Mode aus Papier : Bloß nicht nass werden lassen

„Die Kleider sind ja aus Papier!“ hallte es von allen Seiten, als Modelle die kreativen Entwürfe der Jungdesigner auf wem Weg von der Designschule zum Staatlichen Museum Schwerin präsentierten. Alle Kleider haben den Lauf überstanden. Fotos: Viviane Offenwanger
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„Die Kleider sind ja aus Papier!“ hallte es von allen Seiten, als Modelle die kreativen Entwürfe der Jungdesigner auf wem Weg von der Designschule zum Staatlichen Museum Schwerin präsentierten. Alle Kleider haben den Lauf überstanden. Fotos: Viviane Offenwanger

Schüler der Designschule Schwerin präsentieren in Kooperation mit dem Staatlichen Museum Kleiderträume aus Papier

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02. Juni 2017, 12:00 Uhr

Mode gibt ihrem Träger die Möglichkeit, sich Tag für Tag neu zu erfinden und die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Doch was sagt es über einen Menschen aus, wenn seine Kleidung so fili-gran ist, dass sie schon bei einem leichten Schauer kaputtgehen könnte. Mit der an Treppensteigen oder Sitzen gar nicht erst zu denken ist? Nun, sie ist auf jeden Fall etwas Besonderes.

Nicht schlecht staunten daher viele Schweriner Passanten gestern Abend, als gleich eine ganze Gruppe junger Damen, gehüllt in atemberaubende Kleiderkreationen aus Papier, durch die Straßen lief. Das war natürlich kein Zufall. Erdacht wurde das Projekt von Dr. Kornelia Röder vom Staatlichen Museum Schwerin. In ihrem Kupferstichkabinett finden sich neben Zeichnungen, Druckgrafiken und Plakaten auch Papierobjekte. Da schien es naheliegend, zusammen mit den beiden Bundesfreiwilligen des Staatlichen Museums , Johanna Müller und Lea Fast, diesem Werkstoff, der uns allen alltäglich begegnet, etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Schnell fand sich in der Designschule ein geeigneter Kooperationspartner und es entstanden innerhalb von nur einer Woche kunstvolle Designs.

Für die angehenden Modeschöpfer wie Annabel Ostheide von der Designschule war das eine große Herausforderung. „Das Projekt kam uns anfangs total unmöglich vor“, erinnert sich die 18-Jährige. Doch der Werkstoff Papier entpuppte sich als durchaus kooperativ. „Zuerst haben wir alle etwas rumprobiert, wie sich die verschiedenen Sorten verhalten, ob sie knittern oder formstabil bleiben. Wir haben aber relativ schnell Erfolge gesehen.“ Zwar schmiegt sich das Material nicht so gut an wie klassischer Stoff und lässt sich auch nicht in Form ziehen, dafür lassen sich großzügigere, üppigere Formen kreieren.

Auch Dozentin Dorothee Brodrück war von der Projektidee begeistert. Die 39-Jährige hatte bereits während ihrer Ausbildung mit Papierkleidern zu tun und weiß um die Besonderheiten des Materials. „Wir haben von klassischem Kopierpapier über Packpapier und Zeichenkarton bis Tapetenvlies alle Varianten des Materials ausschöpfen können.“ Dieses hat die Neu Kaliss Spezialpapier Gmbh freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Mode aus Papier ist im Grunde keine neue Erscheinung. Tatsächlich blickt das Material auf eine lange Geschichte als Stoffersatz zurück – wenn auch oft gestreckt mit Synthetikfasern, um den Tragekomfort zu erhöhen. Alltagstauglich war und ist das Material jedoch bis heute nicht wirklich. Dank eines Werbegags aus den USA schwappte der Papiermoden-Trend kurzzeitig rüber nach Europa. Besonders in der DDR wurde er mit offenen Armen angenommen, um dem Mangel an Rohstoffen entgegenzuwirken. Es entstand das Material Vliesett – hatte jedoch einige Nachteile für seine Träger.

Nicht nur, dass die Mode nicht wasserfest war, man konnte sie auch nur etwa vier- bis fünfmal tragen, bevor sie sich auflöste. So ebbte die Begeisterung schnell wieder ab. Zwar experimentieren noch heute namhafte Designer wie Paco Rabanne, Karl Lagerfeld oder Issey Miyake mit dem Werkstoff, jedoch eher im Sinne der Kunst.

