneren Volkstheaters. Das würde ich gern noch zwei, drei Jahre steigern.

Benötigt das Volkstheater also keine Reform?
Es braucht keine Strukturreform. Es kann in dieser bereits existierenden Form mindestens bis 2019 ein erfolgreiches, gutes, gesellschaftlich relevantes und künstlerisch ambitioniertes 4-Sparten-Theater sein. Wir haben 2014 mit dem Geld so gut gewirtschaftet, dass wir sogar einen beachtlichen positiven Jahresabschluss geschafft haben. Auch für 2015 sind wir optimistisch. Wer redet uns da Sorgen ein?

Das Entwicklungskonzept der Stadtverwaltung, das der Bürgerschaft vorliegt, geht von einem Zusatzbedarf von 2,7 Millionen Euro im Jahr 2020 aus, wenn es jetzt zu keinen Veränderungen kommt, ignorieren Sie das?
Die wichtige Frage ist, was rechnet man da alles ein? Ich gehe vom jetzigen Status Quo aus, wenn ich sage, das Geld reicht bis 2019. Wenn allerdings ab 2018 eine Mietrückstellung für einen künftigen Neubau von über einer Million Euro jährlich eingerechnet wird, dann hat man natürlich in ein paar Jahren ein Defizit. Aber ist das sinnvoll? Wenn Flächentarifsteigerungen eingerechnet werden, dann braucht man mehr Geld. Aber die Gewerkschaften haben erklärt, dass man sich auf Basis des jetzigen Vergütungsniveaus auf sehr moderate Tarifschritte einigen könne. Beides, Mietrückstellungen und flächendynamische Einkommensteigerungen, liegen aber den Berechnungen der Stadt zugrunde.

Brauchen Sie gar keinen Theaterneubau?
Wir können uns vorstellen, bis 2020 in diesem jetzigen Provisorium auszuhalten. Natürlich hätten wir gern schon längst einen Neubau. Und ein Neubau wird nicht nur etwas kosten, sondern auch etwas bringen. Jetzt aber wegen der noch nicht abgeschlossenen Neubaudebatte schon Millionen zurückzulegen und dafür zwei Sparten zu schließen, das ist inakzeptabel.

Ein großes Thema sind immer die Zuschauerzahlen. Auch hier sagen Gutachten, dass trotz aller Bemühungen am Volkstheater Zuschauer fehlen, was wollen Sie tun?
Es ist in der Tat so, dass das Volkstheater seit vielen Jahren keine idealen Zuschauerzahlen hat. Auch hier sind Steigerungen möglich. Ich sehe die Chance innerhalb von zwei Spielzeiten für eine entscheidende Erhöhung.

Ihr Ziel?
Da wir jetzt bei 108 000 Zuschauern im Jahr sind, ist es mein Ziel, in der dritten Spielzeit bei 130 000 Zuschauern zu sein und in fünf Jahren mehr zu schaffen. Aber dazu muss alles stimmen. Und es muss aufhören, dass uns die Spitze dieser Stadt und das Kulturministerium dieses Bundeslandes ständig schlecht reden und schlecht rechnen. Wir müssen und können wieder ein so gutes Image bekommen, dass jeder weiß, er verpasst etwas, wenn er nicht ins Volkstheater Rostock geht.

Herr Latchinian, Sie haben vor Ihrem Antritt in Rostock in einem Interview gesagt, Ihnen wäre klar, dass Sie sich in ein Minenfeld begeben. Wurden Sie enttäuscht?
Nein, aber ich habe es mir weniger schlimm vorgestellt. Die Behinderungen, mit denen das Theater atmosphärisch, aber auch politisch zu kämpfen hat, sind bedenklich. Es besteht wirklich die Gefahr, dass demnächst durch die Bürgerschaft eine Spartenschließung beschlossen wird. Das habe ich mir nicht vorstellen können. Eine Partei sagt, wir brauchen kein Tanztheater. Eine andere sagt, wir brauchen den Chor nicht unbedingt. Und die dritte Partei sagt, auch das Schauspiel könnte ersetzt werden. Das ist ein sehr kulturfernes Klima. Das Theater wurde über Jahre finanziell und psychologisch ausgehungert. Zuschussdumping und Rufschädigung können wir alle nicht gebrauchen.

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