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Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 19:02 Uhr

Blättern in wahren Schätzen

vom

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erstellt am 05.Mär.2012 | 11:05 Uhr

Wittenberge | Eine Reise in die Vergangenheit, zurück zu teils sehr persönlichen und emotionalen Momenten, ermöglichte am Sonnabend das Wittenberger Stadtarchiv. Mitarbeiterin Susanne Flügge hatte Ordner mit Fotos, Ansichtskarten und historische Stadtpläne zum Anschauen ’rausgesucht. Anlass war der bundesweite Tag der Archive zum Thema "Feuer, Wasser, Krieg".

Versunken blättert Bernd Friede in einem der Ordner. "Da, die Schornsteine der Schlepper im Hafen", zeigt er auf ein Bild aus dem Jahr 1910. Oder daneben ein Foto vom heutigen Restaurant Kranhaus. Die alte Ansicht zeigt noch den Kran auf der Wasserseite. "Ist doch herrlich", sagt Friede bewundernd, fast andächtig. Er könne sich dem Reiz des Alten nicht entziehen, sammelt selbst und verwahrt an die 300 Karten mit Wittenberger Ansichten.

Einige Seiten weiter entdeckt er ein Foto von der früheren Eisengießerei, Bilder vom Brand der Ölmühle und von einer Feuerwehrübung bei "Bonbon Witte". Lachen muss er bei Bildern von der Badeanstalt an der Elbe. "Dort, der Turm. Von dem habe ich meinen ersten Sprung aus fünf Metern Höhe gemacht." Kinder- und Plantschbecken sowie ein 100 Meter langes Schwimmbecken habe es gegeben. "Eigentlich müsste jede Schulklasse ins Archiv kommen, sich solche Bilder anschauen", sagt Bernd Friede und beschließt, am Nachmittag mit seinem Enkel zurückzukehren.

Gisela Fanslaus Blick verweilt etwas länger bei Motiven von der Sauerschen Klinik an der Ecke Ernst-Thälmann-Straße/Heinrich-Heine-Platz. "Dort sind meine drei Kinder zur Welt gekommen", erzählt sie. Heute steht das Gebäude leer und soll verkauft werden. Faszinierend findet Gisela Fanslau die Ansichten früherer Gaststätten. Manche hat sie selbst einst mit Freunden besucht, zum Beispiel die "Onkel Bernhard Bar" im heutigen Hotel "Germania". "Da war es immer ganz kuschlig", verrät sie. Andere Fotos zeigen das einst beliebte Café Selbmann, die Ernst-Thälmann-Straße mit kleinen Bäumen, die heute stattliche Riesen sind.

Jeder, der hierher kommt, entdeckt Bekanntes und Vertrautes. Das Interesse scheint riesig zu sein, der Besucherstrom reißt nicht ab. "Voll war es immer gewesen, aber so viele Besucher wie heute habe ich noch nie erlebt, das ist Wahnsinn", sagt Susanne Flügge. Das vierte Jahr in Folge öffnet sie am Tag der Archive ihr Reich für die breite Öffentlichkeit. Mit Bildern vom Hochwasser 2002 zeigt sie auch ein Thema, das viele jüngere Wittenberger erlebt haben. Offenbar sei es diese Mischung aus zeitnahen und sehr lang zurückliegenden Ereignissen, die magisch anziehe.

In elf Jahren nicht einmal die Hälfte gesehen

Vielleicht ist es aber auch einfach nur faszinierend zu sehen, wie die Menschen in der eigenen Heimatstadt früher lebten, wie sie sich kleideten, wie die Fassaden der Häuser aussahen. All das fasziniert jedenfalls Susanne Flügge, die im Kellergewölbe des Rathauses eine Unmenge von Schätzen verwaltet. Die junge Frau spricht von vier Magazinräumen für Verwaltungsakten und von vier Räumen für historische Dokumente. Wie viele Einzelstücke das sind, weiß sie nicht, aber in jedem Fall sei das Archiv zu klein.

2001 hat Susanne Flügge hier gelernt, arbeitet jetzt im elften Jahr im Archiv. Sie war dabei, als 2002 die Schätze vor dem Elbehochwasser in Sicherheit gebracht wurden, hat alles mit aus- und wieder eingeräumt. Elf Jahre und doch habe sie längst noch nicht alles gesehen, was sich hier verbirgt. "Vielleicht 30 bis 40 Prozent", schätzt sie vorsichtig.

Täglich komme Neues hinzu. Allein schon die Akten aus dem Rathaus seien umfangreich. Aber immer wieder kommen auch Bürger mit einem Karton oder einer Tasche voll mit alten Fotografien und Ansichtskarten. Das seien für Susanne Flügge die schönsten Momente. "Dann lasse ich alles andere liegen, ziehe mir Handschuhe und Kittel an, bin nicht mehr ansprechbar."

Wenn sie selbst eine Ansicht nicht erkennt, seien Heimatforscher wie zum Beispiel Heinz Muchow oder Günter Rodegast ihre engsten Verbündeten. Und dann gibt es da noch ihre Oma Ilse Flügge, Jahrgang 1928. "Die weiß immer alles", sagt Enkelin Susanne.

Am Sonnabend gab es für Besucher auch Kopien eines Stadtplans von 1890. Mehr als 300 Stück waren davon bis zum Mittag vergriffen. "Auf Wunsch kann man sich diesen aber auch unabhängig vom Tag der offenen Tür holen", verspricht Susanne Flügge.


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