zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 03:48 Uhr

NSU-Morde : Blindes Vertrauen in V-Leute

vom
Aus der Onlineredaktion

Experte weist auf Erkenntnislücken bei Verbindungen des NSU nach MV hin

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Zwischen der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) und der Neonazi-Szene im Nordosten hat es offenbar stärkere Beziehungen und Kontakte gegeben als bisher angenommen wurde. „Man hat diverse Beziehungen des ,Trios‘ nach Mecklenburg-Vorpommern, die im Detail noch nicht beleuchtet worden sind“, sagte der Journalist Dirk Laabs gestern in seiner Anhörung im Unterausschuss des Landtages zur Aufklärung der NSU-Aktivitäten in MV.

Verbindungen des NSU-Trios nach MV sind laut Laabs seit 1992 belegt. Die Mitglieder Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe machten mehrfach Urlaub im Land und unterhielten Freundschaften zu Rechtsextremisten. Wie jetzt erst bekannt wurde, tauchte unter anderem auf einer bereits vor 19 Jahren sicher gestellten Namens- und Adressliste mit Unterstützerkontakten auch der Name einer Frau aus Rostock auf, die später Sekretärin der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag gewesen sein soll. Es sei unklar, ob diese und weitere Spuren jemals ausermittelt wurden, erklärte Laabs.

Dass eine Mitarbeiterin aus dem NPD-Umfeld in MV mit auf einer NSU-Unterstützerliste auftauchte, bezeichnete Peter Ritter von der Linksfraktion als „völlig neue Information“. Es sei unverständlich,, warum die Frau aus Rostock nie als Zeugin vernommen wurde. Das ist nur eine von vielen ungeklärten Fragen zum NSU und dessen Aktivitäten im Land.

Dem NSU-Trio werden im Nordosten der Mord an dem Rostocker Imbissmitarbeiter Mehmet Turgut und zwei Banküberfälle in Stralsund zugeschrieben. MV war damit nach Einschätzung von Laabs einer von fünf regionalen Schwerpunkten des Terror-Trios, das insgesamt 10 Morde begangen haben soll.

Bei der Aufklärung der Mordserie tappten die Ermittler lange im Dunkeln. Beim Mord an Turgut gingen sie zunächst von einer Tat im Bereich der organisierten Kriminalität aus. Sie stützten sich bei ihrer Arbeit auf Hinweise von V-Leuten des Verfassungsschutzes. Doch die Informationen waren falsch. „Man hat den V-Leuten blind getraut“, erklärte Laabs. Es blieb nicht die einzige Panne. So wussten die Verfassungsschützer laut Laabs auch von einer Geldspende des NSU an das Neonazi-Magazin „Weißer Wolf“, das zeitweise vom ehemaligen NPD-Abgeordneten David Petereit verantwortet wurde. Tippgeber sei ein V-Mann aus MV gewesen – der in sechs Jahren aber nicht verhört worden sei. „Da wird es dann unglaubwürdig“, so Laabs.

Mehrfach betonte der Experte die Bedeutung von Zeugenaussagen für die Aufklärung der NSU-Taten, mit denen in anderen Untersuchungsausschüssen gute Erfahrungen gemacht worden seien. Auch in MV müssten V-Leute, ihre Führungspersonen und weitere Verantwortliche des Verfassungsschutzes gehört werden, empfahl er und schob eine Warnung hinterher: Man dürfe sich nicht blind auf Behördeninformationen verlassen. „Die Massivität der Art und Weise, in der bestimmte Behörden die Untersuchungsausschüsse angelogen haben, ist schon außergewöhnlich.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen