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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 18:03 Uhr

Blick hinter die Archiv-Türen

vom

svz.de von
erstellt am 05.Mär.2012 | 11:00 Uhr

Rostock | Der große Stadtbrand von Rostock hat im Jahr 1677 ein Drittel der städtischen Bebauung in Flammen aufgehen lassen. Er gehört zu den größten Katastrophen in der Geschichte der Stadt. Der Tag der Archive, der bereits zum 6. Mal vom Verband deutscher Archivare (VdA) bundesweit organisiert wurde, stand in diesem Jahr unter dem Thema "Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen". Von diesen blieb auch Rostock nicht verschont, wie 750 Jahre überlieferte Stadtgeschichte zeigen. Der Leiter des Rostocker Stadtarchivs, Dr. Karsten Schröder, und seine Mitarbeiter haben die Ereignisse für die Besucher am Sonnabend anschaulich aufgearbeitet.

Neben dem Stadtbrand wurde Rostock vor allem von Sturmfluten heimgesucht. Die erste ist von 1625 dokumentiert und setzte, wie die nachfolgenden Fluten, Warnemünde und die Altstadt unter Wasser. Die Cholera raffte 1832 etwa 400 Menschen dahin. Die jüngste Katastrophe war der Schneefall 1978/79, der Straßen- und Zugverkehr, Strom- und Telefonnetz ausfallen ließ. Viele Bilder, Stadtpläne, schriftliche Dokumente und Zeitungsartikel machten die Ausstellung lebendig. Diese einzigartige Gelegenheit nutzte auch Rentnerin Else Rackow: "Ich bin interessiert an der Stadtgeschichte. In den originalen Schriftstücken und Bildern zu sehen, was Natur- und Menschengewalt zerstört haben und wie es wieder aufgebaut wurde, ist eindrucksvoll." Die größte Zerstörung richtete der Krieg an, vor allem das Vier-Tage-Bombardement im April 1942 auf die Hansestadt. Für die St. Jakobikirche war es das Ende, sie verschwand aus dem Stadtbild.

Während sich die Besucher um die Ausstellungstische drängten, standen sie auch Schlange, um an der Führung durch den ältesten Archiv-Zweckbau des Landes teilzunehmen. Schröder führte die Gäste durch das vierstöckige Magazin und in die so genannte Trese. "Hier liegen die Stadtbücher, Ratsprotokolle und Urkunden", erklärt er und zeigt die Originalurkunde von 1265, die festlegt, dass die drei Stadtteile Neustadt, Mittel- und Altstadt eins werden. Er beantwortete Fragen zu Aufbewahrung und Restaurierung der historischen Schätze. Den 20-jährigen Janek Warning interessiert besonders die digitale Erfassung. "Ich mache eine Ausbildung im Archivbereich, weil die alten Dinge historischen Wert haben", sagt er.

Die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit in Waldeck öffnete gestern ihre Türen. Das Besucherinteresse war ebenfalls enorm. Während Dr. Juliane Schütterle und Ruth Schirge aus der Zentrale in Berlin vor voll besetztem Raum darüber berichteten, mit welch aufwändigem Verfahren die vorvernichteten Akten rekonstruiert werden, konnten sich Interessierte im Kellergeschoss die Räume mit den Akten anschauen. "Wir haben allein in Rostock noch gut 3,7 Kilometer laufende Akten", sagt Außenstellenleiter Dr. Volker Höffer. "Wir gehen davon aus, dass es mindestens noch mal so viele Akten gab, die vernichtet wurden." Die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht sei weiter hoch. Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres hätten 700 Personen Anträge gestellt. "Damit liegen wir deutlich über den Vergleichszahlen aus 2011, und die waren schon hoch", so Höffer. Er kam immer wieder mit Besuchern ins Gespräch, die ihre eigenen Erlebnisse mit der Stasi zu erzählen hatten - wie Fred Rein aus Schwaan. Da sein Vater unzufrieden mit der Mangelwirtschaft zu DDR-Zeiten war - er hatte keine Fliesen bekommen - ging er einmal nicht zur Wahl. Das reichte aus, dem Sohn die berufliche Karriere als Seemann zu verbauen. Fred Rein musste sein Seebuch abgeben, wusste lange aber nicht, warum. Akteneinsicht hat er inzwischen genommen. Gestern wollte er sich in der Außenstelle umschauen und wusste, als Sohn eines Landwirtes, was die so genannte Kollermaschine, mit der massenhaft Akten vernichtet werden, eigentlich ist: "Eine Rübenschnitzelmaschine."


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