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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 21:38 Uhr

Auf den Zahn gefühlt : Bohren am Phantom

vom
Aus der Onlineredaktion

Rostocker Zahnmedizinstudenten trainieren unter praxisnahen Bedingungen. Auch Ergonomie und Psychologie spielen in der Ausbildung eine wichtige Rolle.

svz.de von
erstellt am 07.Mär.2017 | 11:45 Uhr

Augen zu, Mund auf und dann am besten an etwas ganz Schönes denken. Denn der Bohrer mit seinem unnachahmlichen Sirren kommt immer näher…

Viele Zahnarztpatienten beschleicht in der Praxis ein mulmiges Gefühl. Dabei hat ihr Behandler lange üben müssen, bis er zum ersten Mal mit einem „echten“ Patienten arbeiten durfte. Am Phantom trainieren angehende Zahnmediziner dagegen schon ab dem fünften Semester, wie Prof. Peter Ottl, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der Rostocker Universitätsmedizin erläutert.

Dort steht den Studierenden seit Kurzem ein komplett neu ausgestattetes Simulationslabor zur Verfügung. 20 Dummys sind in dem hellen Raum im Untergeschoss der Zahnklinik aufgereiht. Zu jedem dieser Übungsköpfe gehört ein moderner Behandlungsplatz, der mit den gleichen Instrumenten und Geräten ausgestattet ist wie ein Behandlungsstuhl in einer Zahnarztpraxis. Auf zwei großen, hochauflösenden Flachbildschirmen an der Wand können sich die Studierenden Demonstrationen dessen anschauen, was sie gleich darauf selbst an den Modellen üben sollen.

Der Dekan und Wissenschaftliche Vorstand der Universitätsmedizin Rostock, Prof. Dr. Emil Reisinger, hebt hervor: „Unsere Simulationseinheiten sind technisch auf dem modernsten Stand, sodass die studentische Ausbildung in Rostock weiterhin auf höchstem praktischen Niveau erfolgt.“ Von der Zahnpräparation über das Abformen, die Herstellung von Füllungen, Kronen und Brücken bis hin zum Einsetzen von Implantaten können die Studierenden an den Phantomköpfen eine sorgfältige Behandlungstechnik und alle Maßnahmen üben, die sie später auch am Patienten vornehmen werden. Die Dummys haben eine einstellbare Kieferöffnung, Lippen- und Wangenweichteile aus Silikon und nicht zuletzt Zähne aus einem Material, dessen Eigenschaften denen der natürlichen Zahnsubstanz sehr nahekommen. „Daran zu arbeiten ist nicht einfach – aber sehr realistisch“, betont Prof. Ottl. Nur Schmerzen können die Phantomköpfe nicht empfinden – und das ist auch besser so.

„Eine der ersten Aufgaben im Kursus ist das Präparieren eines unteren Backenzahns für eine Einzelkrone“, erklärt Oberarzt Dr. Simon Ziesmann. Was später in der Praxis in wenigen Minuten über die Bühne geht, beschäftigt manchen seiner Kursteilnehmer am Anfang erheblich länger. Denn zuerst einmal müssen sie sich mit den vielen Bedienelementen an der Behandlungseinheit vertraut machen. Dazu gehört auch das Fußpedal, mit dem unter anderem eingestellt wird, in welcher Höhe und mit welcher Neigung der Patient liegt. Dabei ist das alles andere als nebensächlich, erläutert Prof. Ottl: „Der Unterricht hier beinhaltet auch eine Ergonomie-Schulung. Denn Rückenerkrankungen stehen bei Zahnärzten ganz oben auf der Liste der Berufskrankheiten und führen im Extremfall sogar dazu, dass Kollegen ihren Beruf aufgeben müssen.“

Auch das Arbeiten mit Mundschutz und Handschuhen will gelernt sein – aus hygienischen Gründen ist es unerlässlich. Vor allem aber ist das eigentliche zahnärztliche Instrumentarium eine Herausforderung für die angehenden Zahnmediziner. Denn auch wenn sie es in der Theorie ebenso wie die in der Zahnheilkunde verwendeten Werkstoffe längst kennengelernt haben: Die praktische Handhabung ist noch einmal etwas ganz Anderes. Schließlich ist die „Mundhöhle“ der Phantomköpfe genauso gebaut wie die eines Menschen. Es gibt also nur wenig Platz zum Hantieren mit Mundspiegel, Sonde, Pinzette, Kürette oder Bohrer. Dennoch gilt es, nicht nur den erkrankten Zahn im Blick zu behalten, sondern gleichzeitig auch dafür zu sorgen, dass weder die benachbarten Zähne noch das Zahnfleisch oder die Wange verletzt werden. Erschwerend kommt dazu, dass im Phantomsaal wie später auch in der Praxis mit Wasserkühlung gebohrt wird: Der feine Sprühnebel schränkt die Sicht noch weiter ein.

Die meisten Studierenden sehen es wie Fünftsemester Nils Kropla: „Es macht Spaß, mich auszuprobieren, und gibt mir mehr Sicherheit.“ Mancher müsse eine Aufgabe allerdings auch mehrfach wiederholen, bevor er als Kursleiter zufrieden ist, erzählt Dr. Ziesmann. Denn Präzision sei nun einmal im Zahnarztberuf immens wichtig.

Doch nach zweimal drei Monaten praktischer Übungen sei mit Beginn des siebten Semesters dann jeder so weit, dass er auch am Patienten verantwortungsvoll und sicher arbeiten kann: im Zweierteam zusammen mit einem Kommilitonen, unter Aufsicht eines Dozenten und an Patienten, die bewusst und gern die Klinik zur Behandlung bei den Studierenden aufsuchen. Auch diesen Patienten müssen die künftigen Zahnmediziner allerdings nicht selten erst Ängste oder Zweifel nehmen. „Damit umgehen zu lernen, ist deshalb auch Ausbildungsinhalt“, erzählt Prof. Ottl. Schließlich sei ein Zahnarzt „viel, viel mehr als ein Feinmechaniker im Mund. In unserem Beruf muss man immer auch psychologische Grundkenntnisse anwenden.“ In einem mehrtägigen Kommunikationstraining erfahren die Studierenden beispielsweise, wie sie Patienten schlechte Nachrichten – zum Beispiel über die notwendige Entfernung nicht erhaltungswürdiger Zähne – überbringen. Sie lernen zudem, mit welchen Argumenten man Gespräche über Heil- und Kostenpläne führt. Und sie trainieren auch, mit der Zahnarztangst ihrer Patienten umzugehen – dabei ist die genau genommen überhaupt nicht nötig.

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