Kriegsmunition : Bomben unter Wasser

Torpedobergung in der Ostsee. Expetern schätzen, dass 300000 Tonnen Munition während des zweiten Weltkriegs im Wasser landeten.
1 von 4
Torpedobergung in der Ostsee. Expetern schätzen, dass 300000 Tonnen Munition während des zweiten Weltkriegs im Wasser landeten.

Noch immer ist kaum geklärt, welche Gefahren die alte Munition in der Ostsee birgt

svz.de von
09. November 2014, 08:27 Uhr

Vergangenes Frühjahr am Strand von Rerik. Immer wieder finden Spaziergänger Patronen, Projektile und 51 Granaten im Sand. Der Strand wird für Wochen gesperrt. Der Sand muss aufwendig und teuer gesiebt werden. Woher die Munition kam, ist ungeklärt. Möglicherweise wurde sie mit dem Sand angespült, der von weiter draußen von Saugbaggern gehoben wurde, um den Strand zu verbreitern.

Sommer 2013 nordöstlich von Ahrenshoop am Rande der Kadetrinne, der wichtigsten Schifffahrtsroute in der südlichen Ostsee. Im Auftrag des Munitionsbergungsdienstes holen Taucher drei deutsche Wasserbomben vom Deck eines Weltkrieg-Wracks. Zwei weitere können sie nicht bergen. Sie werden vom Wrack verlagert. Ein Blasenschleier, der um die Bomben gelegt wird, soll den Schall dämpfen. Der kann zum Beispiel Schweinswalen das Gehör zerstören. Dann werden die Bomben gesprengt. Weil das Wrack im Sand versunken ist, so der offizielle Bericht, können die Taucher im Inneren nicht nach weiteren Bomben suchen.

Die Granaten und die Wasserbomben sind gefährliche Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Experten vom Bund und aus den Küstenländern schätzen, dass 300 000 Tonnen Munition als Bomben ins Wasser fielen, als Minen verlegt oder als ausrangierte Munition nach dem Krieg in der Ostsee versenkt wurden. Dazu gehören 30 000 Tonnen an chemischen Kampfstoffen, die zum Beispiel von Wolgast aus im Seegebiet östlich von Bornholm verklappt wurden. Seit 70 Jahren verrotten auf dem Grund Granathülsen und Bombenmäntel. Früher oder später werden sie ihren giftigen Inhalt wohl ins Meer entlassen.

2011 hat eine Bund-Länder-Kommission 50 Ostseegebiete ausgemacht, die mit Munition belastet sind. In acht dieser Gebiete wurde ausrangierte Munition gezielt versenkt. 21 weitere Gebiete gelten als Verdachtsfläche. Die Experten kamen jedoch zu dem Schluss, „dass nach wie vor nur ein geringer Teil der tatsächlich durch Kampfmittel belasteten Flächen bekannt ist.“ Besonders für Mecklenburg-Vorpommern fehlten Daten aus der Zeit nach 1945.

„Wir brauchen endlich eine umfangreiche Bestandsaufnahme“, fordert der Koblenzer Umweltexperte Stefan Nehring. Die gefährlichen Altlasten gefährdeten nicht nur Taucher, Fischer und Urlauber am Strand. Sie erschwerten auch den Bau von Offshore-Windparks und die Verlegung der Kabel von den Windrädern ans Land. Der Bau der Ostsee-Pipeline von Russland nach Lubmin musste durch eine penible Absuche des Ostseegrunds vorbereitet werden.

100 Objekte wurden aus russischen, finnischen, schwedischen und deutschen Gewässern geräumt, so das Unternehmen.

Die Verklappung von Alt-Munition sei nicht so punktgenau vonstatten gegangen wie geplant, vermutet Nehring. 120 Mal fuhren die Kutter von Wolgast mit ihrer brisanten Fracht hinaus. Einige waren viel zu schnell zurück im Hafen, als dass sie Bornholm hätten erreichen können, so Nehring. Da sei wohl manches vorher über Bord gegangen. Außerdem schwamm manche Munitionskiste meilenweit übers Meer, bevor sie versank.

Nehring hält jede Munitionsart für gefährlich – wenn auch in unterschiedlichem Maße. Tabun werde relativ schnell abgebaut, wenn es ins Wasser gelangt. Nehring: „Das so genannte Clark ist ein größeres Problem. Es enthält viel Arsen.“

Bei einigen am Boden lebenden Fischen sei bereits ein erhöhter Arsengehalt analysiert worden. „Woher das Arsen stammte, ist nicht geklärt“, räumt Nehring ein. Östlich von Bornholm wurden unterdessen große Mengen an Senfgasgranaten verklappt. Es verklumpt, wenn es ans Wasser gelangt. Die Klumpen führen zu Verätzungen und Verbrennungen der Haut.

Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) ist das „generelle Verbleiben im Meer keine Option. Die Kartuschen rosten durch mit teilweise schwer abschätzbaren Folgen für die Unterwasser-Welt. Wir brauchen eine Risikobewertung und eine Strategie, was wann geborgen werden sollte.“

Die offiziellen Stellen hängen das Problem ein Stück tiefer. „Derzeit ist nicht erkennbar, dass eine großräumige Gefährdung der marinen Umwelt über den lokalen Bereich der munitionsbelasteten Flächen hinaus vorhanden oder zukünftig zu erwarten ist“, schlussfolgerten die Bund-Länder-Experten.

Das Schweriner Innenministerium räumt ein: „Die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges und die zurückgelassenen Munitionsteile der ehemaligen NVA sowie der GUS-Streitkräfte stellen auch heute noch eine sehr ernst zu nehmende Gefahr dar.“ Um Risiken abzuschätzen hat das Ministerium aus verschiedenen Archiven Luftbilder aus Kriegszeiten gekauft. Ansonsten werden Funde kartiert, die vor Bauarbeiten im Meer anfallen. Eine flächendeckende Erkundung entlang der Küste oder in besonderen Verdachtsflächen ist nicht geplant.

Robert Mollitor, Chef des Munitionsbergungsdienstes in Mecklenburg-Vorpommern, stellt die Dimensionen seines Arbeitsalltags klar: „Wir haben drei akute Gefährdungen pro Jahr im Wasser, aber 450 an Land.“ Dennoch sagt auch er: „Man solle endlich mal recherchieren.“ Denn mit jedem Fund, der etwa durch die Absuche des Ostseebodens vor dem Verlegen eines Seekabels ans Licht kommt, „erkennen wir, dass wir eigentlich zu wenig wissen“. Es sei „ein Trugschluss gewesen, zu glauben, unter Wasser sei man das Zeug auf ewig los“.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen