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Gerichtsreport : Bluttat wegen einer Flasche Schnaps?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

svz.de von
erstellt am 19.Mai.2014 | 21:14 Uhr

An einem Sonntag im vorigen Oktober macht die Nachricht über ein Verbrechen in Groß Laasch die Runde. Über den Kurznachrichtendienst WhatsApp verbreitet sie sich in Windeseile. Von einem getöteten Rentner in der Gemeinde bei Ludwigslust ist die Rede. Details werden genannt, Vermutungen angestellt, Namen kursieren – auch der des Opfers. Irgendwann am Abend erfährt auch Ingo Neumann* davon. Noch bevor die Polizei sich bei ihm meldet, ahnt er es: Der Tote ist sein Vater. „Gehen Sie da nicht rein. Das wollen Sie nicht sehen“. An diese Worte der jungen Polizistin erinnert er sich auch gestern als Zeuge im Prozess am Schweriner Landgericht. Die Beamten waren noch dabei, den Tatort zu untersuchen, als der Sohn eintraf. Der erhält nun Gewissheit: Sein Vater fiel einer Gewalttat zum Opfer. Erschlagen und mit Schnitten im Gesicht und am Körper übel zugerichtet. Der 68-Jährige hatte, betreut von einem Pflegedienst, allein gelebt.

Am Tattag hatte er Besuch. Joachim S. war schon am Vormittag dort. Schnaps und Bier statt Sonntagsbraten – die beiden gaben sich die Kante, und zwar heftig. Irgendwann im Laufe des Tages wird S. noch Nachschub holen, woran sich ein Gastwirt erinnern kann. Was dann im Einzelnen geschah, sei unklar, sagt Verteidiger Matthias Macht. Gegen 16.30 Uhr jedenfalls wird Joachim S. in der Wohnung des Rentners zum Hörer greifen, die Polizei in Ludwigslust anrufen und vom Fund einer Leiche berichten. Er wird am Tatort warten, bis die Beamten auftauchen. Und er wird von Anfang an beteuern: „Ich war’s nicht“. Trotzdem kommt der bislang nicht vorbestrafte 53-Jährige in Untersuchungshaft und nun auch auf die Anklagebank. Totschlag wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Er soll seinen Trinkkumpan erschlagen und ihm die Schnittverletzungen zugefügt haben. Im Streit, mutmaßen die Ermittler.

Um Geld? Joachim S. hat einen Tag nach der Tat bei der Polizei ausgesagt, der Rentner habe ihm 20 Euro in die Hand gedrückt, damit er noch mehr Alkohol besorge. Eine von drei Flaschen Korn aber habe er heimlich für sich abgezweigt. Der Ältere habe den Schmu nicht bemerkt. Und wenn doch? Ihr Vater habe sehr auf Geld geachtet, hätten ihm die Kinder des Opfers berichtet, sagte gestern ein Vernehmungsbeamter vor Gericht. Eine Bluttat wegen einer Flasche Schnaps?

Joachim S. habe ihm bei der Vernehmung eine andere Version präsentiert, sagt der Polizist. Er sei zwischendurch zu Hause gewesen und später erneut zu dem Rentner geradelt. Da habe die Tür offen gestanden und er einen „unbekannten“ Mann voll Blut auf dem Bett gesehen. Der war aber nun kein Unbekannter, sondern sein Trinkkumpel. Und dessen Blut klebte an seiner Jacke, wie die Spurensicherung herausfand. Auch dafür habe ihm Joachim S. eine Erklärung gegeben, sagt der Beamte. Er habe an seinen Hals gefasst, um festzustellen, ob er tatsächlich tot sei. Dabei sei Blut auf seine Hände getropft, das er wiederum am Jackenärmel abwischte. „Doch so kann es nicht gewesen sein“, sagt der Polizist. „Das passt nicht zu den Blutspritzern auf der Jacke.“ Das Gericht hat bislang noch drei Prozesstage geplant, um zu einem Urteil zu kommen.




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