Asyl-Politik : „Bis hier und nicht weiter“

Demonstrativ stellten sich Bürger schützend vor das Asylbewerberheim.  Fotos: Sabine Herforth
Demonstrativ stellten sich Bürger schützend vor das Asylbewerberheim. Fotos: Sabine Herforth

Nach dem Abtritt des Bürgermeisters von Tröglitz wegen Neonazi-Drohungen ist man andernorts achtsam geworden – zum Beispiel in Bützow

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19. März 2015, 21:20 Uhr

In Bützow leben 7500 Einwohner – und neuerdings etwa 100 Flüchtlinge. Schloss und Rathaus sind herausgeputzt, in der Hauptstraße reiht sich Geschäft an Geschäft. Viele pendeln zur Arbeit nach Rostock oder Hamburg, erzählt Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos). „Bützow hat sich gut entwickelt“, bilanziert er. Umso überraschter war er, als am Wochenende eine von Rechtsextremisten organisierte Demonstration mit teils fremdenfeindlichen Sprüchen vor eine der Flüchtlingsunterkünfte zog.

In Windeseile organisierte das Bündnis „Eine Blume für Bützow“ eine Gegendemo. Obwohl die Rechten ihre Kundgebung nur 48 Stunden zuvor angemeldet hatten, mobilisierte das Bündnis immerhin noch rund 50 Leute. Britta Schacht, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, gehörte zu den Gründern von „Eine Blume für Bützow“, als es voriges Jahr hieß, der Stadt würden 55 Asylbewerber zugeteilt.

Das Bündnis sammelte Bettwäsche, Spielzeug und andere Spenden, organisierte Deutschkurse, die pensionierte Lehrer geben. Als nächstes soll eine Fahrradwerkstatt entstehen. „Zu jeder Flüchtlingswohnung sollten Fahrräder gehören“, sagt Schacht. Die Reparatur alter, gespendeter Drahtesel und ihre Instandhaltung – das sollen die Asylbewerber dann selbst leisten.

Bürgermeister Grüschow betont, seine Stadt sei nicht ausländerfeindlich. „Die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen ist nicht schlecht“, sagt er. Die meisten Teilnehmer der Rechten-Demo gegen die Asylbewerber seien auch nicht aus Bützow, sondern von auswärts angereist. Aber einige wohnten eben doch in der Stadt.

Die Berichte aus Tröglitz in Sachsen-Anhalt, wo der Ortsbürgermeister nach rechtsextremistischen Anfeindungen zurückgetreten war, geben vielen hier in Bützow zu denken.

Peter Müller hat keine Angst. „Diese gehirnamputierten Rechten“, sagt der 72-jährige Sozialdemokrat – und winkt ab. „Denen muss die Demokratie viel deutlicher sagen: Bis hier und nicht weiter.“ Der Geschäftsführer des Bützower Berufsbildungsvereins hat Arbeit für Flüchtlinge organisiert. Er ist voll des Lobes. Pünktlich seien sie, arbeitsam und kreativ. Sollte doch einer lustlos zu Werke gehen, kriegt er was zu hören. „Deutschland ist schön, nicht wahr?“, pflegt Müller dann zu fragen und nachzuschieben: „Weil hart gearbeitet wird.“ Müllers Projekt bietet seit Jahresbeginn 50 Flüchtlingen Beschäftigung. In der Tischlerwerkstatt stellen sie von Holzlöffeln bis zu Kleinmöbeln alles her, was sie gebrauchen können.

Eine Gruppe Ukrainer aus dem Kriegsgebiet Donbass schleift am Nachbau eines Wikingerschiffs mit Sieben-Meter-Mast, das einmal der Bützower Kanuverein bekommen soll.

Maxim Gulchak ist einer der ukrainischen Kriegsflüchtlinge, die am Wikingerschiff arbeiten. Täglich radelt er die drei Kilometer in den Vorort, in dem der Berufsbildungsverein seinen Sitz hat. Einmal pro Woche hat er außerdem Deutsch-Unterricht. „Das ist zu wenig. Ich würde gerne täglich Unterricht nehmen“, sagt der 36-Jährige, der mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland kam. Gulchak ist gelernter Goldschmied. Müller wünscht ihm, dass er einen Aufenthaltstitel bekommt. Dann würde er Gulchak und seinen Kollegen mit Metall-Erfahrung gleich einen Schweisserkurs anbieten.

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