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Landwirtschaft : Bio-Landbau ist Lebenseinstellung

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Frauen haben auf dem Alten Pfarrhof in Elmenhorst das Sagen. Am Tag der offenen Käserei laden Betriebe zur Besichtigung ein

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Der Alte Pfarrhof von Elmenhorst vermittelt ländliche Idylle: Kälbchen liegen im Stroh, Katzen räkeln sich in der Sonne, Vogelgezwitscher. Es duftet nach frischem Brot. In der Käserei klappern Gläser. Ware zum Ausliefern wird verpackt – Käse, Milch, Quark und Joghurt für die Naturkostläden in der Umgebung. Der Demeter-Hof bei Stralsund hat sich am Markt etabliert, sagt Inhaberin Claudia Resthöft, obwohl er marktfern liege. „Berlin und Hamburg sind weit weg“, sagt sie. In der Saison profitiert der Bio-Betrieb mit sechs Angestellten vom Tourismus an der Ostseeküste.

Die studierte Landwirtin, die seit 20 Jahren in Elmenhorst arbeitet, hat ihr Unternehmen breit aufgestellt: 40 Milchkühe, ein Zuchtbulle, 214 Hektar Acker- und Grünland, Käserei, Bäckerei, Hofladen und demnächst noch ein Café und ein Veranstaltungsraum. Zum ersten Tag der offenen Käserei in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag (24. April) sind Café und Laden noch eine Baustelle, bedauert Resthöft, die im Vorjahr die Milch- und Käsestraße mit jetzt 17 Betrieben im Land mitgründete.

Im Umfeld von Stralsund hat die Milch- und Käsestraße gleich mehrere Betriebe, die Milch erzeugen und selbst verarbeiten, darunter den Ziegenhof Sievertshagen, den Demeter-Hof Zandershagen oder den Schaf- und Ziegenhof Palmzin. „In touristischen Gebieten macht die Käsestraße Sinn“, sagt der Vorsitzende des bundesweiten Verbandes der handwerklichen Milchverarbeitung, Klaus Tipke. „In der Gemeinschaft kann man gut vermarkten.“ Er hat die Erfahrung gemacht, dass für viele Kunden vor allem Regionalität zählt – mehr als Bio.

Auf dem Alten Pfarrhof aber ist der Bio-Landbau mehr als nur eine Produktionsweise – er ist eine Lebenseinstellung. „Auch die Menschen müssen hier ihren Platz finden“, sagt Resthöft, die lange Zeit Arbeitslosen eine Chance gegeben hat – erfolgreich.

An der Spitze des Hofes stehen drei Frauen. „Wir teilen uns die Arbeit – das Melken, die Bäckerei, die Käserei und das Herdenmanagement“, erläutert die 49-jährige Chefin. Die beiden anderen Frauen haben ihre Spezialgebiete als Käserin und Bäckerin. Alle drei können sich gegenseitig ersetzen und schaffen sich somit Freiräume.

Käserin Antje Röhrbein hält diese Flexibilität für entscheidend, damit der Hof läuft. „Und dass darauf geachtet wird, dass Urlaub und Freizeit zum Beispiel für Feiertagsarbeit genommen wird“, betont die Mutter von drei Kindern zwischen zwei und sieben Jahren. Hinzu kommt noch Öffentlichkeitsarbeit auf Tagungen oder Präsentationen, etwa an Wochenenden in Hotels. Dann sind alle drei Frauen im Einsatz. Claudia Resthöft, die den Betrieb vor elf Jahren kaufte, nachdem sie ihn neun Jahre leitete, muss zudem allen „Bürokram“ verantworten und ist auch mit der Feldarbeit vertraut.

Die Kühe geben im Jahr etwa 147 000 Kilogramm Milch. Davon werden 40 000 Kilo auf dem Hof zu Käse, Quark und Joghurt verarbeitet. Das Gros geht an die Gläserne Molkerei Dechow in Nordwestmecklenburg. Derzeit zahlt sie dem Hof, der nach den strengen Demeter-Richtlinien wirtschaftet, 55 Cent pro Kilogramm. Das ist mehr als das Doppelte des Preises für konventionelle Milch. Doch geben Bio-Kühe, die im Sommer auf der Weide stehen und im Winter Heu futtern, auch nur halb so viel Milch.

Sie würde gerne mehr Milch verarbeiten und könnte mehr Käse absetzen, sagt Resthöft. In der Käserei wäre Platz für zwei weitere Kessel. Sie brauchte dann noch eine feste Kraft. Aber ein weiterer Lohn müsse erst einmal erarbeitet werden, gibt sie zu bedenken. Daher ist sie vorsichtig mit dem Wachsen des Betriebes.

Sie hat Standards, die nach ihrem Wissen in der Bio-Szene nicht überall üblich sind. Im Westen wäre ein Hof wie ihrer wahrscheinlich ein Familienunternehmen. Sie aber zahlt Mindestlohn, gewährt 24 Tage Urlaub und Freizeit für Wochenendarbeit. Ohne Idealismus, an dem Projekt „Ökolandbau“ mitzuarbeiten, würde der Alte Pfarrhof jedoch nicht funktionieren, ist sich die Landwirtin sicher.

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