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Premiere des Musicals "Anatevka" : Blick durch die jüdische Tradition ins Heute

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Die Premiere des Musicals "Anatevka" im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wurde mit Szenenapplaus und viel Schlussjubel aufgenommen. Es handelt vom Leben der osteuropäischen Juden im Schtetl.

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erstellt am 01.Apr.2012 | 06:48 Uhr

Schwerin | In seinem Roman über den Milchmann Tevje beschreibt Scholem Alejchem das Leben der osteuropäischen Juden im Schtetl unter der zunehmenden Unterdrückung durch die russische Obrigkeit. Joseph Stein hat daraus ein Musical gemacht, für das Jerry Bock die Musik schrieb. "Wenn ich einmal reich wär" wurde ein weltweiter Ohrwurm.

Auch in der Neuinszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zeigt "Anatevka" ausführlich das Leben der Ostjuden, Familientradition, Glaubenstradition, mit Gesang und Tanz in ein beifallträchtiges Musical-Licht gerückt. Ein Schmarrn?

Keineswegs! Regisseur Stefan Haufe arbeitet neben dem jüdischen Milieu auch Entwicklungslinien von allgemeiner Bedeutung heraus. Das ermöglicht die Projektion des Stückes in unser heutiges Leben. Geht es bei den drei Heiratsgeschichten der ältesten von den fünf Töchtern Tevjes symbolisch um den schrittweisen Verfall der streng hochgehaltenen Tradition im Dorf Anatevka, so beleuchtet Haufe damit die generelle Frage nach Wert und Verfall von Tradition. In Anatevka ist sie ein engmaschiges soziales Netz, in dem auch der Bettler Nachum noch menschenwürdig aufgefangen wird. Ihre endgültige Zerschlagung durch die Vertreibung aus dem Dorf spielt die Frage hoch, was dann aus den Menschen wird. Der vermögende Fleischer Lazar Wolf wird in Amerika Fuß fassen können. Vielleicht auch die älteste Tochter Zeitel mit ihrem Schneider Mottel. Aber Hodel, die zweite, deren Mann Perchik in Sibirien im Lager sitzt, und Chava, die gar den Glauben verlassen und den Christen Fedja geheiratet hat? Und Jente, die Heiratsvermittlerin, deren Dienste niemand mehr braucht?

Drei Töchter mit überzeugenden Charakteren

Wer heute in den Städten das fremde Nebeneinanderleben und die Mobilitätsforderungen des Jobs gewöhnt ist und sich damit arrangiert hat, wird womöglich nicht mehr in der Aufführung sehen als die jüdische Dorfgeschichte. Doch wer die Sehnsucht nach Haltbarkeit von Lebensumständen und Lebensbeziehungen noch kennt, wird durch das Milieu hindurch auf Probleme des eigenen Lebens sehen.

Die Realisierung des Stückes mit Opernkräften lässt allerdings Wünsche offen. Der omnipräsente Chor in der Einstudierung von Ulrich Barthel spielt gut, vermag aber weder rhythmische Probleme singend präzise zu lösen noch linkes und rechtes Bein tanzend immer zu unterscheiden. Dagegen wirken die tanzenden Herren der Statisterie glatt wie ein Profiballett. Den drei Töchtern Frauke Willimczik als Zeitel, Hyunju Park als Hodel und Katrin Hübner als Chava gelingen drei überzeugend unterschiedliche Charaktere. Die stimmlichen Potenzen der Sopranistinnen bleiben in den tiefen Lagen der Songs leider unterfordert. Auch deren Männer Lars Neumann (Mottel), Markus Vollberg (Perchik) und der Schauspieler Bernhard Meindl (Fedja) sowie Anja Werner (Jente) und Andreas Lettowsky (Lazar Wolf) bieten gutes Schauspiel. Besonderen Applaus gab es zu Recht für Frank Blees in der Rolle des Milchmanns und Petra Nadvornik als seine Frau Golde. Daniel Huppert leitete die Mecklenburgische Staatskapelle, der man zuweilen das Bemühen des Opernorchesters um Leichtigkeit und Sentiment des Musicaltones anhörte, von einigen koloristischen Glanzpunkten in Klarinette und Akkordeon abgesehen. Und vom Fiedler auf dem Dach, Jonas Reinhold, der wirklich wie von einem Chagall-Gemälde in die Szene geflogen zu sein schien und seinem Geigenspiel den perfekten Ton zu geben wusste. Seine letzten Töne und die Tableaus von Sabbatfeier, Hochzeitstanz und bedrückendem Schlussbild nimmt man mit auf den Heimweg.

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