Internationaler Terrorismus : Blutrote DDR-Geschichte

Die Diskothek „La Belle“ 1986 in West-Berlin nach dem Attentat
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Die Diskothek „La Belle“ 1986 in West-Berlin nach dem Attentat

Neue wissenschaftliche Studie bestätigt Verstrickungen des Politbüros in den internationalen Terrorismus

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29. September 2017, 05:00 Uhr

Im Umgang mit der Geschichte der DDR ist vor allem ein Fehler gemacht worden: Ein Fehler, der an die Generalanklage der bundesdeutschen Studentenbewegung (APO) erinnert, die ihrer Elterngeneration in den späten 60er-Jahren vorhielt, nicht gegen den Nationalsozialismus aufbegehrt zu haben. Ähnlich dann, zwei Jahrzehnte später, der Tenor der westdeutschen Kritik an den Funktionsträgern des gerade untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaates: „Wie konntet ihr nur solch ein System stützen?“ Letzten Endes ist sowohl die Kritik der APO-Aktivisten als auch die der Westdeutschen nach der Wende vor allem eins gewesen: selbstgerecht.

Die Ankläger haben die Prägungen, die Indoktrinierungen der jeweiligen Zeitabschnitte ausgeblendet. Sie haben von der bequemen Zuschauertribüne aus geurteilt, ohne sich in die Lage der Betroffenen hineinzuversetzen und sich die Frage zu stellen, ob sie nicht selbst versucht hätten, sich mit dem jeweiligen System irgendwie zu arrangieren. Denn auch sie, die Kritiker, hätten nicht gewusst, dass das System eines Tages untergehen würde.

Wie sehr die bornierten Vorwürfe West viele Ostdeutsche verletzt haben, ist bekannt. Die damalige Überbetonung von Kritik darf allerdings nicht dazu führen, fortan – wenn man so will, als Form ausgleichender Gerechtigkeit – die (nicht wenigen) düsteren Kapitel der DDR-Geschichte zu beschweigen. Zu diesen düsteren Kapiteln gehören zweifellos die Verbindungen des SED-Regimes zum arabischen und palästinensischen Terrorismus der 70er- und 80er-Jahre. Mit seinem Buch „Die DDR und der internationale Terrorismus“, das dieser Tage im Marburger Tectum-Verlag erschienen ist, erinnert der Historiker Matthias Bengtson-Krallert an unappetitliche Verstrickungen der Regierung Honecker. Bengtson-Krallert beleuchtet die Verbindungen des Ministerrates zur PLO, der palästinen Befreiungsorganisation; zu libyschen, syrischen und südjemenitischen Terrorkommandos; zu Drahtziehern des internationalen Terrorismus wie Muammar al-Gaddafi und Abu Daud – und nicht zuletzt zum berüchtigten, jahrzehntelang gesuchten Terroristen Ilich Ramirez Sanchez (alias „Carlos“). Bengtson-Krallert, 1975 in Ostdeutschland geboren, erfüllt die letzten Endes auch moralische Pflicht jedes gewissenhaft arbeitenden Historikers, nur zu behaupten, was er auch belegen kann.

Er unterscheidet sorgfältig zwischen Mitwisserschaft der DDR-Führung und nachweislicher aktiver Unterstützung ausländischer Terroristen. Und er wirft die Frage nach den Motiven des SED-Regimes auf, Anschlagsvorbereitungen auf DDR-Territorium geduldet beziehungsweise Attentäter sogar ausgebildet zu haben.

Bengtson-Krallerts Recherchen bestätigen die Mitverantwortung des Politbüros für diverse Attentate. Den Sprengstoffanschlag auf das West-Berliner Kulturzentrum Maison de France im August 1983 mit einem Toten und 23 Verletzten. Oder die vom libyschen Diktator Gaddafi veranlassten Bombenattentate auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ mit drei Toten und über 200 Verletzten im April 1986. Schließlich die PanAm-Linienmaschine „Maid oft he Seas“ im Dezember 1988 („Lockerbie-Attentat“, 270 Tote). Bengtson-Krallert kontrastiert die Blutspur des in die Anschläge verwickelten SED-Regimes mit dessen dementsprechend scheinheiligen offiziellen Verurteilungen jedweder Form politischer Gewalt und der Selbstinszenierung der DDR als „Friedensstaat“. Doch der Autor geht analytisch noch einen Schritt weiter. Bengtson-Krallert stellt die Frage, warum sich das Politbüro die Hände derart schmutzig machte. Seine Antwort: Der Ministerrat wollte nicht nur den „Imperialismus“ schwächen, sondern gleichzeitig in den „nicht paktgebundenen“ arabischen Ländern anerkannt werden. Darüber hinaus erinnert Bengtson-Krallert an die zeitgeschichtliche Tatsache, dass die Sowjetunion der DDR bereits in den 50er-Jahren aufgetragen hatte, im Nahen Osten die Rolle als Statthalterin Moskaus zu übernehmen. Und schließlich hätten, so der Autor, die Befürchtungen des Ministeriums für Staatssicherheit, die DDR selbst könne zum Angriffsziel arabischer oder palästinensischer Attentäter werden, eine Art Beschwichtigungs- und Umarmungsstrategie entstehen lassen. Devise: „Wir bieten euch Rückzugsräume und Trainingsmöglichkeiten, ihr verzichtet im Gegenzug auf Terroranschläge in Ostdeutschland.“

Wer Matthias Bengtson-Krallert, mittlerweile als Referent für Arbeit und Soziales für die SPD-Fraktion im Brandenburgischen Landtag tätig, auf seiner Spurensuche begleiten möchte, muss bereit sein, über dessen sperrigen Nominalstil und etliche Zeichensetzungsfehler hinwegzusehen.

Wer diese Mängel in Kauf nimmt, wird belohnt. Mit der 412 Seiten umfassenden, akribischen Recherchearbeit eines abgewogen urteilenden Geschichtswissenschaftlers; und mit einer Studie, die aufzeigt, dass die Wegstrecke zwischen Politik, Geheimdiensten und dem Straftatbestand der Beihilfe zu Mord kürzer ist, als man denken möchte.


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