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Sonderführung im Staatstheater Schwerin : Blind zu Galilei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experiment am Mecklenburgischen Staatstheater: Tastführung und Audiodeskription sollen Barrieren für sehbehinderte Besucher abbauen.

svz.de von
erstellt am 14.Feb.2017 | 12:00 Uhr

„Vor sich haben Sie eine riesige graue Wand, die aus verschiedenen Rahmen zusammengesetzt ist. Sie werden immer kleiner und können verschoben werden – wie ein Teleskop, das ausgefahren wird.“ Dramaturgin Jenny Flügge sitzt auf dem untersten dieser Rahmen und damit direkt im Bühnenbild für das „Leben des Galilei“. In nicht einmal einer Stunde wird das Stück von Bertolt Brecht über die Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters gehen. Die rund zwei Dutzend Menschen, die jetzt schon im Parkett Platz genommen haben, sind sehr gespannt darauf. Doch sehen können sie weder das Bühnenbild noch das Spiel der Darsteller: Zwölf der Theatergäste an diesem Sonntagabend sind hochgradig sehbehindert oder völlig blind. Eigens für sie und ihre Begleiter hat das Theater eine Tastführung durch das Bühnenbild und eine Audiodeskription der Vorstellung, also eine genaue Beschreibung des Bühnengeschehens, organisiert.

„Schon seit November haben wir uns darauf vorbereitet“, erzählt Nele Tippelmann, die am Staatstheater die Abteilung Theaterpädagogik, Vermittlung und Partizipation leitet und die bereits Lagepläne des Theaters in Blindenschrift und Kurzbeschreibungen des Stückes in Großdruck verteilt hat. Die Entscheidung für das „Leben des Galilei“ sei gefallen, „weil es ein Stück ist, das extrem über Sprache funktioniert“, ergänzt Jenny Flügge. Aber es gebe eben auch Dinge, die besonders erklärt werden müssten – wie das Bühnenbild.

Zu den Requisiten, die Theaterpädagogin Nele Tippelmann (rechts) vorstellt, gehören auch ein Apfel und Bleistifte.
Zu den Requisiten, die Theaterpädagogin Nele Tippelmann (rechts) vorstellt, gehören auch ein Apfel und Bleistifte. Foto: Karin Koslik
 

Ein Modell im Maßstab 1:50 geht von Hand zu Hand. „Auf das richtige Bühnenbild darf aus Sicherheitsgründen niemand heraufsteigen“, erklärt Nele Tippelmann. Die Absätze seien schmal und die Stufen hoch: Zu Beginn der Proben hätten einige Schauspieler deshalb sogar über Muskelkater geklagt.

Tatsächlich bekommen die Teilnehmer der Führung schon durch bloßes Berühren einen Eindruck von der Dimension der Bühne. „Das ist ja schmal. Da zu agieren, muss wirklich schwer sein“, raunt eine Frau ihrer Nachbarin zu.

„Ist denn hier schon mal einem Schauspieler etwas passiert“, will Margarete Gieseler wissen. Sie ist zusammen mit ihrer Tochter Manuela aus Ludwigslust nach Schwerin gekommen. Über das Projektbüro „Barrierearme Großereignisse in Mecklenburg-Vorpommern“ und den Blinden- und Sehbehindertenverband hatte sie von der besonderen Vorstellung erfahren. Erblindet ist Margarete Gieseler bereits als Kind infolge einer Masernerkrankung. „Ich sehe nur noch grau in grau“, versucht sie zu erklären, was sich ein Gesunder kaum vorstellen kann.

Als sie das Modell des Bühnenbildes in den Händen hält, huscht ein Lächeln über das Gesicht der Rentnerin: „Jetzt kann ich es mir schon viel eher vorstellen.“ Die Antwort auf ihre Frage, dass sich noch niemand verletzt hat, geht indes weitgehend unter. Denn jetzt begibt sich die Gruppe über die Seitenbühne hinter das Bühnenbild. Hier hat Nele Tippelmann einige Requisiten bereitgelegt, die nun von Hand zu Hand gehen. Galileis Teleskop beispielsweise. „Das ist aber leicht“, sind sich Blinde wie Sehende einig. Eine Schreibtafel, die von einem zum anderen gereicht wird, wird fachkundig durch bloßes Tasten mit einem Tablet gleichgesetzt, ein Hocker mit einem Melkschemel. Auch zwei Kleidungsstücke werden ertastet, ein Hochzeitskleid und der braune Kapuzenpullover, den der „Kleine Mönch“ später tragen wird. „Die Kostüme sind modern, in der Regel haben die Darsteller normale Privatklamotten an“, erklärt die Theaterpädagogin. Dennoch seien Besonderheiten wie bei den kirchlichen Würdenträgern sofort erkennbar – für Sehende. Was Blinden oder Sehbehinderten verborgen bleibt, erklärt Jenny Flügge während der Vorstellung per Audiodeskription. Jeder bekommt dafür einen Empfänger, den er sich umhängt, und Kopfhörer. Wenn auf der Bühne nicht gesprochen wird, ertönen daraus die Erläuterungen der Dramaturgin.

Ein Bühnenbild, das man eigentlich sehen muss – und darin Galileo Galilei (Andreas Anke) mit seinem Schüler Andrea Sarti (Carmen Zehentmeier).
Ein Bühnenbild, das man eigentlich sehen muss – und darin Galileo Galilei (Andreas Anke) mit seinem Schüler Andrea Sarti (Carmen Zehentmeier). Foto: Silke Winkler
 

„Wir haben uns hier eigens von einer Spezialistin, die auch für Film und Fernsehen Audiodeskriptionen macht, schulen lassen“, erzählt die Dramaturgin. „Schließlich wollen wir Barrierefreiheit ernst nehmen und solche Angebote wie heute dauerhaft etablieren“. Im Workshop habe sie gelernt, sicht- und hörbare Reize klar voneinander abzugrenzen und sich bewusst zu machen, was an Informationen verloren geht, wenn einzelne dieser Reize nicht aufgenommen werden. „Zwei regelmäßige Theaterbesucherinnen, die sehbehindert sind, haben uns dabei unterstützt“, erzählt Jenny Flügge. „Sie haben uns erklärt, was ihnen fehlt, wenn sie jemanden bei seinem Auftritt nicht sehen.“ Zum Beispiel, wer von wo aus die Bühne betritt oder wohin er sie wieder verlässt.

Für Bettina Schmidt, eine dieser beiden freiwilligen Helferinnen, war aber noch wichtiger, Details der Ausstattung erklärt zu bekommen, erzählt die Schwerinerin am Sonntagabend – und Doppelbesetzungen.

Nicht mit letzteren – also damit, dass Schauspieler in mehrere Rollen schlüpfen – bekommt Margarete Gieseler während der Vorstellung Probleme. „Da gibt es eine Figur, die Andrea heißt. Es ist eine Frau, die diese Rolle spielt – aber in den Erklärungen hieß es immer ,er verlässt jetzt die Bühne‘ oder ,er verharrt regungslos‘. Das hat mich ganz durcheinandergebracht“, gesteht die Ludwigslusterin im Anschluss an die Vorstellung. Erst im Auto habe ihr ihre Tochter erklärt, dass Andrea in diesem Fall ein italienischer Männername ist. Gespielt hat ihn die Schauspielstudentin Carmen Zehentmeier, und zwar bravourös, wie auch Margarete Gieseler einräumt. Überhaupt hat sie das Theatererlebnis am Sonntagabend schwer beeindruckt. „Die Führung und auch die eingesprochenen Erklärungen haben mir das Stück viel näher gebracht, als ich mir vorher vorstellen konnte. Wenn das Theater so etwas wieder anbietet, bin ich bestimmt dabei.“

Service: Barrierefreie Veranstaltungen

  • Am 16. Juli 2017 um 16 Uhr wird es in der St.-Georgen-Kirche Wismar wieder eine komplett barrierefreie Vorstellung der Festspiele Wismar von Goethes „Faust“ geben. Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher, Audiodeskription, der Einsatz einer Hörverstärkungs-Anlage (FM-Anlage) für Schwerhörige, „Touch-Touren“, taktile Lagepläne und Programme in Brailleschrift gehören zum Angebot. Auch für Rollstuhlfahrer ist der Zugang gewährleistet.
  • Am 11. und 12. August 2017 steht beim „Kleinen Fest im großen Park“ im Schlosspark Ludwigslust hörgeschädigten Menschen die FM-Anlage zur Verfügung. Das Abendprogramm in Brailleschrift sowie ein taktiler Lageplan des Schlossparks werden für blinde und seheingeschränkte Menschen bereitgestellt. An einigen Bühnen gibt es am 12. August eine Übersetzung in Gebärdensprache.
  • Weitere barrierefreie Angebote der Festspiele MV sind Programmhefte in Brailleschrift oder kurze Einführungen für blinde und seheingeschränkte Menschen bei allen anderen klassischen Konzerten. Wer diesen Service nutzen möchte, sollte dies mindestens eine Woche vor dem jeweiligen Konzert anmelden, damit alles Weitere geplant werden kann.
     
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