Sonderausstellung in Groß Raden : Blutiges Gold

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Das Archäologische Landesmuseum in Groß Raden lädt ab Ende nächster Woche in einer Sonderausstellung zum Besuch in der Bronzezeit ein

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28. September 2017, 11:55 Uhr

Träge schlängelt sich der Fluss durch die Ebene. Das Schilf am Ufer wirft Reflexe auf das glitzernde Wasser. Aus der Ferne wehen Geräusche herüber. Menschliche Stimmen?

Wer das Geheimnis ergründen will und dabei nicht auf den Boden vor seinen Füßen achtet, stößt plötzlich an ein Hindernis. „An die Absätze zwischen den Vitrinen kommen noch farbliche Markierungen“, erklärt Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen. Er ist verantwortlich für die neue Sonderausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden, die dort in den zurückliegenden Wochen aufgebaut wurde. Zurzeit laufen die letzten Arbeiten, bevor „Blutiges Gold – Macht und Gewalt in der Bronzezeit“ dann am 5. Oktober eröffnet wird.

Im Mittelpunkt der Schau stehen Überreste eines Schlachtfeldes aus der Zeit um 1250 vor Christus, das Mitte der 90er Jahre im Tal der Tol-lense bei Altentreptow entdeckt wurde und seit 2007 wissenschaftlich erschlossen wird. „Durch diesen Fund änderte sich das Bild der Bronzezeit grundlegend“, betont der Landesarchäologe. So wurden neben menschlichen auch die Knochen von mindestens fünf toten Pferden gefunden, die definitiv genauso alt sind. „Erst dadurch wurde klar, dass Pferde in dieser Zeit bereits als Reittiere in kriegerischen Konflikten eingesetzt wurden“, erläutert Jantzen.

Die Bronzezeit: Die Bronzezeit ist die Periode in der Geschichte der Menschheit, in der Metallgegenstände vorherrschend aus Bronze hergestellt wurden. Diese Epoche liegt zwischen der Kupfer- und Eisenzeit der Vor- und Frühgeschichte   und umfasst in Mitteleuropa etwa den Zeitraum von 2200 bis 800 v. Chr. –  im  asiatischen Raum  beispielsweise   war  die   Legierung des Kupfers mit Zinn  schon    deutlich  früher  bekannt. Obwohl Bronzegegenstände zunehmend das tägliche Leben beherrschten,  wurden   auch   in den folgenden Jahrhunderten noch  viele    traditionelle  Steingeräte  genutzt. Auch  typisch  für  die  Bronzezeit in Mitteleuropa: Die meist unbefestigten Siedlungen und jahrhundertealte Traditionen und Jenseitsvorstellungen wurden allmählich aufgegeben. Die Art der Bestattung wandelte sich von Hockergräbern zu Hügelgräbern und schließlich zu Urnenfeldern. Pferde wurden gezähmt und dienten nun als Reittiere.

Bisher ist nur ein kleiner Teil, vielleicht ein Zehntel, des Schlachtfeldes ausgegraben worden. Die Knochen, die gefunden wurden, konnten etwas mehr als 130 Individuen zugeordnet werden – ausschließlich Männern im Alter etwa zwischen 15 und 35 Jahren. Da davon auszugehen ist, dass viele Verletzte das Schlachtfeld noch verlassen konnten und erst später starben, muss es weit mehr als eine lokale Auseinandersetzung gewesen sein. Vermutlich seien die Kämpfer aus einem weiten Umkreis zur Schlacht gerufen worden, so der Landesarchäologe. Und das setze eine „enorme logistische Leistung“ voraus. „Für uns ergeben sich daraus eine Menge Fragen: Wer hatte damals die Macht, Kriege zu führen – mit vielleicht tausenden Beteiligten? Und wie ist dieses Ausmaß von Gewalt zu erklären?“

Die neue Ausstellung in Groß Raden greife diese Fragen auf und spinne, ausgehend von der Schlacht im Tollensetal, Fäden in die „bronzezeitliche Welt“, erklärt Jantzen: „Glänzendes Gold und blutige Gewalt werden in Beziehung zueinander gesetzt. Und es wird sichtbar, dass der Gewaltkonflikt im Tollensetal zeitgleich mit großen Gewaltkonflikten im Mittelmeerraum ist.“

Allerdings: Was genau sich vor rund 3270 Jahren im Tal der Tollense zutrug, weiß niemand. Schriftliche Überlieferungen aus jener Zeit gibt es – zumindest in Mitteleuropa – nicht. Nur einige wenige erhaltene Zeitzeugnisse lassen Rückschlüsse zu, beispielsweise das „Horn von Wismar“, dessen Nachbildung Besucher gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs betrachten können und das etwa aus derselben Zeit stammt, in der die Schlacht an der Tollense tobte. Auf den metallenen Beschlägen, die schon vor mehr als 100 Jahren in der Nähe der Hansestadt gefunden worden sind, erkennt man deutlich Krieger, die mit Speeren bewaffnet sind und sich mit Schilden schützen.

Sahen so auch die Kämpfer im Tollensetal aus? Auf dem Schlachtfeld selbst fanden die Archäologen nur wenige Hinweise. Neben Knochen, in denen zum Teil noch Pfeilspitzen stecken, gehört dazu auch eine gut erhaltene Keule aus Eschenholz. Metallene und andere wertvolle Gegenstände wurden bei den Ausgrabungen dagegen nicht entdeckt. „Wir vermuten, dass dort unmittelbar nach der Schlacht sehr gründlich geplündert worden sein muss“, erklärt Dr. Jantzen – der Besitz der Gefallenen wanderte also vermutlich in die Hände der Sieger.

Dennoch können in der Ausstellung in Groß Raden bronzezeitliche Funde wie metallene Speerspitzen gezeigt werden. „Taucher haben sie aus der Tollense geborgen“, so der Landesarchäologe. Auch Messer, Sicheln, ein Beil und ein Schwert wurden gefunden – letzteres ebenso ein Symbol für den Reichtums seines einstigen Trägers – wie mehrere im Fluss entdeckte goldene Spiralringe.

Ein Fund aus der Tollense sticht jedoch aus den anderen heraus: eine Gürteldose – ein eindeutig weibliches Accessoire aus der Bronzezeit, das den Archäologen Rätsel aufgibt. Denn besiedelt war das Tal nicht, dazu war es dort ganz einfach zu nass. Vielleicht hat eine Frau die Dose bei einer Opferhandlung im Anschluss an die Schlacht dort abgelegt – oder sie hat sie bei der Suche nach ihren gefallenen Mann verloren, mutmaßt Jantzen.

Auch die Ausstellungsbesucher sind während ihres Rundgangs, bei dem sie sich vom glitzernden Wasser eines virtuellen Flusses leiten lassen können, immer wieder eingeladen, die Geschichte „weiterzuspinnen“. So werden ihnen in eingesprochenen Texten drei Szenarien angeboten, die der Schlacht im Tollensetal zugrundegelegen haben könnten: War es ein Überfall mit dem Ziel, Land zu gewinnen? Oder eskalierte vielleicht ein anfangs ganz friedliches Treffen von Stämmen oder Stammesgruppen? War es gar eine Schlacht, zu der zwei verfeindete Heere in einer Aufstellung antraten, wie man sie noch viel später im Dreißigjährigen Krieg erlebt?

Um leichter Antworten zu finden, öffnen in der Ausstellung Schlüsselfunde aus Mecklenburg-Vorpommern, die jeweils auch mindestens ein kostbares Objekt aus weit entfernten Regionen enthalten, den Blick über das Territorium des heutigen Mecklenburg-Vorpommern hinaus in die bronzezeitliche Welt: Teile des Kultwagens aus dem Grab von Peckatel stammen aus dem ostalpinen Raum, der Seidenschleier der „Dame von Thürkow“ aus dem Mittelmeerraum. Ein in Güstrow gefundenes Goldschwert kommt wahrscheinlich aus Skandinavien, ebenso wie eine Goldfibel, die ein Landwirt auf einem Feld bei Crivitz entdeckt hatte. „Das heutige Mecklenburg-Vorpommern war also schon in der älteren Bronzezeit in ein weitreichendes Handels- und Kommunikationsnetz eingebunden“, erklärt Jantzen.

Die Ausstellung ist so aufgebaut, dass keine archäologischen Grundkenntnisse erforderlich sind, um sie zu verstehen. Texte werden nur sparsam eingesetzt und durch Animationen und Grafiken ergänzt. Filmeinspielungen erläutern Hintergründe, beispielsweise, wie das Alter von Knochen und anderen Funden bestimmt wird.

Zudem geben die Ausstellungsmacher den Menschen, die in der Bronzezeit lebten, Gesichter. „Wir haben dafür mutige Models gefunden“, erzählt Jantzen. Museumsleiterin Heike Pilz gehört dazu – sie ist für ein überlebensgroßes Foto in die Tracht der „Dame von Thürkow“ geschlüpft. „Es sollte keine graue Ausstellung werden, sie sollte Farbe haben“, erläutert der Landesarchäologe. „Unser Ziel ist, dass die Besucher rausgehen und sagen: Das war ja eine spannende Zeit.“

Zahlen & Fakten

Ausstellungsdauer: 6. Oktober 2017 bis 10. September 2018

Öffnungszeiten:
April bis Oktober: Montag bis Sonntag 10–17.30 Uhr
November bis März: Dienstag bis Sonntag 10–16.30 Uhr
Geschlossen: 24. Dezember

Ausstellungsfläche: rund 200 m²
Exponate: rund 300
Gestaltung: rutsch+rutsch architektur+szenografie GbR Schwerin
Kosten: rund 300 000 Euro

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft für Schulen.

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