Trotzdem ist Dorothee Brodrück davon überzeugt, dass nachhaltige Mode aus Papier durchaus Zukunft haben könnte. „Zumindest, wenn der Werkstoff weiter erforscht und verbessert wird.“

Auch Annabel Ostheide kann sich vorstellen, in zukünftigen Entwürfen wieder auf Papier zurückzugreifen. Auch, wenn das einige Tücken birgt. „Anfangs dachten wir, doppelseitiges Klebeband würde ewig halten. Doch am nächsten Morgen waren einige Kleider auseinandergefallen. Da mussten wir uns dann etwas Neues überlegen. Mit dicken Nadeln lässt sich aber auch Papier vernähen.“

Das Nähen selbst hat die gebürtige Detmolderin von ihrer Mutter gelernt. Viele der Entwürfe, die sie zur Bewerbung an der Designschule angefertigt hat, will sie sich aber noch aufheben. „Die setze ich um, wenn ich es perfekt kann.“

Nächste Termine: Rendezvous

8. Juni (Do.) um 18 Uhr
Fürstliche Paradiese Mecklenburgs: Sanierung – Restaurierung – Rekonstruktion

15. (Do.) Juni um 18 Uhr
Im Fokus: Depotstücke Karl Paul Themistokles von Eckenbrecher, Die Auguste Victoria im Naeröfjord

22. Juni (Do.) um 18 Uhr
„Wer für Nachwuchs sorgt, hat keine Nachwuchssorgen“ Die Freunde des Staatlichen Museums Schwerin e. V. diskutieren über Erfolgsmodelle mit Experten für junge Freunde

29. Juni (Do.) um  18 Uhr
Last Minute! Es liest die alte Gilde. Jutta Schlott im Gespräch mit Wolf Spillner

Die Geschichte der Papier-Mode

988 n. Chr.: Kamiko

988 soll der Legende nach die Geburtsstunde der Kleidung aus Papier gewesen sein. Ein japanischer Mönch fertigte sich wohl aus Seiten der heiligen Schriften Bud-dhas ein provisorisches Hemd, um seine Besucher in sauberer Kleidung empfangen zu können. Das Tragen eines solchen Papierhemdes – genannt Kamiko – soll dann über andere Mönche bis in verschiedene Gesellschaftsschichten verbreitet worden sein. Vermutlich war der Grund für die Entstehung der Papierkleidung aber eher wirtschaftliche Not. Teure Stoffe konnte sich damals kaum ein  Bürger leisten.

16. Jahrhundert: Shifu

Wesentlich später entstand in Japan wieder Kleidung aus Papier. Im Gegensatz zum Kamiko bestand Shifu aber nicht aus einem Stück Papier, sondern aus gewebten Papierstreifen. Ein Spion soll der erste gewesen sein, der eine geheime Nachricht zerschnitt, zusammenrollte und zu Kleidung webte. So konnte er das Schriftstück in feindliches Gebiet bringen. Die aufwendigen Gewänder aus Shifu wurden in Japan später auch von hoch angesehenen Samurai getragen. Die lange Tradition endete erst Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Import von Baumwolle.

19. Jahrhundert

In Europa war Kleidung aus Papier bis ins 19. Jahrhundert unbekannt. Erst eine Rohstoffknappheit von Baumwolle und Hanf rückte Papier als Ersatzstoff in den Fokus. Da das Papier hier aber sehr unelastisch und unbequem zu tragen war, entstanden zunächst eher kleinere Kleidungsteile wie Hemdkragen oder Serviteurs – das sind Vorhemden, die nur die Brust bedecken. Die Weltkriege verschärften die Situation, sodass es im Ersten Weltkrieg  sogar Uniformen aus Papiergarn gab, die jedoch höchst unkomfortabel waren.

1966: Der Werbegag

Ein Werbegag des amerikanischen Papierherstellers „Scott Paper Company“ führte in den 60er Jahren zu einem  unerwarteten Boom der Papierkleidung. Scott hatte Papierkleider inseriert – für nur 1,25 Dollar pro Stück. Der Scherz brachte der Firma rund eine halbe Million Bestellungen ein und sogar Modemagazine besprachen die Wegwerfware.

1970: DDR  Vliesett

Die Modewelle aus den USA schwappte auch nach Europa. Die kurzen Vliesett-Kleidchen – Papier mit beigemischten Synthetikfasern – waren schrill bedruckt, billig, bügelfrei und leicht zu ändern. Besonders überzeugt waren weder ost- noch westdeutsche Trägerinnen. Nach einem kurzen Boom verschwand Vliesett dann vom Markt.

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